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Garrincha: Das tragische Ende der "Freude des Volkes"

01.07.2018 12:12
Ein Garrincha-Graffiti in Rio de Janeiro
© getty, Laurence Griffiths
Ein Garrincha-Graffiti in Rio de Janeiro

Alle vier Jahre wird bei WM-Endrunden Geschichte geschrieben. Während der Weltmeisterschaft in Russland erinnert sport.de an kuriose Ereignisse und unvergessene Momente. Heute: Die Freude des Volkes.

Garrincha. In Brasilien raunen sie den Namen ihres Idols nur. Garrincha. Es klingt nach Sehnsucht, nach Spektakel. Rechts hatte dieser Wunderdribbler ein X-Bein, links ein O-Bein, das zudem sechs Zentimeter kürzer war als das rechte. Schon mit zehn Jahren schüttete er den Cognac in sich hinein, eine Schule hat er nie besucht, doch auf dem Fußballplatz schien Manoel Francisco dos Santos, genannt Garrincha, den "Himmel zu berühren".

Auf seinem Grabstein steht: "Hier ruht in Frieden der, der die Freude des Volkes war - Mané Garrincha". Pelé wird in Brasilien bewundert, Garrincha aber vergöttert.

Weil er wie so viele seiner Landsleute Schwierigkeiten hatte, geräuschlos durch das Leben zu gleiten. Und weil er ihnen beim Fußball so viele Momente des Glücks und der Schönheit schenkte. In der Hauptstadt Brasilia wurde das Stadion nach Garrincha benannt, den Namen von Pelé trägt keine der WM-Arenen von 2014.

Pelé schwärmt

"Garrincha war ein unglaublicher Spieler. Er konnte Dinge mit dem Ball machen wie kein anderer", sagt Pelé über seinen alten Kollegen, mit dem er 1958 den ersten WM-Titel holte: "Ohne Garrincha hätte ich niemals dreimal Weltmeister werden können." Die Erinnerung an diesen Paradiesvogel verblasst nicht, weil er für das Schöne am Spiel stand. Die Spieler von heute erinnern die Brasilianer eher an Rennpferde - mit Ausnahme vielleicht von Neymar.

Die, die das Glück hatten, Garrincha spielen zu sehen, sagen, dass es nie wieder einen Spieler wie ihn geben wird - der beste Rechtsaußen der Geschichte. Dieser verkrüppelte kleine Mann aus dem Dörfchen Pau Grande schlug Haken, die man vorher noch nie gesehen hatte. Er machte die Gegenspieler lächerlich. Für Botafogo machte Garrincha 249 Tore in 579 Spielen.

"Er schien den Himmel zu berühren"

"Manchmal wartete er auf den Verteidiger, den er gerade ausgetrickst hatte, um ihn dann erneut auszuspielen", sagt sein Biograf Ruy Castro. Und Elza Soares, die berühmte brasilianische Sängerin und Garrinchas letzte Frau, erinnert sich: "Wenn er auf dem Platz stand, schien er den Himmel zu berühren." 1962 führte Garrincha Brasilien in Chile zum zweiten Titel - der verletzte Pelé applaudierte auf der Tribüne. Danach ging es bergab - mehr Alkohol, mehr Frauen, mehr Schmerzen im Knie. Das Haus, in dem er früher lebte, ist heute eine Bar und heißt Garrinchinha.

Mit dem Leben war Garrincha, der seinen Künstlernamen dem gleichnamigen Urwaldvogel wegen des wackelnden Gangs verdankte, überfordert. Seit dem zehnten Lebensjahr soll er alkoholsüchtig gewesen sein, zudem Analphabet, mit Geld konnte er nicht umgehen. Es hat ihm nie jemand beigebracht. Garrincha zeugte mindestens 14 Kinder, hatte unzählige Affären und soff sich im Januar 1983 zu Tode - da war er keine 50 Jahre alt. Garrincha sei ein "schüchterner, ungeschickter" Mann gewesen, sagte seine Enkelin Alexsandra dos Santos der Nachrichtenagentur "AFP".

Abertausende säumten die Straßen Rios, als sein Leichnam vom Maracana nach Pau Grande überführt wurde. "Die Menschen liebten ihn so sehr, weil er eigentlich ein Verlierertyp war", sagt Castro. Noch heute zaubert der Name Garrincha den Brasilianern ein Lächeln ins Gesicht. Er war die Freude des Volkes.

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