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"Angsteinflößend": Jordans Gala zum Chicago-Abschied

14.06.2018 09:12
Michael Jordan drehte im letzten Spiel der NBA-Finals von 1998 auf
Michael Jordan drehte im letzten Spiel der NBA-Finals von 1998 auf

19.911 Zuschauer fanden sich am 14. Juni 1998 im Delta Center in Salt Lake City zum sechsten Spiel der NBA-Finals zwischen den Utah Jazz und den Chicago Bulls ein. Oder vielmehr: Zwischen den Utah Jazz und Michael Jordan.

Nach einer Auftaktpleite zum Beginn der Serie hatte sich Chicago eine 3:1-Führung erarbeitet und war nur knapp daran gescheitert im fünften Aufeinandertreffen den Deckel zu schließen. Einzig die starke Leistung von Jazz-Center Karl Malone verhinderte die Entscheidung. Der Showdown in Salt Lake City beim Stand von 3:2 sollte aber nicht nur die NBA-Saison 1998 beenden.

Denn auch die Karriere eines gewissen Michael Jeffrey Jordan sollte ein Ende finden - so jedenfalls die weit verbreitete Auffassung. Gerüchte um einen Rücktritt von "His Airness", mittlerweile 35 Jahre alt, hielten sich im Vorfeld hartnäckig. Erst der Tip-Off schob alle Gedanken daran beiseite.

"Der Mann war aberwitzig"

Schon nach dem ersten Ballbesitz war den Chicago Bulls klar, dass sie an jenem Abend eine weitere Gala-Vorstellung ihres Besten benötigen würden. Co-Star Scottie Pippen besorgte zwar die ersten Zähler der Partie. Beim Forward brach allerdings eine alte Rückenverletzung auf. Fortan schleppte sich der 32-Jährige mühsam über den Court - und erzielte in 26 Minuten blasse acht Punkte.

Jordan hingegen explodierte einmal mehr: Die ganze Last der Bulls-Offense auf seinen Schultern, lieferte MJ 44 Minuten lang eine der großartigsten Performances der NBA-Geschichte ab. "Machen wir uns nichts vor", gab Guard Steve Kerr nach Spielende offen zu: "Michael hat uns heute alle auf seinem Rücken getragen. Der Mann war aberwitzig - er ist, so gut es ist, angsteinflößend."

Trotzdem konnten sich die Bulls nicht absetzen. Im Gegenteil: Über weite Teile der Begegnung rannte die Mannschaft von Head Coach Phil Jackson einem kleinen Rückstand hinterher. Bis tief ins Schlussviertel blieb die Partie ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

18,5 Sekunden für Jordan

Beim Stand von 83:81 für Utah und 59,2 Sekunden auf der Gameclock glich Jordan an der Freiwurflinie aus. Im Gegenzug schickte Jazz-Spielmacher John Stockton den Spalding von jenseits der Dreierlinie durch die Reuse.

Abermals ging der Ball zu Air Jordan, der an Gegenspieler Byron Russell vorbeizog und per Layup auf 86:85 verkürzte. Mit 35,2 Sekunden auf der Uhr brachten die Gastgeber den Ball nach vorne und spielten Malone im Lowpost an - der sah jedoch nicht, dass Chicagos Superstar in seinem Rücken heranschlich. Steal!

"Als ich den Ball hatte, sah ich hoch und die Uhr zeigte 18,5 Sekunden", beschrieb Jordan das Play später gegenüber der "New York Times". Hätte man ein Timeout genommen, so hätte man der Jazz-Defense die Möglichkeit gegeben sich zu sortieren, resümierte der Shooting Guard. "Es war eine Do-or-Die-Situation."

Russells Fehler

Also eine von jenen, für die Michael Jordan geboren zu sein schien. Die Nummer 23 legte sich Gegenspieler Russell zurecht. Und wartete: "Ich ließ die Uhr ticken bis ich alle genau da hatte, wo ich sie wollte."

Der Guard der Jazz versuchte Jordan so eng wie möglich zu verteidigen und konnte der Versuchung nicht widerstehen den Ball zu stehlen. Ein Fehler. "Als Russell nach dem Ball griff gab er mir eine Linie zum Korb. Ich zog zum Korb und er biss an - also stoppte ich, ging hoch und hatte einen einfachen Jumper", so Jordan.

Das orangene Leder flog und traf nichts außer Netz. Dies bedeutete die 87:86-Führung für Chicago Bulls und einen herben Tiefschlag für die Utah Jazz. "Als der Ball drin war wusste ich sofort, dass es der Gamewinner war. Wir hatten uns lange genug im Spiel gehalten und mussten jetzt nur noch 5,2 Sekunden Defense spielen."

"Ein wahrer Held"

Es gelang. Den letzten Wurfversuch Utahs setzte Stockton an den Ring. Zum sechsten Mal war Jordan NBA-Champion - und zum sechsten Mal kürte man ihn zum Finals-MVP. "Er hätte heute alles rein gemacht - und damit muss man leben", fasste ein sichtlich resignierter Jazz-Coach Jerry Sloan die Partie zusammen.

Sein Gegenüber Phil Jackson gab sich etwas wortgewandter: "Ich denke dies war die beste Performance, die wir je von Michael gesehen haben. Er hat es so oft bewiesen, wieder und wieder: Michael ist dein Mann wenn es um die entscheidenden Momente geht. Er ist ein wahrer Held."

Es war Jordans 28. Gamewinner für Chicago - und sein letzter. Am 13. Januar 1999 verkündete der G.O.A.T. seinen Rücktritt vom Sport. Zwei Jahre später schnürte er zwar ein wirklich letztes Mal die Sneaker für die Washington Wizards. Playoffluft schnupperte er allerdings nie wieder.

Simon Lürwer

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