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Die größten Sport-Highlights 2018: Platz 9

"Heimscheißer" Harting verlässt sein "Wohnzimmer"

24.12.2018 17:08
Robert Harting hat 2018 seine Karriere beendet
Robert Harting hat 2018 seine Karriere beendet

Frankreichs Sieg bei der Fußball-WM, ein olympisches Eishockey-Highlight, Deutschlands Tennis-Helden und andere herausragende Leistungen. Die sport.de-User haben ihre zehn größten Sportmomente 2018 gewählt. Platz 9: der letzte Wurf von Robert Harting.

Robert Harting trippelt nervös über die Tartanbahn des Berliner Olympiastadions, blickt gebannt auf die Anzeigetafel, zerfetzt plötzlich erleichtert sein Trikot, schultert das überraschte Maskottchen Berlino und deckt die Hauptstadt mit einer Arie von Jubelschreien ein.

Mit satten 69,43 Metern im letzten Versuch hatte der 24-Jährige gerade persönliche Bestleistung geworfen und sich den WM-Titel 2009 gesichert - der Anfang einer beeindruckenden Karriere. Neun Jahre, einige Kontroversen und zahlreiche Erfolge später schloss sich 2018 an selber Stelle der Kreis.

Bei der EM 2018 in Berlin bestritt Harting seinen letzten internationalen Wettkampf, im September 2018 gab sich der 34-Jährige beim ISTAF in der Hauptstadt zum allerletzten Mal die Ehre.

"Zwischen 2009 und 2018 verglichen, ist das Stadion das gleiche. Aber ich bin nicht derselbe", kommentierte Harting die letztmalige Rückkehr in sein "Wohnzimmer": "Mein Charakter hat sich total verändert. Ich war damals ein Niemand und schaffte es, einen großen Wurf zu machen."

Der ganz große Wurf, das letzte Hurra einer unglaublichen Laufbahn, blieb aus, dennoch war der EM-Verlauf irgendwie typisch Harting.

Von Verletzungen geplagt, rutschte Harting erst im letzten Moment ins Aufgebot des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, war dann aber der einzige, der die deutschen Farben im Finale der Diskus-Asse vertrat, nachdem Harting-Bruder und London-Olympiasieger Christoph in der Qualifikation keinen gültigen Wurf zustande brachte und Daniel Jasinski mit 60,10 Metern enttäuschte.

"Ein bisschen erdrückend, erleichternd, nicht berauschend"

Robert Harting schnupperte am 8. August sogar an einer Medaille: Nach vier Versuchen lag der Deutsche auf dem Bronze-Rang, am Ende reichten überschaubare 64,33 Meter immerhin für Platz sechs. 

"Es ist ein bisschen erdrückend, erleichternd, nicht berauschend. Ein bisschen traurig bin ich. Es ist sehr viel gerade", gab Harting nach seinem letzten Wurf auf der ganz großen Bühne zum Besten. Harting wäre halt nicht Harting, hätte er nicht doch mit einer Medaille geliebäugelt. 

Spätestens das ISTAF in Berlin ließ Harting aber jegliche Enttäuschung vergessen. Das traditionsreiche Meeting stand ganz im Zeichen des Abschieds des DLV-"Sprachrohrs". Hartings markantes Konterfei, versehen mit dem Slogan "Der letzte Schrei" zierte die Straßen der Millionenmetropole Berlin, um das älteste Leichtathletik-Meeting der Welt zu bewerben. 

"Heimscheißer" Robert Harting entfacht große Emotionen

Als Höhepunkt eines famosen ISTAF-Spektakels gaben sich Harting und Co. die Ehre. 45.500 tobende Zuschauer begrüßten den Lokalmatadoren mit Standing Ovations, die Konkurrenz applaudierte anerkennend. "Für mich muss er schon gar nicht mehr werfen, der Höhepunkt ist bereits erreicht", brachte "ARD"-Kommentator Ralf Scholt das Geschehen auf den Punkt.

Harting warf natürlich dennoch und verabschiedete sich mit 64,95 Metern, nur Bruder Christoph (65,67 Meter) übertrumpfte den dreimaligen Sportler des Jahres. "Das war ein atemberaubender Abschied. Ich fühle mich sehr geehrt, dass so viele Leute gekommen sind. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich bei meinem Abschied nicht so weit weg bin von zu Hause. Ich bin ein kleiner Heimscheißer", so ein sichtlich gerührter Harting. "Ich hätte glatt Lust, weitere Wettkämpfe zu machen. Aber man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Jetzt verstehe auch ich diesen Satz."

"Man sieht, wie dankbar das Publikum ist für das, was die Athleten geleistet haben. Robert hatte einen eigenen Kopf, eine eigene Meinung, Erfolge. Das wird dankbar angenommen. Sehr viele Zuschauer sind geblieben, und wir Diskuswerfer sind mit auf die Ehrenrunde gegangen. Das ist Ehrensache. Denn: Es verlässt nicht irgendwer die Bühne, sondern einer der Großen", ergänzte Christoph Harting, der ein eher reserviertes Verhältnis zu seinem Bruder pflegt.

Wie es für Robert Harting nach der Karriere weitergeht, ist noch unklar. Der 2,01-Meter-Hüne legt sich zumindest keine Grenzen auf: "Wenn man mal raus ist aus dieser Sportwelt, bekommt man die Dimensionen des Lebens etwas klarer gestellt. Ich sage immer lustigerweise: Von Pförtner bis Kanzler ist alles drin. Wichtig ist, Respekt vor allen zu haben", erklärte Harting dem "SID".

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