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Die Knie sind hinüber, die Ergebnisse ein Desaster

"Flugsaurier" Kasai und die Angst vor dem Ende

28.12.2018 11:42
Noriaki Kasai kommt 2019 nicht in Schwung
© getty, Matthias Hangst
Noriaki Kasai kommt 2019 nicht in Schwung

Zum 29. Mal nimmt Noriaki Kasai an der Vierschanzentournee teil, nach 30 Jahren im Weltcup tut sich der Japaner aber schwer wie nie. Kasai droht, den Absprung zu verpassen.

Die Knie sind hinüber, die Ergebnisse ein Desaster - doch Noriaki Kasai lächelt alle Sorgen weg. "Ich liebe das Skispringen und denke immer noch, dass ich weitere zehn Jahre dabei bleiben werde", sagt Japans Skisprung-Dauerbrenner, der am Wochenende in Oberstdorf zum 29. Mal in eine Vierschanzentournee startet: "Vielleicht habe ich aber zuletzt einfach nicht intensiv genug trainiert."

Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch Zeit, einen Abgesang auf einen 46-Jährigen anzustimmen, dessen Weltcup-Debüt am Montag vergangener Woche genau 30 Jahre zurücklag. Der tags zuvor in Engelberg als 30. "irgendwie" (Kasai) seinen ersten Weltcup-Punkt der laufenden Saison einsammelte. Dessen Überzeugung, für ihn stehe die Zeit still, sich als Irrglaube entpuppt.

Und der sich vielleicht doch für ein baldiges Karriereende entscheiden sollte, soll nicht das einst Undenkbare eintreten: Dass aus dem würdevollen Flugsaurier, der auch im biblischen Schanzenalter um das Podest mitsprang, eine bemitleidenswerte Figur wird.

Kasai "glücklich" über Kobayashi

Als Kasai vor 29 Jahren in Garmisch-Partenkirchen die Tournee-Bühne betrat, war die Welt eine andere. Politisch existierte noch die Sowjetunion, sportlich maßen sich Skispringer im archaischen Parallelstil. Die Polen Kamil Stoch und Piotr Zyla, derzeit älteste Springer unter den Top 40 des Gesamtweltcups, waren damals süße zwei Jahre alt.

Es sind die üblichen Einordnungen, um die titanische Karriereleistung Kasais zu verstehen, der mit 42 Jahren noch ein Weltcup-Springen gewann. Seine sportliche Relevanz schwindet aber immer mehr. Im erneuerten japanischen Team mit dem jungen Superflieger Ryoyu Kobayashi kann der Senior kaum mehr mithalten.

"Vor der Tournee bin ich noch einmal nach Japan zurück, um nach langer Abwesenheit den Geist aufzufrischen", sagte Kasai, der - anders als in den vielen Jahren zuvor - daheim bei Ehefrau Reina und Töchterchen Rino (2) Zerstreuung suchte. Auch an dem schier unerschütterlichen Optimisten hat die Chancenlosigkeit mit nur einem Finaldurchgang und dem Qualifikations-Aus in Wisla als Tiefpunkt gekratzt.

Immerhin: Kasai, lange Alleinunterhalter im Team, hat einen würdigen Nachfolger gefunden. "Ich bin glücklich. Ryoyu ist sehr motiviert, körperlich und geistig stark", sagt das Urgestein über den 24 Jahre jüngeren Kobayashi, der Favorit auf den Tourneesieg ist und schaffen könnte, was Kasai (Zweiter 1992/93 und 1998/99) verwehrt blieb. Ob Kobayashi ein zweiter Kasai werden kann? "Nein", sagt das Original, "es gibt nur einen Noriaki."

Und dieser setzt darauf, dass nun alles besser wird. Bei der Tournee wird der Publikumsliebling wie immer gefeiert werden, danach warten die geliebten Flugschanzen auf den Weltmeister von 1992. Auf denen müssen er und seine maladen Knie quasi nicht abspringen, Kasai kann einfach über den Bakken gleiten und seine einzigartigen Flugfähigkeiten ausnutzen.

Das wird ihn mit Sicherheit unter die besten 20, vielleicht besten Zehn tragen, und Kasai wird wohl denken, warum dann aufhören? Ein ewiger und aussichtsloser Kampf gegen die Zeit oder vielleicht doch ein Ende in Würde, diese nun beginnende Tournee als letzte? "Nori" ist zu wünschen, dass er die richtige Entscheidung trifft.

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