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Spektakel vor 36 Jahren

Historie: Irres Wettballern zwischen Schalke und Bayern

02.05.2020 21:41
Olaf Thon netzte im Pokalhalbfinale 1994 gegen den FC Bayern dreifach
© imago sportfotodienst
Olaf Thon netzte im Pokalhalbfinale 1994 gegen den FC Bayern dreifach

Das 6:6 zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern München am 2. Mai 1984 ging als wohl spektakulärste Partie überhaupt in die Geschichte des DFB-Pokals ein. Mann des Spiels war der damals erst 18-jährige Olaf Thon.

"Den würde ich am liebsten direkt mit nach München nehmen", schwärmte Bayern-Trainer Udo Lattek nach Thons Galaauftritt an dem denkwürdigen Pokalabend über den zuvor noch weitgehend unbekannten Schalker. "Für den Jungen würde ich sofort zehn Millionen Mark hinlegen."

Der erst am Vortag der Partie volljährig gewordene Mittelfeldspieler hatte gerade einen Dreierpack gegen Latteks Mannschaft geschnürt und dieser mit seinen Knappen über 120 Minuten einen fantastischen Kampf geliefert.

Mehrfach kamen die Gastgeber nach Rückständen wieder ins Spiel zurück und sorgten so für den sensationellen Verlauf des Halbfinalspiels im Gelsenkirchener Parkstadion.

Schalke 04 gegen FC Bayern wie David gegen Goliath

Dabei waren die großen Bayern als haushoher Favorit ins Ruhrgebiet gereist: Das Starensemble aus dem Süden der Republik spielte im Oberhaus wie gewohnt um die Meisterschaft mit, Schalke kickte in der 2. Bundesliga. Kaum jemand räumte den Gelsenkirchenern im Vorfeld auch nur den Hauch einer Chance ein.

Und zunächst lief für die Münchener alles nach Plan: Bereits nach zwölf Minuten führten sie durch Tore von Karl-Heinz Rummenigge und Reinhold Mathy souverän mit 2:0.

Doch dann schlichen sich Nachlässigkeiten ins Spiel des Favoriten ein. "Die Bayern zogen sich zurück, schalteten die bekannten Gänge herunter", erzählte Olaf Thon im Interview mit dem Magazin "11 Freunde". "Wahrscheinlich dachten sie, dass sie die verbleibenden 78 Minuten auf Konter spielen können."

Dramatik bis zur letzten Sekunde

Schalke hielt dagegen. Innerhalb von sechs Minuten glichen Thomas Kruse und Thon aus. Im direkten Gegenzug erzielte Michael Rummenigge zwar die erneute Führung für den FCB und es ging beim Stand von 2:3 in die Pause. Doch jetzt glaubten die Gastgeber an eine Sensation gegen die eigentlich übermächtigen Münchener. "Ich war mir sicher: Die haben richtig Schiss, die sitzen nun in der Kabine und denen schlottern die Knie", berichtete Thon.

In der letzten halben Stunde der regulären Spielzeit entwickelte sich ein packender Schlagabtausch. Wieder Thon und Peter Stichler drehten das Spiel und brachten die Königsblauen erstmals in Führung. Michael Rummenigge glich zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit aus und rettete die Gäste in die Verlängerung.

Ab der 112. Minute wurde es dann vollkommen wild: Nach Dieter Hoeneß' Führungstreffer für die Bayern glich Bernhard Dietz wenig später aus. Doch Hoeneß brachte die Bayern zwei Minuten vor Schluss erneut nach vorne.

"Das ist die Entscheidung", war sich TV-Kommentator Eberhard Figgemeier sicher - zum wiederholten Male. Die meisten der über 70.000 Zuschauer im Parkstadion dürften diese Einschätzung diesmal geteilt haben.

Doch Thon sorgte mit seinem dritten Treffer Sekunden vor Spielende für den Schlusspunkt einer Wahnsinnspartie und unbeschreiblichen Jubel bei den königsblauen Fans.

Wie gewonnen, so zerronnen

"Acht Minuten lang", erinnert sich der Held des Abends viele Jahre später noch genau, habe die euphorische Menge ihn auf ihren Schultern über den Platz getragen. "Die Bayern-Spieler standen derweil konsterniert und ratlos an der Linie oder verschwanden in den Katakomben", beschrieb Thon.

Lange Zeit zum Feiern blieb den Schalkern allerdings nicht: Nur eine Woche später mussten sie zum seinerzeit notwendigen Wiederholungsspiel in München antreten – und unterlagen 2:3. Die Bayern zogen ins Endspiel ein und sicherten sich dort gegen Borussia Mönchengladbach den Titel.

Olaf Thon aber wechselte vier Jahre später schließlich tatsächlich zu den Bayern - entgegen Latteks spontanem Angebot nach dem 6:6 für "nur" vier Millionen Mark.

Drei Meisterschaften holte er mit dem FCB. Außerdem wurde der gebürtige Gelsenkirchener Teil der Weltmeistermannschaft 1990 und gewann nach seiner Rückkehr in die Heimat mit Schalke noch 1997 den UEFA-Cup sowie 2001 und 2002 den DFB-Pokal, auch wenn er 2002 im Pokal nicht mehr zum Einsatz kam.

Trotz der zahlreichen späteren Titel und Erfolge seines Fußballerlebens denkt Thon noch besonders gerne an den unwirklichen Maibend im Parkstadion zurück. "Es war das mit Abstand schönste Spiel meiner Karriere", so der Mann, der mit seinen Treffern gegen die Bayern Pokalgeschichte schrieb.

Tobias Knoop

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