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Deutschlands bester Skispringer im Exklusiv-Interview

Richard Freitag: "... Dann kann man auch tief fallen"

16.11.2018 17:58
Skispringer Richard Freitag hat große Lust auf den Winter 2018/2019
© getty, Sebastian Widmann
Skispringer Richard Freitag hat große Lust auf den Winter 2018/2019

Am Wochenende startet Richard Freitag in die neue Weltcup-Saison. Im polnischen Wisla steht für den besten deutschen Skispringer des letzten Winters am Freitag die Qualifikation, am Samstag (16:00 Uhr im Liveticker) das erste Weltcupspringen an. 

Im sport.de-Interview spricht Freitag exklusiv über seine Ambitionen für 2018/2019, die Nachwehen seines bitteren Sturzes bei der vergangenen Vierschanzentournee sowie das schwierige Comeback von Teamkollege Severin Freund.

Richard Freitag, mit welchen Erwartungen gehen Sie die erste Weltcup-Station des Winters im polnischen Wisla an? Im letzten Jahr waren Sie hier mit Platz 4 direkt sehr stark in die Saison gestartet.

Richard Freitag: Es wird auf jeden Fall noch grün sein, nur die Schanze wird schon mit Schnee präpariert sein. Trotzdem sind wir alle froh, dass wir beginnen können. Sportlich gesehen bin ich glaube ich ganz gut aufgestellt, auch wenn hier und da noch ein paar Ecken und Kanten sind. Die Erwartungen habe ich noch nicht so hochgeschraubt, weil es in den letzten Wochen noch etwas an der Konstanz gefehlt hat. Ich bin aber sehr zuversichtlich. Wisla wird eine erste echte Standortbestimmung.

Wie waren die letzten Trainingseindrücke? In welcher Form werden Sie nach Wisla reisen?

Ich fühle mich gut, habe mich wie in jedem Jahr auf den Herbst gefreut. Wir haben in Innsbruck und in Garmisch ganz gut trainiert, sodass ich einige Punkte verbessern konnte, wenngleich noch nicht alles glatt gelaufen ist.

Beim Sommer Grand Prix fehlten noch die positiven Ergebnisse. Welches Fazit haben Sie aus der Sommer-Saison von Juli bis Oktober gezogen?

Im Sommer tue ich mich immer ziemlich schwer. Vielleicht kann ich das irgendwann noch einmal angehen, dass ich meine Leistungen auch im Sommer hinbekomme. Die Wettkämpfe nehmen schon einen großen Stellenwert ein, aber wichtiger ist mir in dieser Zeit das Training. Wie es scheint, bekomme ich es nicht so hin, trotzdem auch im Wettkampf meine Ergebnisse zu bringen.


Mehr dazu: Von Richard Freitag bis Andreas Wellinger: Diese DSV-Adler starten im Weltcup 2018/2019


Unabhängig von den Eindrücken aus dem letzten Sommer werden Sie vor dieser Saison wieder sehr hoch gehandelt.

Es ist schön, wenn man hoch gehandelt wird. Dann kann man aber auch tief fallen, das wissen wir alle. Im Skispringen geht es sehr schnell, da kann von einer auf die andere Saison total viel passieren. Ich will daher erst einmal schauen, wo ich aktuell stehe, und mich dann von Springen zu Springen zu verbessern. Im Vorjahr war es ja ähnlich. Nach gutem Start ist es besser und besser geworden. Erst zum Ende hin hat es nicht mehr ganz für mich gereicht. Das ist auch ein Ziel von mir, diesen Bogen noch ein bisschen länger spannen zu können.

Vierschanzentournee, die Nordische Ski-WM oder der Gesamtweltcup: Was ist Ihnen persönlich am wichtigsten in diesem Winter?

Ein Höhepunkt wird natürlich die Tournee sein. Die WM Ende Februar wird in Seefeld und Innsbruck mehr oder weniger vor der Haustür stattfinden, in zwei unterschiedlichen Wettkampfstätten. Das macht es zusätzlich interessant. Eine WM-Medaille zu gewinnen, ist noch ein großer Traum von mir, den ich als Anreiz für die nächsten Wochen mitnehmen möchte. Zwischen diesen beiden Höhepunkten kann viel passieren, weil sie zeitlich gesehen weit auseinanderliegen. Das habe ich auch schon im vorherigen Jahr gemerkt, als ich mich nach dem Sturz von Innsbruck erst einmal zurückkämpfen musste. Olympia war als Höhepunkt dann zwar sehr fein, ich bin aber im Großen und Ganzen hinter meinen Zielen zurückgeblieben. Insgesamt habe ich im letzten Jahr viele Erfolge feiern können, die eindeutig nicht nur auf meinen Schultern standen. Das haben wir uns auch für diesen Winter wieder vorgenommen.

Und möglichst oft und lange auch wieder im Gelben Trikot des Gesamtweltcup-Führenden springen zu können...

Sagen wir mal so: Ich würde mich zumindest nicht dagegen wehren, wenn sie es mir hinhalten. Dafür muss es aber erst mal ganz gut laufen.

Schreckmoment: Richard Freitag stürzt in Innsbruck
Schreckmoment: Richard Freitag stürzt in Innsbruck

Woran lag es im letzten Jahr, dass es zum Ende hin nicht mehr so geklappt hat und die Spitzenplatzierungen ausblieben?

Die Hüfte hatte nach dem Sturz doch einen kleinen Knacks weg, das hat sich noch durch den ganzen Sommer gezogen. Eigentlich hat es sogar bis in den Herbst hinein gedauert, bis wir das richtig in den Griff bekommen hatten. Das schwingt dann unterschwellig immer ein bisschen mit, weshalb die Leistungen zuletzt etwas abgesackt sind. Ich möchte es aber nicht nur darauf schieben, das ist auch ganz klar.

Hatten Sie noch so Schmerzen oder war es eher ein mentales Problem?

Schon beides. Es sind Trainingsinhalte dazugekommen, die sonst nicht auf dem Programm stehen mit dem Reha-Programm und mehr Physio-Einheiten. Dafür sind andere Trainingsinhalte ein bisschen weggefallen, zum Beispiel tiefe Kniebeugen. Das ging eine Zeit lang nicht, dann ändert sich das ganze Körpergefühl. Wie viel Einfluss das letztlich auf die Leistung hat, ist immer schwierig zu sagen. 

Sind denn vor dem Saisonstart alle negativen Erlebnisse aus dem letzten Jahr vollständig aus Ihren Gedanken verbannt oder wirkt da immer noch etwas nach?

Ich bin immer der Überzeugung, alles hat sein Für und Wider. Gerade nach dem Sturz in Innsbruck hatte ich auch so viele schöne Momente um die Tournee herum, aus denen ich sehr viel Kraft ziehen konnte. Aus dem Grund weine ich der verpassten Chance auch nicht nach, sondern bin letztlich eher froh drüber, wie alles zusammengelaufen ist.


Mehr dazu: Skispringen-Kalender 2018/2019: Alle Weltcup-Termine im Überblick


In der letzten Saison hat Kamil Stoch dominiert, er wird wohl auch diesen Winter wieder der Mann sein, den es zu schlagen gilt. Wen haben Sie ansonsten noch ganz weit oben auf der Rechnung?

Ich glaube, dass unser DSV-Team insgesamt im Moment schon ganz gut drauf ist. Die Frage ist immer, inwieweit sich die guten Eindrücke auch im Winter bestätigen lassen. Weiter habe ich bis jetzt ehrlich gesagt noch gar nicht geschaut. Ich lass mich immer überraschen. Ich denke aber, auch Wisla wird noch nicht die hundertprozentige Referenz für den Winter sein wird.

Noch nicht in Wisla dabei ist Ihr deutscher Kollege Severin Freund, der nach langer Knieverletzung wohl erst eine Woche später in Kuusamo dazustoßen wird. Was haben Sie bislang für Eindrücke von ihm gesammelt nach der langen Leidenszeit?

Er hat seinen Ehrgeiz ganz eindeutig nicht verloren, was natürlich positiv ist. Er hat jetzt zwei Jahre gekämpft und hat zuletzt ganz gute Eindrücke gemacht. Dass er einfach ein Gefühl fürs Skispringen hat, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Ich bin sehr optimistisch, dass bei ihm die Leistungen wieder kommen werden.

Das Gespräch führte Mats-Yannick Roth

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