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Deutsches Wintermärchen in Gefahr

Kühns schwere Verletzung trübt deutsche WM-Aussichten

30.10.2018 18:28
Julius Kühn wird die WM im eigenen Land verpassen
Julius Kühn wird die WM im eigenen Land verpassen

Die deutschen Handballer stehen nach der schweren Verletzung von Julius Kühn unter Schock. Für die Heim-WM ist der Ausfall des Top-Rückraumschützen eine herbe Schwächung, doch Bundestrainer Christian Prokop bastelt schon an Lösungen.

"Drama", "Hiobsbotschaft", "Schock": Die Reaktionen auf die schwere Verletzung von Julius Kühn fielen heftig aus. Kein Wunder, der Ausfall des Top-Rückraumschützen bei der Heim-WM bedeutet für die deutschen Handballer eine herbe Schwächung. Die Vorfreude ist erst einmal Ernüchterung gewichen, der Traum von einem erneuten Wintermärchen ist ernsthaft in Gefahr.

"Uns bricht eine feste Größe mit Shooterqualität weg", sagte Bundestrainer Christian Prokop. Auch am Tag nach der niederschmetternden Diagnose, die er als "furchtbare und schlimme Nachricht" bezeichnete, war dem 39-Jährigen der Schock über den Kreuzbandriss seines Rückraumlinken deutlich anzumerken, seine Gedanken waren aber vor allem bei Kühn.

"Er ist völlig geschockt und niedergeschlagen"

"Für Julius ist es das Schlimmste, was passieren konnte", so Prokop. Durch das MRT-Ergebnis am Montagabend sei für Kühn "eine Welt zusammengebrochen. Er ist völlig geschockt und niedergeschlagen."

Der 25-Jährige, der die Knieverletzung bei der Partie im Kosovo (30:14) erlitten hatte und nun für den Rest der Saison ausfällt, galt als großer Hoffnungsträger für die WM im Januar. Der wurfgewaltige Rechtshänder mit der imposanten Statur war in der abgelaufenen Saison bester Feldtorschütze der Bundesliga und einer der Garanten des sensationellen deutschen Titelgewinns bei der EM 2016.

Kretzschmar schlägt Alarm

DHB-Vizepräsident Bob Hanning nannte es ein "Drama für den Spieler, die MT Melsungen und die Nationalmannschaft". Kühn sei ein "wesentlicher Baustein" in den Planungen gewesen und vom Spielertyp in Deutschland "einmalig. Das tut richtig weh und hat auf unser Spiel erhebliche Auswirkungen." Der Rückraum gilt im deutschen Spiel ohnehin als Achillesferse, nun fallen durch die Verletzung Kühns auch noch viele der sogenannten "leichten Tore" aus der zweiten Reihe weg.

Auch Stefan Kretzschmar macht sich Sorgen. "Er war die Wurfmaschine im Team. Wenn gar nichts ging, konnte er sich immer noch einen Wurf nehmen. So einen Spieler haben wir jetzt nicht mehr", schrieb der frühere Nationalspieler in seiner "Sky"-Kolumne.

Prokop gesteht: Kein 1:1-Ersatz verfügbar

Und so stürzte sich Prokop am Dienstag in die Arbeit, an den ehrgeizigen Zielen will er freilich festhalten. "Wir werden Julius nicht eins zu eins ersetzen können. Aber wir haben immer betont, dass wir über eine gewisse Breite und das Mannschaftsgefüge kommen, daran ändert sich nichts", sagte er. Auch wenn zurzeit die Gefühlslage der "riesigen Enttäuschung für Julius" überwiege, "kommen wir darüber hinweg. Wir verfügen über starke Spieler in der Bundesliga und haben eine Menge Alternativen."

Zuvorderst meinte Prokop damit Steffen Fäth. Der Rückraumspieler von den Rhein-Neckar Löwen ist zweifelsohne ein genialer Handballer, ruft sein Potenzial allerdings zu selten ab. "Er hat beim Lehrgang und dem Spiel im Kosovo einen guten Eindruck hinterlassen", sagte Prokop. Doch auch Fabian Böhm (Hannover) und Niclas Pieczkowski (Leipzig) sind nun noch mehr gefordert, von hinten drängt Youngster Marian Michalczik (21/Minden) ins Team.

Die kommenden Wochen in der Bundesliga dürften damit doch noch zu einem kleinen Casting werden, denn viel Zeit bleibt Prokop bis zum WM-Auftakt am 10. Januar nicht. Schon am 10. Dezember wird er einen vorläufigen 28er-Kader nominieren, der nach den verbleibenden Testspielen gegen Polen (12. Dezember), Tschechien (4. Januar in Hannover) und Argentinien (6. Januar in Kiel) bis zum Turnierstart auf 16 Spieler reduziert werden muss.

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