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Kuriose Geschichte aus England

Damals: Als ein Hunde-Detektiv die Fußball-WM rettete

20.03.2020 11:48
David Corbett mit seinem Hund Pickles neben dem Busch, unter dem der WM-Pokal lag
© imago sportfotodienst
David Corbett mit seinem Hund Pickles neben dem Busch, unter dem der WM-Pokal lag

Am 20.03.1966 ereignete sich ein riesiger Skandal, der weltweit für Schlagzeilen sorgte. Wenige Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in England hatte ein dreister Dieb mitten in London den WM-Pokal gestohlen und verschwinden lassen.

Doch nicht etwa Scotland Yard brachte die Sieger-Trophäe noch vor Beginn des Turniers zurück, sondern kurioserweise ein kleiner Hund namens Pickles.

Das Entsetzen stand den Sicherheitsbeauftragten der Metropolitan Police an jenem Sonntag, dem 20. März 1966, ins Gesicht geschrieben. Der Coupe Jules Rimet, der Weltmeister-Pokal, den unter anderem Deutschland beim Wunder von Bern voller Stolz in die Höhe gehalten hatte, war während der Mittagspause aus der Ausstellung "Sport und Briefmarken" in Westminster aus einer nur mit einem Vorhängeschloss gesicherten Vitrine gestohlen worden.

Postwertzeichen "im Wert von drei Millionen Pfund hatte der Dieb dagegen unangetastet gelassen", merkte der britische Briefmarkensammler-Klub leicht irritiert an.

Wenige Tage später fasste die englische Polizei Edward Betchley, einen 47-jährigen Dockarbeiter, der rund 15.000 Pfund Lösegeld in Empfang nehmen wollte und später beteuerte, er sei nur Mittelsmann gewesen. Betchley wanderte für zwei Jahre ins Gefängnis, ließ aber noch beim Prozess mitteilen: "Wie auch immer meine Strafe ausfällt, ich hoffe, dass England den WM-Pokal gewinnt."

"Ich dachte zuerst, es könnte eine Bombe sein"

Die Sieger-Trophäe blieb indes weiter spurlos verschwunden. Eine ganze Woche zog ins Land, bis sich eines Abends der 26-jährige Themse-Fährmann David Corbett nichtsahnend mit seinem Hund Pickles auf den Weg zu einer Telefonzelle machte.

Plötzlich begann der Collie-Mischling aufgeregt an einem Paket zu schnuppern, das er unter einem Busch gefunden hatte. "Es war in Zeitungspapier eingewickelt und mit Paketschnur zusammengebunden", sagte Corbett später gegenüber "Fifa.com" und fügte an: "Damals war die IRA ziemlich aktiv, daher dachte ich zuerst, es könnte eine Bombe sein und legte es schnell wieder hin."

Herrchen und Hund in vertrauer Zweisamkeit
Herrchen und Hund in vertrauer Zweisamkeit

Doch dann siegte die Neugier beim Briten. "Ich riss ein Stück der Zeitung ab und sah eine runde Scheibe. Als ich mehr Papier abriss, kamen die Inschriften zum Vorschein – Brasilien, Deutschland, Uruguay ... Ich ging schnell nach Hause zurück und sagte zu meiner Frau: 'Ich glaube ich habe den WM-Pokal gefunden!'"

Der Themse-Fährmann gab das Paket samt Inhalt schließlich bei der Polizei ab und wurde zeitweise selbst zum Verdächtigen. "Das war mir nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen, bevor ich dort in der Cannon-Row-Polizeiwache saß!", sagte Corbett, der allerdings nach intensiver Befragung wieder nach Hause geschickt und entlastet wurde.

Finderlohn in Höhe von 6000 Pfund

In der Folge erhielt Corbett einen Finderlohn in Höhe von 6000 Pfund, was damals in etwa dem Vierfachen seines Jahresgehalts entsprach und in dreimal so viel war, wie jeder von Englands Fußball-Helden später für den WM-Triumph erhalten sollte.

Pickles konnte sich nach Herzenslaune sattfressen
Pickles konnte sich nach Herzenslaune sattfressen

Sein Hund Pickles wurde unterdessen zum Star des Turniers. Bei einem Festbankett anlässlich der Eröffnung der Weltmeisterschaft durfte er die Teller der anwesenden Gäste ablecken und sich später über einen Platz in der Ehrenloge beim Auftaktspiel freuen. 

Der Collie-Mischling erhielt außerdem eine gut dotierte Rolle in einem Spielfilm ("Der Spion mit der kalten Nase"), ein Jahr Hundefutter gratis sowie gleich zwei Medaillen: eine vom "World Cup Collectors Club" und eine weitere vom nationalen Hundeschutzverein. 

"Ein bisschen Stolz empfinde ich schon"

Ein Jahr später wanderte Pickles in den Hunde-Himmel. Im Kampf mit einer Katze war er mit seinem Halsband an einem Zaun hängengeblieben und hatte sich dabei tragischerweise selbst erwürgt, wie englische Zeitungen berichteten. 

Corbett begrub seinen Gefährten im Garten seines Hauses in South Norwood.

Bis heute denkt der ehemalige Themse-Fährmann gern an die WM 1966, den Triumph seines Landes und seine ganz spezielle Rolle in dieser Geschichte zurück. "Ein bisschen Stolz empfinde ich dabei schon und ich habe das gute Gefühl, dass auch ich diesen Pokal einst in den Händen hielt!"

Chris Rohdenburg

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