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Damals: Jan Ullrichs zweifelhafter "Glückstag"

09.02.2020 07:41
Jan Ullrich wurde am 9. Februar 2012 schuldig gesprochen
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Jan Ullrich wurde am 9. Februar 2012 schuldig gesprochen

Endlich war er da: Jan Ullrichs "Glückstag". Nach sechs Jahren voller kräftezehrender Dopinganschuldigungen und schier ewigen juristischen Auseinandersetzungen erwartete der Tour-de-France-Sieger von 1997 das Urteil des internationalen Sportgerichtshofes CAS. Doch der 9. Februar 2012 ging als endgültiger Niedergang des einstigen Radsporthelden in die Geschichte ein.

"Glückstag" - so hatte Ullrich den 9. Februar 2012 vorher selbst genannt. Endlich sollte eine Entscheidung im Doping-Prozess gegen ihn fallen. Seit 2006 stand der dringende Verdacht im Raum, Ullrich habe mithilfe des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes gedopt. Ullrichs Blutbeutel im Haus des Spaniers und hohe Geldbeträge, die er Fuentes zahlte, sprachen deutlich gegen den Tour-de-France-Sieger von 1997. "Egal, wie es ausgeht: Ich hoffe auf ein faires Urteil", erklärte er.

Das Problem der Richter: Der Radsportstar äußerte sich selbst nie konkret zu den Anschuldigungen und sein Anwalt wies lediglich auf vermeintliche Verfahrensfehler hin. "Ullrichs Schweigen ist so bemerkenswert wie überraschend", schrieb der Gerichtshof in seinem Urteil. Beinahe mantraartig hatte der damalige Wahlschweizer nur immer wieder verlauten lassen, niemanden betrogen zu haben.

Tour-Sieg bleibt Ullrich erhalten 

Doch das hatte er, befanden die Richter und urteilten, dass "Ullrich zumindest in Blutdoping verwickelt gewesen" und eine Zusammenarbeit mit Fuentes spätestens zum Mai 2005 bewiesen sei. Die Folge: Eine Zweijahressperre sowie das Streichen aller Ergebnisse seit Mai 2005 - darunter der dritte Platz bei der Tour de France 2005.

Ein Paukenschlag in der deutschen Öffentlichkeit? Mitnichten. Für die meisten Fans galt der ehemalige Publikums-Liebling sowieso schon als schuldig. Was fehlte, war ein Geständnis von Ullrich. Außerdem behielt der einst größte Konkurrent von Lance Armstrong seinen Tour-Sieg von 1997. Schließlich wurde ihm ein Doping-Vergehen zu dieser Zeit nie nachgewiesen.

"Es ist bedauerlich, dass Jan Ullrich nicht vorher die Chance ergriffen hat, um von sich aus Klarheit zu schaffen", sagte der damalige DOSB-Präsident und heutige IOC-Boss Thomas Bach über das Ende des Prozesses. "Wir hoffen auch in seinem eigenen Interesse, dass er zumindest jetzt einsichtig ist und sich entsprechend erklärt."

Burnout als Folge der "schwierigen Zeit"

Doch anstatt sich wenigstens nach der Urteilsverkündung zu seiner Doping-Vergangenheit zu bekennen, hüllte sich Ullrich in Schweigen. "Ich nehme den Schiedsspruch hin und werde ihn nicht anfechten", sagte er. "Nicht, weil ich mit allen Punkten in der Urteilsbegründung übereinstimme, sondern, weil ich das Thema endgültig beenden möchte." Lediglich den Kontakt zu Fuentes bestätigte er in einer Stellungnahme.

Trotz des für ihn negativen Ausgangs, freute sich Ullrich über das Ende des Prozesses und der damit verbundenen "schwierigen Zeit" für ihn und seine Familie. Zwar hatte der heute 44-Jährige seine aktive Karriere bereits 2007 offiziell beendet, die Doping-Vorwürfe begleiteten ihn aber darüber hinaus und führten aus seiner Sicht 2010 zu einem Burnout.

Ullrich-Geständnis kommt zu spät

Nie wieder wollte Ullrich in der Öffentlichkeit über seine Doping-Affäre sprechen. Doch 2013, ein Jahr nach dem Urteil, tat er es doch. Mit einem längst überfälligen Geständnis meldete sich der Dopingsünder zu Wort. "Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen", sagte er dem "Focus".

Thomas Bach war auch das nicht genug. "Es ist zu wenig und viel zu spät. Für ein wirklich glaubhaftes Geständnis hätte sich Jan Ullrich schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen", urteilte der heutige IOC-Chef. "Diese Chance hat er verpasst, und selbst jetzt arbeitet er nach meinem Gefühl noch mit rhetorischen Winkelzügen. Das hilft weder ihm noch dem Radsport weiter."

Schließlich hielt Ullrich auch an seiner Sichtweise fest, niemanden betrogen zu haben. "Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen." Dass er Millionen Fans betrog, die an einen sauberen Sport glaubten, interessierte ihn auch nach seinem "Glückstag" nicht.

Florian Pütz

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