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Der berühmteste Boxkampf der Neunzigerjahre jährt sich

Damals: Mike Tysons irrer Ohr-Biss gegen Holyfield

28.06.2019 10:40
Evander Holyfield und Mike Tyson trafen 1997 in Las Vegas aufeinander
Evander Holyfield und Mike Tyson trafen 1997 in Las Vegas aufeinander

Das zweite Aufeinandertreffen von Evander Holyfield und Mike Tyson am 28. Juni 1997 wird als einer der skandalträchtigsten Kämpfe der Boxgeschichte in Erinnerung bleiben. Am Freitag jährt sich der Weltmeisterschaftskampf und die ihn prägende Biss-Attacke zum 22. Mal.

Der Kampf in der Arena des MGM Grand Casinos in Las Vegas war bereits das zweite WM-Duell der beiden US-Amerikaner. Nur ein halbes Jahr zuvor hatte Holyfield an selber Stelle den Ring überraschend als Sieger verlassen und den WBA-Schwergewichtstitel übernommen. 

Wie im ersten Fight erwischte Holyfield auch im Rückkampf den besseren Start. Der Boxer aus Alabama startete furios und entschied die ersten beiden Runden für sich. Es waren allerdings nicht nur Holyfields präzise Schlagsalven, die die Gemüter weiter erhitzten. Als eine krachende Rechte Tysons auf Holyfield zuflog, duckte sich dieser weg, wich dem Schlag erfolgreich aus, versetzte Tyson bei seinem Manöver allerdings einen Kopfstoß. Die Folge: eine klaffende Platzwunde über dem rechten Auge von "Iron Mike".

Der Ringrichter überprüfte die Szene, befand die Aktion aber nicht für strafwürdig.

Holyfield: "Ich dachte, mein Ohr wäre abgefallen"

Tyson zeigte sich nach dieser Entscheidung verständnislos und aggressiv. Bereits nach dem ersten Kampf hatte sich Tyson über mehrfache Kopfstöße seines Gegners beschwert.

Die folgende dritte Runde begann Tyson mit wütenden Angriffen, ehe er letztlich die Grenze des Erlaubten um Längen überschritt. 40 Sekunden vor dem Ertönen des Gongs fanden sich die beiden Kontrahenten Kopf an Kopf in einer Umklammerung wieder, als Tyson endgültig die Sicherungen durchbrannten. Der damals 30-Jährige biss Holyfield plötzlich ins rechte Ohr und schubste den vor Überraschung und Schmerz durch den Ring springenden Titelträger anschließend in die Seile. Die Aktion kostete Holyfield ein etwa drei Zentimeter großes Stück seines Ohres.

"Ich dachte, mein Ohr wäre abgefallen", beschrieb Holyfield nach dem Kampf den Schmerz und echauffierte sich: "Guckt euch die Bisswunde an. Da fehlt ein Stück von meinem Ohr. Ich kann es nicht fassen - für so etwas gibt es doch Regeln."

Nach mehrminütiger Unterbrechung und wilden Diskussionen entschied Ringrichter Mills Lane, dass der Kampf fortgesetzt werden könne. Lane ermahnte Tyson und zog ihm zwei Punkte in der Wertung ab. 

Evander Holyfield zeigt dem Ringrichter sein verletztes Ohr
Evander Holyfield zeigt dem Ringrichter sein verletztes Ohr

Die Strafe beeindruckte Tyson jedoch wenig. Im Gegenteil: Nach Wiederbeginn versuchte er, auch das linke Ohr seines Gegners zu traktieren. Die vierte Runde endete noch ordnungsgemäß, ehe das Ausmaß der Bissverletzungen deutlich wurde. Auch das linke Ohr von "The Real Deal" wies inzwischen eine Bissspur auf. Lane disqualifizierte Tyson daraufhin und erklärte Holyfield zum Sieger.

Die Situation beruhigte der Abbruch jedoch nicht: Wie von der Tarantel gestochen, stürmte Tysons Entourage auf die Ringecke Holyfields zu. Diese Entscheidung löste Tumulte und ein Handgemenge im Boxring aus. Nur das Eingreifen von mehr als zehn Sicherheitskräften verhinderte die völlige Eskalation. 

Ex-Box-Champion Barry McGuigan bezeichnete Tysons Verhalten als "abscheulich" und "niederträchtig". Es habe angemutet, wie die "Aktion eines verzogenen Kindes".

Tyson über Kopfstoß sauer: "Ich musste Vergeltung üben"

Die allgemeine öffentliche Entrüstung über seine Taten konnte Tyson unmittelbar nach dem Kampf allerdings nicht nachvollziehen. "Das ist meine Karriere. Ich habe Kinder zu ernähren und er gibt mir immer wieder Kopfstöße, um mir Platzwunden zu zufügen. Da muss ich Vergeltung üben." 

Erst Tage später gab sich der frühere Champion geläutert. Im Rahmen eines Pressetermins entschuldigte sich der Boxer bei der Öffentlichkeit. Ein Laientheater, wie Tyson später jedoch zugeben sollte. Er habe zu diesem Zeitpunkt keinerlei Reue gespürt habe. Vielmehr habe er die Erklärung aus wirtschaftlichen Erwägungen abgegeben, um sein Image zu retten und für Sponsoren und Boxpromoter weiterhin interessant zu bleiben, erklärte der Fighter aus Brooklyn.

Der Kampf hatte für Tyson auch noch ein juristisches Nachspiel. So wurde ihm von der Nevada State Athletic Commission zwischenzeitlich seine Boxlizenz entzogen. Hinzu kam eine Geldstrafe über drei Millionen US-Dollar. 

Späte Versöhnung der Rivalen

2009 trafen die einstigen Rivalen in der "Oprah Winfrey Show" fernab des Boxrings aufeinander. Diesen Rahmen nutze der Übeltäter, um sich ehrlich für seine Taten zu entschuldigen. Die Kontrahenten versöhnten sich. Später wurde gar ein Werbespot für ein amerikanisches Schuhgeschäft gedreht, der augenzwinkernd zeigt, wie Tyson das fehlende Stück Ohr zurückgibt.

Der Leidtragende der Biss-Attacke hatte schon davor bekundet, dass ihn der partielle Verlust des Körperteils ohnehin nie groß gestört habe: "Wenn ich mein Ohr im Spiegel sehe, regt es mich gar nicht auf. Ich denke dann daran, wie ich 35 Millionen Dollar in neun Minuten verdient habe."

Jonas Hofmann

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