Anzeige

Schach-Welt feiert Kramniks furioses Turm-Manöver

13.03.2018 12:37
Vladimir Kramnik brachte die Schach-Szene zum Toben
© getty, Sebastian Reuter
Vladimir Kramnik brachte die Schach-Szene zum Toben

Mit einer furiosen Partie hat sich Vladimir Kramnik beim Kandidatenturnier der Schach-WM in Berlin zum Favoriten aufgeschwungen. Im fortgeschrittenen Alter hat der russische Ex-Weltmeister sein Spiel revolutioniert.

Der Moment, in dem Vladimir Kramnik die Schach-Welt kollektiv ausrasten ließ, konnte unspektakulärer kaum sein. Um ein einziges Feld schob der russische Ex-Weltmeister seinen Turm nach rechts und wurde dafür von der versammelten Experten-Szene umgehend für den "Zug des Jahres", einen "Eröffnungshammer" oder "eine schachhistorische Variation" gefeiert. Zu Recht, wie sich bald zeigte.

Denn auch das unerwartete Manöver katapultierte Kramnik beim WM-Kandidatenturnier in Berlin in die Rolle des Favoriten. Der 42-Jährige hat nun zwei seiner ersten drei Spiele gewonnen und steht damit an der Spitze des Tableaus des achtköpfigen Teilnehmerfeldes. Nach dem ersten Ruhetag der insgesamt 18-tägigen Veranstaltung trifft er am Mittwoch im Topspiel auf US-Hoffnung Fabiano Caruana.

>> Zwischen Genie und Wahnsinn: Alle Schachweltmeister in der Galerie

Um zu verstehen, was Kramniks Aktion beim Sieg gegen den hoch gehandelten Armenier Levon Aronyan so besonders machte, muss man ein wenig mehr über den russischen Großmeister wissen. Durch den für einen interessierten Laien unscheinbaren Zug variierte dieser nämlich eine etablierte Verteidigungsvariante, die er selbst einst berühmt gemacht hatte: die "Berliner Mauer", die vielleicht bekannteste Defensivtaktik für Partien mit den schwarzen Steinen und üblicherweise ein Garant für ein wenig aufregendes Remis.

"Habe auf den richtigen Moment gewartet"

Ende des 19. Jahrhunderts in der Berliner Schachschule entwickelt, kam die Strategie durch Kramniks Auftritt beim WM-Duell 2000 mit dem großen Garri Kasparov wieder in Mode. Ebenfalls in der deutschen Hauptstadt hatte Kramnik seinem Landsmann damals mit dem schier undurchdringlichen Abwehrbollwerk den letzten Nerv geraubt und sich selbst erstmals zum Weltmeister gekrönt. Im fortgeschrittenen Schachspieler-Alter hat er seine Spezialtaktik nun noch einmal verfeinert - und plötzlich zu einer Angriffsvariante umgeformt.

"Ich habe den Zug vor einigen Jahren gefunden. Seitdem habe ich auf den richtigen Moment gewartet", sagte Kramnik hinterher in seiner für Schachspieler so typisch nüchternen Art. Dass er damit im Kampf um den Titel des Herausforderers von Weltmeister Magnus Carlsen eine echte Duftmarke gesetzt hatte, dürfte aber auch ihm bewusst sein. "Vielleicht wird dieses Spiel in vielen Schachbüchern publiziert", sagte er, nur um direkt nachzuschieben: "Aber in Wahrheit war es keine besondere Leistung."

Kramnik gilt als noch gefährlicher

Kramnik, der früher vier Jahre in Berlin lebte und in der Bundesliga spielte, veredelt derzeit sein ohnehin eindrucksvolles Comeback in der Weltspitze. Nach dem Verlust seines WM-Titels 2007 schien er zunehmend abgehängt von der aufstrebenden jungen Generation um Carlsen und Caruana. Nun ist er wieder Weltranglisten-Dritter, auch weil er sein Spiel offenbar auf ein neues Level gehoben hat.

Früher meist vornehmlich für seine kühlen Defensivkünste gerühmt, zeigt Kramnik derzeit, dass er plötzlich auch die Attacke im Repertoir hat. Noch stehen elf weitere Runden an, der Weg bis zum WM-Kampf Ende November ist noch lang. Dass die Mauer nun auch angreifen kann, macht den Altmeister aber noch gefährlicher.

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige