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WM-Historie: Als in Brasilien der Karneval ausfiel

15.06.2018 10:27
Sorgte für eine der größten Niederlagen der brasilianischen Geschichte: Die Selecao von 1950
Sorgte für eine der größten Niederlagen der brasilianischen Geschichte: Die Selecao von 1950

Alle vier Jahre wird bei WM-Endrunden Geschichte geschrieben. Während der Weltmeisterschaft in Russland erinnert sport.de an die großen Ereignisse. Heute: Die große Wunde der brasilianischen Fußballseele.

Überraschungen und Enttäuschungen sind seit jeher fester Bestandteil einer Weltmeisterschaft. Nicht immer aber erleben die Zuschauer Spiele, die das Selbstverständnis einer ganzen Sportnation über Jahrzehnte prägen – wie am 16. Juli 1950 im legendären Maracana.

Die Weltmeisterschaft 1950 war das erste Turnier nach dem Zweiten Weltkrieg, allein dadurch wurde der zweiten Endrunde auf südamerikanischem Boden schon eine besondere Bedeutung zuteil. Nicht mit dabei waren neben Deutschland auch die Fußballnationen Österreich, Frankreich, Argentinien und der amtierende Vize-Weltmeister von 1938 Ungarn. Titelverteidiger Italien verlor einen Großteil seiner Mannschaft 1949 bei einem tragischen Flugzeugabsturz und reiste ohne seine besten Spieler an.

Durch die zahlreichen Absagen anderer Nationen gab es nur zwei klare Favoriten: England und Brasilien. Die schon damals fußballverrückten Gastgeber erwarteten nichts weniger als den Titel. In den Testspielen vor dem Turnier hatte die Selecao die gegnerischen Abwehrreihen regelmäßig durcheinandergewirbelt. Der beeindruckende Triumph bei der Copa América 1949 (acht Spiele, sieben Siege, 46:7 Tore) schürte die Hoffnungen auf den WM-Titel zusätzlich.

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Englisches Debakel, brasilianische Torflut

Bereits im Eröffnungsspiel gegen Mexiko deuteten die Brasilianer beim lockeren 4:0-Sieg ihre Klasse an. England zog mit einem 2:0-Erfolg gegen Chile nach, unterlag dann aber sensationell den USA mit 0:1 und schied nach einer weiteren Niederlage gegen Spanien vorzeitig aus.

Die Gastgeber zogen indes mit den drei anderen Gruppensiegern Schweden, Spanien und Uruguay in die Endrunde ein. Dort musste jede Nation gegen jede antreten, um den Titel zu gewinnen.

In den beiden ersten Spielen gegen Schweden (7:1) und Spanien (6:1) hatte die Selecao keine Mühe. Das Sturmduo Ademir und Chico zerlegte die hoffnungslos unterlegenen Europäer mit zehn Treffern im Alleingang. Uruguay wusste dagegen nicht wirklich zu überzeugen. Gegen Spanien erkämpfte man sich ein mageres 2:2, in der Partie gegen Schweden war es ein später Doppelpack von Oscar Miguez, der La Celeste den 3:2-Sieg sicherte.

Rekordkulisse im Maracanã

Somit hätte dem Gastgeber im finalen Gruppenspiel gegen Uruguay schon ein Remis gereicht, um Weltmeister zu werden. Dementsprechend euphorisch war die Stimmung im Land. Schon am Morgen des "Endspiels" herrschte auf den Straßen Rios ausgelassene Stimmung. Bereits mittags war das Maracana-Stadion mit weit über 170.000 Zuschauern völlig überfüllt.

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Uruguay war sich seiner krassen Außenseiterrolle vollauf bewusst. Die Taktik für das Entscheidungsspiel ergab sich fast von selbst: Defensiv sicher stehen und die brasilianischen Topstürmer kaltstellen. Dies gelang dem Team von Trainer Juan López zunächst hervorragend.

Kurz nach Wiederanpfiff fiel schließlich die erwartete Führung für den Favoriten. Spätestens jetzt zweifelte niemand mehr am Titelgewinn der Selecao. Doch es kam alles ganz anders.

Varela bringt die Selecao aus dem Tritt

Um den Spielfluss der Brasilianer zu unterbrechen, reklamierte Uruguays Kapitän Obdulio Varela nach dem Tor minutenlang eine vermeintliche Abseitsstellung. Zur besseren Verständigung mit dem englischen Schiedsrichter verlangte er sogar einen Dolmetscher. Die Taktik ging auf. Die Gastgeber verloren den Faden und Uruguay drängte auf den Ausgleich. In der 66. Minute war es dann Juan Schiaffino, der das Leder zum mittlerweile verdienten 1:1 unter die Latte jagte.

Brasiliens Kicker wirkten fortan wie gelähmt. Plötzlich schien ihnen zu dämmern, dass sie den sicher geglaubten WM-Titel noch verspielen könnten. Angst kroch die Beine hoch, die Knie schlotterten – und Uruguay nutzte das eiskalt aus: Elf Minuten vor Schluss enteilte Alcides Ghiggia Abwehrspieler Bigode und versenkte die Kugel zum 1:2 im kurzen Eck. Brasilien stand unter Schock und kam nicht mehr zurück.

Der Schütze sagte später über die Wirkung seines Treffers: "Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracana zum Schweigen gebracht: Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich."

"Lebenslänglich" für Sündenbock Barbosa

Die Niederlage hatte für den brasilianischen Fußball und die Protagonisten des Turniers weitreichende Folgen. Seit diesem Spiel, das im Volksmund als "Maracanaco" bezeichnet wird, tritt Brasilien nicht mehr in den vorher üblichen weißen, sondern in blau-gelben Trikots an.

Auch persönliche Schicksale sind eng verknüpft mit Brasiliens größtem Debakel. Am schlimmsten erwischte es Torhüter Barbosa, der für das verlorene "Finale" verantwortlich gemacht wurde.

Als er 1993 das Training der Nationalmannschaft besuchen wollte, wurde ihm der Zutritt verwehrt – aus Angst, er würde Pech bringen. In einem Interview gab er verbittert zu Protokoll: "Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber ich büße nun schon über 50 Jahre für etwas, das ich nicht einmal begangen habe."

Thomas Eßer

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