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Frankreichs Multikulti-Mix: Das große Versprechen

12.07.2018 13:17
Frankreichs Top-Kicker liegen sich in den Armen
Frankreichs Top-Kicker liegen sich in den Armen

Während in Deutschland die Özil-Debatte tobt, liegt Frankreich seiner bunt durchmischten Equipe zu Füßen. Wie schon vor 20 Jahren wirkt das Team wie ein Versprechen im Kampf gegen Rassismus.

Kylian Mbappé hat Wurzeln in Kamerun und Algerien, die Eltern von Paul Pogba stammen aus Guinea, Corentin Tolissos Vater aus Togo: Mehr als zwei Drittel des französischen Nationalteams haben einen Migrationshintergrund. Diese Multikulti-Mannschaft hat die Herzen der Grande Nation erobert, die Jubelstürme in der Heimat nahmen schon nach dem Einzug ins WM-Finale am Sonntag weltmeisterliche Ausmaße an.

In einer Zeit, da nach dem WM-Debakel des Weltmeisters in Deutschland eine Debatte um den angeblichen Sündenbock Mesut Özil ausgebrochen ist, erscheinen Frankreichs Helden in kurzen Hosen mit ihren unterschiedlichen ethnischen Wurzeln wie ein Symbol. Eines, das Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit die Frage entgegenstellt: Begreift ihr denn nicht, dass wir gemeinsam am stärksten sind?

Doch die Geschichte lehrt: So einfach ist es dann doch nicht. Schon 1998 sollte das Weltmeister-Team mit Zinédine Zidane und Co. eine französische Gesellschaft zusammenschweißen, die in ihre multikulturellen Einzelteile zu zerfallen drohte. Die Vorstellung von "black-blanc-beur", so der Begriff für einen harmonischen Mix aus Schwarzen, Weißen und Arabern, blieb eine Illusion.

Fußball-Wunder können Probleme nicht verdrängen

Der Fußball konnte in Frankreich nicht überall dort die Bruchstellen kitten, wo die Politik über Jahrzehnte versagt hatte. Auch wenn es märchenhafte Geschichten wie den Aufstieg des 19 Jahre alten Mbappé aus dem Pariser Vorort Bondy zum 180-Millionen-Euro-Wunderknaben gibt - Rassismus, soziale Ungleichheit und Krawalle in den Banlieues, den ärmlichen, tristen Vorstädten der französischen Metropolen, all das ist geblieben.

Von ihren gefeierten Helden im Trikot der Les Bleus entfremdeten sich die Franzosen nach den erfolgreichen Tagen mit dem WM- und dem EM-Titel zwei Jahre darauf wieder. Als Tiefpunkt ging die WM 2010 in Südafrika in die Geschichte ein, als die Nationalmannschaft nach dem Rauswurf des dunkelhäutigen Nicolas Anelka das Training boykottierte. Skandale und Rassismusdebatten waren beinahe an der Tagesordnung.

Doch in den letzten Jahren, erklärt der auf Fußballfans spezialisierte Soziologe Nicolas Hourcade aus Lyon, habe sich das Blatt gewendet. "Nach und nach hat das Nationalteam von 2014 bis heute sein Image um global anerkannte Spieler neu aufgebaut", sagte der Wissenschaftler der Nachrichtenagentur "AFP". Der Schlüssel: Persönlichkeiten, die Frankreich in seiner Diversität repräsentieren. "So erhält die Auswahl mehr öffentlichen Rückhalt."

Experte warnt vor hohen Erwartungen

Hourcade warnte indes davor, die Euphorie für das Team, diesen verbindenden Sport-Moment, wie vor 20 Jahren mit gesellschaftlichen und politischen Erwartungen zu überfrachten. "All das bedeutet nicht, dass Frankreich wieder vereint ist, die Wirtschaft gut läuft und es weniger Gefahr von Anschlägen gibt."

Der wiedererstarkte Rückenwind soll die Equipe nun aber am Sonntag (17:00 Uhr), just einen Tag nach dem Nationalfeiertag, in Moskau zum Sieg gegen Kroatien und zum zweiten Stern tragen. Staatspräsident Emmanuel Macron, der die soziale Schieflage in seiner Republik zumindest offen eingesteht, wird im Luzhniki-Stadion zuschauen. Danach ist er am Ball.

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