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WM-Gruppe B im Check: Wer profitiert vom Spanien-Chaos?

14.06.2018 07:27
Portugal und Spanien duellieren sich bei der WM in Russland
© getty, Martin Rose
Portugal und Spanien duellieren sich bei der WM in Russland

Das vielleicht hochklassigste Duell in der Vorrunde der Fußball-WM überhaupt zwischen Europameister Portugal und Topfavorit Spanien, formstarke Marokkaner mit dem Zeug zum Überraschungsteam sowie der Iran als krasser Außenseiter. Heute im sport.de-Check: die Gruppe B.

Iran: Die Underdogs

Bei seiner fünften WM-Teilnahme ist der Iran einmal mehr krasser Außenseiter. Über herausragende Einzelspieler wie einst die Bundesliga-Legionäre Ali Daei, Ali Karimi oder Vahid Hashemian verfügt das "Team Melli" nicht mehr. Stattdessen soll es in Russland das Kollektiv richten.

Namhaftester Akteur im Kader aus deutscher Sicht ist der frühere Wolfsburger und Herthaner Ashkan Dejagah. Der inzwischen 31-Jährige steht seit dem Winter bei Nottingham Forest in der zweiten englischen Liga unter Vertrag. Dort kam der Offensivspieler wegen einer Knieverletzung allerdings nur einmal zum Einsatz. Der portugiesische Trainer Carlos Queiroz setzt aufgrund seiner individuellen Klasse und seiner Erfahrung dennoch auf den Routinier.

Prunkstück der Iraner ist allerdings die Hintermannschaft. "Defensiv ist das Team sehr stabil, es besitzt eine gute Disziplin", sagt Winfried Schäfer, Trainer vom Traditionsklub Esteghlal Teheran. Dennoch: Alles andere als ein Vorrundenaus wäre eine riesige Sensation.

Achtelfinalchancen: 10 Prozent


Marokko: Die Formstarken

Mit breiter Brust und einer beeindruckenden Serie von 18 Spielen in Folge ohne Niederlage reisen die "Löwen vom Atlas" nach Russland. "Wir fahren nicht dorthin, um nur teilzunehmen. Wenn wir bei der WM schon nach der Vorrunde ausscheiden, wäre das eine riesige Enttäuschung", sagt der französische Trainer Hervé Renard, der in seiner Wahlheimat ehrfürchtig "weißer Zauberer" genannt wird.

Star des Teams ist der frühere Bayern-Profi Medhi Benatia, italienischer Doublesieger mit Juventus Turin. Der 31-jährige Abwehrchef ist in der Nationalmannschaft nicht nur sportlich eine wichtige Säule, auch als Führungsspieler geht der Kapitän voran. Nicht von ungefähr ist Benatia für Renard "Vorbild", "Vertrauter" und "Trainer auf dem Platz".

Renard hat seinen Schützlingen defensive Disziplin sowie ein gefürchtetes Umschaltspiel eingeimpft. Gepaart mit dem ohnehin hervorragenden spielerischen Level der meisten Spieler hat Marokko durchaus das Zeug zum Überraschungsteam.

Achtelfinalchancen: 40 Prozent


Portugal: Die One-Man-Show

33 Jahre alt ist Cristiano Ronaldo inzwischen - und immer noch der absolute Schlüsselspieler im portugiesischen Team. 15 von 30 Treffer des Europameisters in der WM-Qualifikation erzielte der Angreifer von Real Madrid. "Er lässt uns nie im Stich", feierte die Sportzeitung "A Bola" den Nationalheld.

Die Abhängigkeit von seinem Ausnahmekönner ist gleichzeitig die größte Schwäche Portugals. Um Ronaldo herum tummeln sich gute Fußballer, die aber durchweg nicht zur absoluten Weltspitze zählen. "Wir müssen mit beiden Beinen auf dem Boden und bescheiden bleiben. Es muss Schritt für Schritt gehen", warnt der Superstar, der in seinen bisherigen 13 WM-Spielen lediglich drei Treffer erzielte.

Trainer Fernando Santos wird in Russland wie bei der erfolgreichen EURO auf defensive Stabilität und gute Organisation setzen - und, natürlich, auf Cristiano Ronaldo. Für den Einzug in die K.o.-Runde sollte das reichen.

Achtelfinalchancen: 80 Prozent


Spanien: Das Chaos beim Top-Favoriten 

Eigentlich hat niemand an der Favoritenrolle Spaniens bei der WM in Russland gezweifelt. Eindrucksvoll hat sich "La Furia Roja" unter Trainer Julen Lopetegui nach der verkorksten Europameisterschaft 2016 zurückgemeldet. Damals scheiterte Spanien noch im Achtelfinale. 20 Partien haben die Iberer seither nicht verloren.

Am Mittwoch, zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Portugal, wird das Land jedoch von einer Nachricht erschüttert: Spanien entlässt den Erfolgstrainer, nachdem am Tag zuvor der Wechsel des 51-Jährigen im Sommer zu Real Madrid öffentlich wurde. Verbandschef Rubiales, von der Meldung völlig überrumpelt, setzt kurzerhand Sportchef Fernando Hierro als Interimscoach ein.

Somit ist das selbstgeschaffene Chaos kurz vor dem Turnierbeginn perfekt. Hierro, der abgesehen von einem Jahr beim spanischen Zweitligisten Real Oviedo kaum über Erfahrungen als Cheftrainer verfügt, muss nun improvisieren. 

Vor allem wird es auf den mit Stars gespickten Kader ankommen. Das Gerüst um Kapitän Sergio Ramos, Innenverteidiger Gerard Piqué, WM-Held Andrés Iniesta und Offensivkünstler David Silva steht einmal mehr in der Verantwortung. 

Möglich, dass sich Spanien selbst um die Früchte der Arbeit gebracht hat und ein ähnliches Scheitern wie bei der WM 2014 erlebt. Dennoch: Über Erfahrung und individuelle Klasse verfügen die Spanier in Hülle und Fülle. Ein positives Ergebnis gegen Portugal könnte zusätzlichen Auftrieb geben.

Achtelfinalchancen: 70 Prozent

Tobias Knoop

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