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Lambertz wirft als Bundestrainer der Schwimmer hin

20.12.2018 13:03
Henning Lambertz tritt als Schwimm-Bundestrainer zurück
Henning Lambertz tritt als Schwimm-Bundestrainer zurück

Henning Lambertz ist überraschend als Schwimm-Bundestrainer zurückgetreten. Dafür gab er familiäre, aber auch verbandsinterne Gründe an.

Die Tränen seiner zwei Töchter verfolgten Henning Lambertz bei jedem Wettkampf. "Wenn die Kinder auf deinen Koffern sitzen und dich anbetteln: 'Bitte geh' nicht!', dann ist das nur schwer zu ertragen", sagte Lambertz dem "SID".

Deshalb traf er "die schwerste Entscheidung meiner Karriere": Er trat am Donnerstag völlig überraschend als Bundestrainer zurück und versetzte dem krisengeschüttelten Deutschen Schwimm-Verband (DSV) einen weiteren Tiefschlag.

Dass seine "Freundin und Mentorin" Gabi Dörries seit zwei Wochen keine Verbandspräsidentin mehr ist, sei "das Zünglein an der Waage" gewesen. "Im Schulterschluss haben wir sechs Jahre hervorragend zusammengearbeitet. Ich habe zu Gabi immer gesagt: Wenn du einmal aufhörst, dann gilt das auch für mich", verriet Lambertz, der auch in Krisenzeiten immer die volle Rückendeckung der Präsidentin zu spüren bekommen hatte.

Deutsche Schwimmer in der Bredouille

Dörries war beim Verbandstag am 8. Dezember wegen ihres nicht zur Abstimmung gebrachten Finanzkonzepts zurückgetreten, jetzt folgt ihr der Bundestrainer. Anderthalb Jahre vor den Olympischen Spielen in Tokio sind damit im DSV die zwei wichtigsten Posten nicht besetzt.

"Ich bin schockiert. Das ist der zweite harte Schlag innerhalb kürzester Zeit", sagte die frühere Athletensprecherin Dorothea Brandt: "Es bleibt nur zu hoffen, dass von den vielen Dingen, die Henning angestoßen hat, etwas übrig bleibt."

Einen direkten Nachfolger für Lambertz wird es bis zu den Sommerspielen 2020 nicht geben, seine Aufgaben werden "in einem kompetenten Trainer- und Expertenteam auf mehrere Schultern verteilt", sagte DSV-Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen.

Es ist davon auszugehen, dass sich am Qualifikationsmodus für die WM im kommenden Sommer in Südkorea (harte Normzeiten, längerer Zeitraum) nichts ändert.

Henning Lambertz verfehlt ehrgeizige Ziele

Lambertz war nach dem miserablen Olympia-Auftritt 2012 vom Bundesstützpunkttrainer in Essen zum Chef-Bundestrainer Schwimmen aufgestiegen und hatte ein ehrgeiziges Ziel formuliert: Er wolle Deutschland wieder zur Schwimm-Nation Nummer eins in Europa machen.

Davon sind Marco Koch und Co. weit entfernt, auch wenn die erfolgreiche EM im vergangenen Sommer in Glasgow Anlass zur Hoffnung gab.

Bei Olympia in Rio blieb das Becken-Team aber auch unter Lambertz medaillenlos, zudem gab es immer wieder Reibereien mit Heimtrainern und Athleten, zuletzt wegen des umstrittenen Kraftkonzepts, der harten Normen und der zunehmenden Zentralisierung.

Der Bundestrainer versuche, "allen eine Doktrin aufzudrücken, von der nur er selbst überzeugt ist", hatte zum Beispiel Weltrekordler Paul Biedermann kritisiert. Mit dem Olympia-Sechsten Philip Heintz war Lambertz während der WM 2017 in Budapest öffentlich aneinandergeraten.

"Ich denke, wir haben an den richtigen Stellschrauben gedreht"

Lambertz ist mit seiner Arbeit dennoch zufrieden. "Ich denke, wir haben in den letzten sechs Jahren an den richtigen Stellschrauben gedreht", sagt er: "Ich übergebe ein Team, das zusammengewachsen und dichter an die Weltspitze gerückt ist. Wenn man den Weg weitergeht, kann daraus Großes wachsen."

Er selbst wird weiter ein kleiner Teil davon sein, denn die Trainingssteuerung von Ex-Weltmeister Koch wird Lambertz bis zu den Olympischen Spielen fortsetzen. Ob er danach als Schwimmtrainer an den Beckenrand zurückkehrt, ist offen.

Eines aber ist gewiss: Seine Kinder hat Lambertz mit der Entscheidung glücklich gemacht. "Sie sind mir um den Hals gefallen", verriet er.

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