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"Schrecklich und ebenso faszinierend"

Olympia-Drama: Disqualifiziert, besungen, gefeiert

24.07.2018 07:33
Dorando Pietri (M.) rettet sich ins Ziel
© getty, Hulton Archive
Dorando Pietri (M.) rettet sich ins Ziel

Die Geschichte der Olympischen Spiele ist reich an Dramen, Tränen und bewegenden Stories - ein solcher Moment sorgte am 24. Juli 1908 dafür, dass einer der tragischsten Verlierer der Olympischen Geschichte Weltruhm errang. Ein damals aus der Taufe gehobenes Zitat verdeutlicht noch heute wie kein zweites den olympischen Gedanken.

"Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen", referierte Pierre de Coubertin, Gründer des IOC und Vater der Olympischen Spiele der Moderne, nach dem Zieleinlauf des olympischen Marathons auf ein kurz zuvor getätigtes Zitat des amerikanischen Bischoffs Ethelbert Talbot. Dorando Pietri verkörpere den Typus des guten Verlierers wie kein zweiter Athlet, so de Coubertin weiter.

Was war passiert? Nachdem Dorando Pietri den ersten Abschnitt der 42,2 Kilometer noch zurückhaltend absolvierte, schaltete das italienische Langstreckenwunder nach der Hälfte der Distanz einen Gang hoch, ließ 54 Athleten hinter sich und jagte den führenden Südafrikaner Charles Hefferon. Nach 32 Kilometern lag Pietri vier Minuten hinter Hefferon, der zusehends Probleme bekam und Pietri 7000 Meter später vorbeiziehen lassen musste.

Den sicheren Sieg vor Augen, forderte nun jedoch auch der Körper des kleinen Mannes aus Correggio seinen Tribut. Zwei Kilometer vor dem Ziel bahnten sich Erschöpfung und völlige Dehydratation ihren Weg an die Oberfläche. Noch vor dem Einlauf ins Londoner White City Stadium kam Pietri erstmals zu Fall. Vor den Augen von 75.000 Zuschauern und der königlichen Familie folgten auf der Aschebahn vier weitere Stürze.

"Schrecklich und ebenso faszinierend"

"Dann waren wieder helfende Hände zur Stelle und bewahrten ihn vor einem schweren Sturz. Er war nur wenige Meter von meinem Sitz entfernt. [...] Ich konnte einen Blick auf das ausgezehrte, gelbe Gesicht, die glasigen, ausdruckslosen Augen und das strähnige, schwarze Haare, die seine Brauen streiften, erhaschen. Es war schrecklich und ebenso faszinierend", beschrieb Sherlock-Holmes-Autor Arthur Conan Doyle, der dem Geschehen als Korrespondent der englischen "Daily Mail" beiwohnte, das Geschehen.

Als sich Pietri dank der Hilfe der Kampfrichter sowie des ärztlichen Betreuers Dr. Michael Bulger letztlich dennoch völlig entkräftet als Erster über die Ziellinie schleppte, hatte der US-Amerikaner John Hayes gerade als zweiter Läufer, zehn Minuten nach Pietri, das Rund betreten. 

Olympiasieger durfte sich dennoch Hayes nennen. Das US-Team legte Einspruch gegen Pietris Sieg ein, da dieser nur dank fremder Hilfe ins Ziel kam und erwirkte so die Disqualifikation des Italieners. 

Besungen, beschenkt, gefeiert

Pietri hingegen wurde zum gefeierten Verlierer. Die britische Königin verlieh ihm einen extra geschaffenen Silberpokal, Conan Doyle rief eine Spendenaktion für den damals 22-Jährigen ins Leben und sammelte so eine Summe, die heute über 30.000 Euro entspräche, der berühmte Komponist Irving Berlin widmete Pietri den Song "Dorado" und vor allem bei Einladungsrennen in den USA wurden Pietri große Summen geboten. Im Rahmen dieser Schaukämpfe kam es auch wieder zum Duell mit Hayes, den Pietri deutlich bezwang.

Als wohlhabender Mann beendete Pietri 1911 seine Profilaufbahn und eröffnete mit dem gesammelten Preisgeld ein Hotel. Als Geschäftsmann war Pietri allerdings weniger erfolgreich. Im Alter von 56 Jahren starb der Lauf-Held in Folge eines Herzinfarktes. 

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