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WM 1938: Das großdeutsche Desaster

02.07.2018 11:03
Die deutsche Mannschaft bei der Ankunft in Paris am 1. Juni 1938
© imago, imago sportfotodienst
Die "deutsche" Mannschaft bei der Ankunft in Paris am 1. Juni 1938

Alle vier Jahre wird bei WM-Endrunden Geschichte geschrieben. Während der Weltmeisterschaft in Russland erinnert sport.de an kuriose Ereignisse und unvergessene Momente. Heute: Das großdeutsche Desaster.

"Über alles in der Welt …" sollte nach dem Willen Adolf Hitlers der Stern des großdeutschen Reiches bei der WM 1938 strahlen. Der Plan scheiterte. Stattdessen erlebte das aus Deutschen und Österreichern zusammengewürfelte Team ein Debakel.

Erst wenige Wochen vor dem Start der Weltmeisterschaft in Frankreich hatte Hitler der Welt mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich seine Expansionsbestrebungen vor Augen geführt. Das kraftstrotzende Auftreten der Nationalsozialisten sollte nach dem Willen des Führers nun auch auf dem Fußballfeld seine Entsprechung finden. Um den WM-Titel nach Deutschland zu holen, war dem Reichskanzler jedes Mittel recht.

Deutschlands Nationalelf war wie die österreichische Auswahl für die Endrunde 1938 qualifiziert. Beide Nationen verfügten über starke Teams und galten als Anwärter auf den Titel. Die Nationalsozialisten machten sich diese Stärken zu eigen und zwangen die Österreicher, gemeinsam mit den Deutschen in einem Team anzutreten und für das großdeutsche Reich zu siegen.

"Wiener Schule" vs. "Breslau-Elf"

Nach der Formel 6:5 oder 5:6 sollte Nationaltrainer Sepp Herberger sein neues Team so gleichmäßig wie möglich mit Österreichern und Deutschen bestücken. Genau diese Vorgabe bereitete dem damals 41-Jährigen aber Kopfzerbrechen, standen die Teams doch für nahezu entgegengesetzte Spielphilosophien. Die Österreicher praktizierten Raumdeckung und bevorzugten das Kurzpassspiel, die Deutschen favorisierten Manndeckung und lange Pässe.

In Deutschland hatte der Bundestrainer seit seinem Amtsantritt 1936 eine schlagkräftige Truppe um den Schalker Fritz Szepan aufgebaut, die vor allem von ihrer Schnelligkeit und Kampfkraft lebte. Im Folgejahr gewann das Team zehn seiner elf Länderspiele und schien unschlagbar. Das begeisternde 8:0 gegen Dänemark in Breslau im Mai 1937 wurde zur Geburtsstunde der legendären "Breslau-Elf".

Ganz anders das österreichische "Wunderteam", das zwar ein wenig über seinem Zenit war, mit seinem technisch anspruchsvollen Kombinationsfußball und dem genialen Spielmacher Matthias Sindelar aber immer noch jeden Gegner das Fürchten lehrte.

Rücktritt und Schuldzuweisungen

Im sogenannten "Verbrüderungsspiel" zeigten die Spieler aus der Ostmark ihre Qualität und besiegten das "Altreich" mit 2:0. Sindelar, der eines der beiden Tore erzielte, weigerte sich später mit dem Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter, in einem großdeutschen Team zu spielen. Eine zentrale Figur in den Plänen Herbergers brach dadurch noch vor dem Turnier weg.

Mehr noch als die unterschiedliche Spielphilosophie machten dem Bundestrainer Eifersüchteleien zwischen den Spielern zu schaffen. Beim Mittagessen saßen Deutsche und Österreicher an getrennten Tischen. Die Deutschen warfen ihren Teamkollegen ein arrogantes Auftreten vor, umgekehrt war von deutscher Hochnäsigkeit die Rede.

Szepan & Co. missfiel zudem der Status der Österreicher. Während sie als Berufsfußballer gar Prämien aushandelten, galten die deutschen Kicker offiziell als Amateure.

Debakel im Prinzenpark

Mit diesem zerstrittenen Haufen reiste man schließlich zum Auftaktspiel gegen die Schweiz nach Frankreich. Obwohl die Eidgenossen in der Vorbereitung sensationell gegen England gewonnen hatten, galten sie als krasser Außenseiter. Doch die aus sechs Deutschen und fünf Österreichern zusammengestellte Elf hatte im Pariser Prinzenparkstadion nicht nur die Schweizer zum Gegner, sondern auch den Großteil der 27.000 Zuschauer.

Als die Mannschaft ins Stadion einlief, flogen Flaschen, Eier und Tomaten. Deutsche Fans und Spieler wurden von aufgebrachten Zuschauern bespuckt. Das Spiel endete nach dem Führungstreffer des Koblenzers Jupp Gauchel und dem Ausgleich durch André Abegglen mit 1:1.

Ein Wiederholungsspiel musste über den Einzug ins Viertelfinale entscheiden. Dort führte die auf sechs Positionen veränderte Herberger-Elf schnell mit 2:0, kassierte bis zum Schlusspfiff allerdings noch vier Gegentore und schied sang- und klanglos aus.

Herbergers Analyse

Herberger gab in seiner Analyse neben der feindlichen Atmosphäre im Stadion den Österreichern die Hauptschuld für das frühe Aus. Unter der Überschrift "Gründe für unser Ausscheiden" notierte er: "Der unzulängliche Einsatz unserer österreichischer Spieler in Szenen, wo alleine Kraft und kämpferisches Wollen ausschlaggebend gewesen wären. Sie sind durch die Bank glänzende Spieler. Aber mit Spiel allein gewinnt man nicht. Am wenigsten eine Weltmeisterschaft."

Die 5:6-Formel wurde nach dem Turnier aufgehoben. Und auch Herberger zog seine Konsequenzen. Er suchte und fand ein Spielsystem, in dem die Stärken der österreichischen Spieler besser zur Geltung kamen. Die großdeutsche Mannschaft der Weltmeisterschaft von 1938 bleibt dennoch als das deutsche Team in Erinnerung, das sich so früh wie kein anderes nach ihm aus einer WM verabschiedete.

Ralf Amshove

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