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Malerisch oder trügerisch? Meinung zu Deutschlands WM-Chancen

Meinung zur Handball-WM: Noch lange kein Wintermärchen!

10.01.2019 15:12
Christian Prokop (M.) muss bei der Heim-WM liefern
Christian Prokop (M.) muss bei der Heim-WM liefern

Das Halbfinale soll es also werden - mindestens! Die Lenker und Denker des deutschen Handballs sind sich einig: Bei der WM in Deutschland und Dänemark kann der Weg nur zurück in die absolute Weltspitze führen. Doch wie stark ist sie denn nun, unsere Handball-Nationalmannschaft? Eine Meinung.

Die Form- und Leistungskurve kannte in den letzten Tagen der unmittelbaren WM-Vorbereitung nur noch eine Richtung: nach oben. Keine größeren Verletzungssorgen, vollkommen fokussierte Protagonisten auf der Platte und starke Resultate in den letzten Testspielen: Die Vorzeichen stehen vor dem WM-Auftakt gegen Korea gut und schüren große Vorfreude.  

Gerne wird unterschlagen, dass in diesem Jahr eine ganz spezielle Drucksituation auf dem Team um Christian Prokop herrscht. Dieser Druck ist vor dem Start einer Heim-WM teilweise naturgemäß, teilweise hausgemacht.

Da sind die beiden vermeintlichen Weltklasse-Linksaußen Uwe Gensheimer und Matthias Musche, die endlich auch bei einer Weltmeisterschaft mal ihre Top-Leistungen abrufen müssen. Da ist Mittelmann Martin Strobel, der als Zweitligaspieler das Hirn im deutschen Angriff sein soll und dessen Berufung zum Offensiv-Regisseur bereits rauf und runter diskutiert wurde.

Da ist das Torhüter-Duo um Andreas Wolff und Silvio Heinevetter, das im Vorfeld als vielleicht bestes Gespann des Turniers geadelt wurde und jetzt liefern muss. Da ist Linkshänder Patrick Groetzki, der als einziger gelernter Rechtsaußen im Kader steht und sich nach der zweifelhaften Degradierung von Tobias Reichmann nun keinerlei größere Aussetzer leisten darf. Ihm wurde durch den Bundestrainer eine Drucksituation auferlegt, die zumindest hinterfragt werden darf.

Nicht zuletzt ist da der Bundestrainer selbst. Für Christian Prokop herrscht der größte Druck unter allen Protagonisten im DHB-Tross. So sehr sich der 40-Jährige auch um Lockerheit und Selbstverständnis bemüht: Scheitert das WM-Projekt, scheitert Prokop!

Nach seinem verpatzten Turnier-Debüt mit Platz 9 bei der EM 2018 bereits arg angezählt, überzeugt Prokop in der Vorbereitung auf die Heim-WM im eigenen Land mit neuer Kompromissbereitschaft, verbesserter Kommunikation und taktischer Flexibilität. Wie viel das alles wert ist, zeigt sich erst bei Rückschlägen, wenn die Formkurve erste Dellen erhält. 

Deutschland muss wieder Handball-Land werden

Gleichzeitig herrscht in diesem Jahr eine sogar noch größere Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit als bei der letzten Heim-WM vor zwölf Jahren. Damals schaffte es die Nationalmannschaft, in der Spitze über 17 Millionen Deutsche an den TV-Geräten zu fesseln und zu begeistern. Eine ziemliche Bürde! Damals schenkten uns die viel zitierten "echten Typen" um Henning Fritz, Pascal Hens, Christian Schwarzer und Oliver Roggisch ein goldenes Wintermärchen.

Die Typen sind dieses Mal andere, heißen Uwe Gensheimer, Andreas Wolff, Hendrik Pekeler oder Finn Lemke. Alles Charaktere, die schon überzeugt haben, bei den letzten großen Turnieren allerdings auch schon gescheitert sind. 

Zumindest der Spielplan meint es schon mal gut mit der Prokop-Sieben, wenn es gegen die Außenseiter Korea und Brasilien losgeht.

Die gesamte Führungsriege des Deutschen Handball-Bundes wurde in den letzten Tagen nicht müde, die neue Geschlossenheit und das neue Einheitsgefühl im Team zu betonen. Zwischen Bundestrainer Christian Prokop und seinen Führungsspielern herrsche ein neues Miteinander, welches für den angepeilten Halbfinal-Einzug Grundvoraussetzung ist.

Die Garantie für ein neues Wintermärchen ist das aber noch lange nicht! 


>> Mehr dazu: Das Powerranking zur Handball-WM


Wir-Gefühl (noch) nicht mehr als ein Burgfrieden

Das heraufbeschwörte Wir-Gefühl nenne ich nicht mehr als einen Burgfrieden! Dass in den letzten Wochen öffentlich der positive Mannschaftsgeist beschworen und hervorgehoben wurde, ist sicherlich wichtig und richtig. Es ist allerdings auch ziemlich leicht, von guter Stimmung zu reden, wenn alles glatt läuft.

Richtig spannend wird es erst, wenn die ersten Rückschläge einsetzen. Was passiert, wenn sich der erste Leistungsträger verletzt, wenn die erste Partie verloren geht oder die ersten Taktiken des Bundestrainers mal nicht greifen?

Erst in diesen Momenten wird sich zeigen, wie toll der Teamgeist der 16 DHB-Stars, die aus neun verschiedenen Klubs angereist sind, wirklich ist.

Auch hierbei darf das unvergessene Wintermärchen von 2007 als leuchtendes Beispiel gelten. Damals schaffte es Trainer Heiner Brand gerade in den schwierigen Momenten - die Vorrundenniederlage gegen Polen oder die Verletzungen von Markus Baur und Andrej Klimovets - die Truppe zusammenzuschweißen und noch stärker werden zu lassen. Darauf wird es auch dieses mal ankommen. Und das ist vielleicht schwieriger als Siege gegen Olympiasieger Dänemark, Weltmeister Frankreich, oder Europameister Spanien.  

Mats-Yannick Roth

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