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Deutschlands Handball-Legende im exklusiven WM-Interview

"Besonderer Druck!" Brand nimmt Gensheimer in die Pflicht

09.01.2019 18:20
Heiner Brand hofft auf eine erfolgreiche Heim-WM der deutschen Handballer
Heiner Brand hofft auf eine erfolgreiche Heim-WM der deutschen Handballer

Heiner Brand ist das Gesicht des deutschen Handballs. Der 66-Jährige wurde als Spieler und Trainer Weltmeister, war über 40 Jahre lang auf höchstem Niveau aktiv tätig und arbeitet seit seinem Rücktritt als Bundestrainer 2011 erfolgreich als TV-Experte und Kolumnist. 

Vor der am Donnerstag beginnenden Handball-WM in Deutschland und Dänemark sieht der Architekt des legendären Wintermärchens 2007 eine Nationalmannschaft mit großen Chancen, erkennt aber auch Risiken vor dem Heimturnier.

Mit sport.de hat die Ikone des deutschen Handballs im großen Interview exklusiv über seine Erwartungen an das DHB-Team, die neue Eintracht zwischen Bundestrainer Prokop und seinen Spielern sowie über den Blick auf die internationale Konkurrenz gesprochen.

Herr Brand, welchen Eindruck haben Sie in den letzten Tagen und Wochen von der Deutschen Nationalmannschaft gewonnen? Wie sehen Sie das Team für die Heim-WM gerüstet?

Heiner Brand: Dass große Qualität im Kader vorhanden ist, ist klar. Darüber haben wir in den letzten Jahren schon gesprochen, und der Kern der Truppe hat sich nicht großartig verändert. Da ist eine Spielergeneration, die sehr gut ausgebildet ist, die in jungen Jahren schon viele Erfahrungen gesammelt hat und die auch eine sehr gute Perspektive hat. Bei den letzten beiden großen Turnieren hat das nicht gereicht (Achtelfinalaus WM 2017, 9. Platz EM 2018, Anm. d. Red.), da sind sie mal auf Normalmaß zurückgestutzt worden.


Mehr dazu: Der Spielplan der Handball-WM


Ich denke aber, dass alle Beteiligten aus diesen letzten Erfahrungen gelernt haben. Ich habe den Eindruck, dass die beiden sogenannten Parteien Trainer und Mannschaft sich ausgesprochen und wieder genähert haben und gemeinsam diesen Weg gehen wollen.

Die von Ihnen angesprochenen Differenzen zwischen Bundestrainer Prokop und Teilen der Mannschaft galt als ausschlaggebend für das schlechte Abschneiden bei der EM im letzten Jahr. Sind Trainer und Spieler jetzt vor der WM im eigenen Land wieder eine Einheit, was für den Turnierverlauf so wichtig ist?

Ich habe darüber selbst mit Christian Prokop gesprochen, wir waren ja auch gemeinsam im ZDF-Sportstudio. Aus diesen Gesprächen habe ich schon den Eindruck gewonnen, dass da eine Annäherung stattgefunden hat und dass beide Seiten aus dem letzten Jahr gelernt haben. Ich denke, es wäre für einen Außenstehenden auch nicht zu verstehen, wenn man sich im Vorfeld und während einer Heim-Weltmeisterschaft mit anderen Dingen als dem sportlichen Erfolg beschäftigen würde.

Brand: "Viele sehr gute Bundesligaspieler sind keine erfolgreichen Nationalspieler"

Beim Blick auf den Kader scheint die DHB-Truppe auf den Außenpositionen und am Kreis den allerhöchsten Ansprüchen zu genügen. Im Rückraum waren zuletzt noch einige Defizite erkennbar. Teilen Sie diese Einschätzung und wie bewerten Sie die Zusammensetzung des Kaders?

Nein, ich würde da keine großen Unterschiede machen. Wir sind sicherlich am Kreis sehr gut besetzt mit allen drei Spielern (Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Jannik Kohlbacher, Anm. d. Red.), die wirklich sehr stark sind. In Deutschland haben wir derzeit ohnehin ein sehr gutes Angebot an Kreisläufern.

Kapitän Uwe Gensheimer ist laut Heiner Brand bei der Heim-WM besonders gefordert
Kapitän Uwe Gensheimer ist laut Heiner Brand bei der Heim-WM besonders gefordert

Auf den Außenpositionen müssen wir mal sehen. Matthias Musche muss jetzt international seine Tauglichkeit beweisen. Bundesliga und ein großes internationales Turnier sind immer noch sehr verschiedene Dinge. Das habe ich in über 40 Jahren Erfahrung gelernt, dass viele sehr gute Bundesligaspieler nicht gleichzeitig auch erfolgreiche Nationalspieler sind. Aber ich hoffe natürlich, dass es bei Musche der Fall sein wird. Uwe Gensheimer steht sicherlich auch unter einem besonderen Druck, mal ein großes internationales Ereignis erfolgreich zu gestalten. 

Und der deutsche Rückraum?

Die Öffentlichkeit wird ein paar Fragen stellen, dass Martin Strobel als Zweitligaspieler, der aber viel Erfahrung mitbringt, nominiert wurde. Aber Bundestrainer Prokop hat sich hierzu auch seine Gedanken gemacht. Ich sehe uns auf den Rückraumpositionen nicht unbedingt im Nachteil, was den Vergleich mit anderen Nationen angeht. Bei denen sind zwar viele Spieler bei Champions-League-Teilnehmern aktiv, aber auch nicht unbedingt immer bei den Spitzenmannschaften.

Die Franzosen beispielsweise haben mit Remili und Richardson wieder sehr starke junge Leute dabei, die aber auch noch in der Entwicklungsphase sind. Auf Rückraum links und Mitte sind sie nicht so überragend besetzt. Auch die Skandinavier haben natürlich gute Spieler in ihren Reihen, aber da sehe ich im Vergleich zu unserer Mannschaft keine allzu großen Unterschiede. Wir müssen uns mit Steffen Weinhold und Fabian Wiede im rechten Rückraum und mit Steffen Fäth und Paul Drux auf der linken Seite nicht verstecken – vor allem nicht vor heimischem Publikum.

Sie haben Frankreich angesprochen, das zum ersten Mal seit vielen Jahren verletzungsbedingt auf Superstar Nikola Karabatic verzichten muss. Wie schwer wiegt der Ausfall des viermaligen Weltmeisters bei den Franzosen, einem der fünf deutschen Vorrundengegner?

Das wird man sehen! Nikola ist sicherlich, wenn er gesund ist, noch in der Verfassung, dass er in einem großen Spiel deutliche Akzente setzen kann. Aber so wie ich es auch in den Spielen von Paris Saint-Germain verfolgt habe, ist das schnelle Angriffsspiel mit ihm nicht immer durchzuführen gewesen. Er beansprucht mit seiner überragenden individuellen Qualität viel Ballbesitz für sich, der Ball lief bei PSG mit ihm im Angriff insgesamt aber auch nicht immer so gut. 

Brand legt sich fest: "Halbfinale muss das Ziel sein"

Die deutsche Mannschaft startet am 10. Januar gegen Korea, zwei Tage später geht es gegen Brasilien weiter. Ist das ein ideales Auftaktprogramm, um sich das nötige Selbstvertrauen für den weiteren Turnierverlauf zu holen?

Sowas weiß man immer erst hinterher. Auch sehr starke Gegner direkt zum Turnierstart können letztlich ein Vorteil sein, das lässt sich allgemein nicht sagen. 2007 haben wir auch zwei vermeintlich schwächere Gegner am Anfang gehabt, haben danach gegen Polen verloren und uns erst danach wieder gefangen. Aber es stimmt schon: Es ist etwas beruhigender, dass wir in das erste Spiel reingehen können und wissen, dass wir sehr wahrscheinlich gewinnen werden. 

Die Gruppe wird außerdem komplettiert mit Russland und Serbien. Welche Qualität bringen diese beiden Teams auf die Platte?

Das wird in beiden Spielen nicht einfach. Aber ich denke schon, dass wir in beiden Spielen als klarer Favorit gelten. Ich gehe fest davon aus, dass der erste Platz in der Gruppe zwischen Deutschland und Frankreich ausgespielt wird.

Der DHB hat das Erreichen des Halbfinales als großes Ziel für die Heim-WM ausgegeben. Für wie realistisch halten Sie diese Zielsetzung?

Bei dieser Konstellation, dass es in diesem Jahr keine wirkliche Ausnahmemannschaft gibt und dass das Turnier im eigenen Land stattfindet, muss das Halbfinale auf jeden Fall das große Ziel für unsere Mannschaft sein! Ich finde es auch gut, dass Christian Prokop und sein Team mit ehrgeiziger Zielsetzung in die WM gehen und halte das Halbfinale für die deutsche Mannschaft für erreichbar.

Welches Team haben Sie ganz oben auf dem Zettel stehen?

Das sind die üblichen fünf, sechs Verdächtigen. Ich habe auch nicht jedes einzelne Spiel der anderen Mannschaften verfolgt. Kroatien, Spanien, Frankreich, Dänemark und Schweden sind immer als Mitfavorit zu nennen. Auf Norwegen bin ich auch wieder sehr gespannt. Es sind immer viele Dinge, die so einen Turnierverlauf beeinflussen können, von daher lässt sich der große Titelfavorit meiner Ansicht nach dieses Mal nicht ausmachen.

Unvergessen! Heiner Brand wird 2007 als Bundestrainer Weltmeister
Unvergessen! Heiner Brand wird 2007 als Bundestrainer Weltmeister

Untrennbar mit Ihrer Person ist natürlich der große WM-Triumph, das Wintermärchen von 2007 in Erinnerung, bei dem am Ende über 15 Millionen Menschen die Handball-WM verfolgt haben und Deutschland zum WM-Sieg trugen. Halten Sie eine derartige Euphoriewelle auch in diesem Jahr für möglich?

Natürlich steht mittlerweile eine andere Mannschaft auf dem Feld, aber auch diese Jungs können eine große Begeisterung entfachen. In erster Linie ist das abhängig von den Leistungen und dem Auftreten der Mannschaft während des Turniers. Ich halte es aber für durchaus möglich, dass die Mannschaft eine vergleichbare Euphorie hervorrufen kann. Was das mediale Interesse im Vorfeld anbelangt, ist es in diesem Jahr sogar mehr, als es 2007 war. Vor zwölf Jahren setzte die dynamische Entwicklung in diesem Ausmaß erst während des Turniers ein.   

Das Gespräch führte Mats-Yannick Roth

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