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Marokko hofft auf Benatia und den "weißen Zauberer"

08.06.2018 00:00
Medhi Benatia ist der Star des marokkanischen Nationalteams
© STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
Medhi Benatia ist der Star des marokkanischen Nationalteams

Europameister Portugal, dazu Ex-Weltmeister und Turnierfavorit Spanien - beim Blick auf den Spielplan der Fußball-WM könnte Hervé Renard durchaus angst und bange werden.

Doch so namhaft die Gegner auch sind, Marokkos Nationaltrainer tritt ihnen mit breiter Brust entgegen. "Ich mache keinen Hehl daraus: Wenn wir bei der WM schon nach der Vorrunde ausscheiden, wäre das eine riesige Enttäuschung", sagte dieser selbstbewusst.

Quälend lange 20 Jahre mussten die "Löwen vom Atlas" auf ein WM-Spiel warten, nun dürfen sie endlich wieder auf die Jagd. "Wir fahren nicht dorthin, um nur teilzunehmen", gab Renard die Marschroute vor, auch wenn in der Vorrundengruppe B das spanische Starensemble und die Portugiesen um Weltfußballer Cristiano Ronaldo klar favorisiert sind. Ein Sieg gegen Underdog Iran zum Auftakt ist da schon Pflicht.

"Gegen Spanien und Portugal, wo der Ball wie die Welle eines unaufhaltsamen Tsunamis durch das Mittelfeld auf die Seiten wandert, braucht man eine nahezu unüberwindbare defensive Festung", forderte Renard, der sich in der Abwehr auf einen alten Bekannten aus der Bundesliga verlassen kann.

  • Der Star: Medhi Benatia

Zwei Meisterschaften und der Pokalsieg mit Bayern München, das Double mit Juventus Turin - alle bisherigen Erfolge wurden für Medhi Benatia am Abend des 11. November in Abidjan auf einmal ganz klein. Als Kapitän führte er Marokko nach 20-jähriger Abwesenheit wieder zur Fußball-WM, das entscheidende Tor zum 2:0 bei der Elfenbeinküste erzielte der 31 Jahre alte Abwehrchef gleich selbst. Der "wundervollste Moment" seiner Karriere sei dies gewesen, sagte Benatia mit Tränen in den Augen.

Dabei hatte seine Welt vor nicht allzu langer Zeit noch völlig anders ausgesehen. Mit dem Ruf, einer der besten Innenverteidiger Europas zu sein, wechselte er 2014 von der AS Rom nach München. Doch Benatia kam beim deutschen Rekordmeister nie wirklich zurecht, Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück.

Nach zwei glücklosen Jahren folgte die Rückkehr nach Italien zu Juventus Turin, beim Meister fand Benatia nach einigen Anlaufschwierigkeiten zu alter Stärke zurück und ist mittlerweile unumstrittener Stammspieler.

Dies ist er auch im Nationalteam. Der gebürtige Franzose ist der Star der Mannschaft, Führungsspieler und verlängerter Arm von Trainer Renard auf dem Platz. Die Hoffnungen eines ganzen Landes ruhen vor allem auf Benatia, Marokko auch wieder auf der ganz großen Bühne Glücksmomente zu verschaffen.

  • Der Trainer: Hervé Renard

Wenn Hervé Renard seinen Koffer für die Reise nach Russland packt, darf eine Sache auf keinen Fall fehlen: ein figurbetont geschnittenes, weißes Hemd. Seit der Franzose 2012 Sambia sensationell zur Afrikameisterschaft geführt hatte, ist das modische Kleidungsstück an der Seitenlinie sein Glücksbringer.

Drei Jahre später gelang ihm dieses Kunststück mit der Elfenbeinküste nochmal, als erster Trainer überhaupt gewann er die afrikanische Kontinentalmeisterschaft mit zwei verschiedenen Teams. Und um seiner Erfolgsgeschichte auf dem schwarzen Kontinent ein weiteres Kapitel hinzuzufügen, führte der "weiße Zauberer", wie Renard aufgrund seines Kleidungsstils genannt wird, Marokko erstmals nach 20 Jahren wieder zur WM-Endrunde.

Der 49-Jährige gilt als gewiefter Stratege, der seinen Teams taktische Disziplin einimpft und seine Spieler als impulsiver Vulkan am Spielfeldrand mitreißen kann. In Marokko setzte er auf brandgefährliches Konterspiel aus einem defensives Bollwerk heraus - in seiner Qualifikationsgruppe musste das Team kein einziges Gegentor hinnehmen.

Dieser Erfolg weckt natürlich auch Begehrlichkeiten. Doch Gerüchten, er könnte Marokko nach der WM für lukrativere Angebote verlassen, erteilte Renard vehement eine Absage. Die volle Konzentration des "weißen Zauberers" gilt dem Ziel, sich in Russland einmal mehr als Meister des afrikanischen Fußballs zu beweisen.

  • Die Prognose:

Obwohl im Kader der Marokkaner überaus spielstarke Akteure wie Hakim Ziyech (Ajax), Younès Belhanda (Galatasaray) und Schalke-Youngster Amine Harit zu finden sind, wäre der Einzug in die K.o.-Runde eine kleine Sensation.

Nur das Mittelfeld genügt höheren Ansprüchen, in allen anderen Mannschaftsteilen mangelt es an der nötigen Qualität, um Spanien und Portugal gefährlich zu werden. Verlassen kann sich Trainer Renard immerhin auf eine eingespielte Defensive. Dennoch deutet wenig auf ein Weiterkommen hin.

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