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"Sobald er an dem Punkt war, war es vorbei"

"Angepisst" und nicht zu halten: Kobes Meisterstück

22.01.2020 09:31
Kobe Bryant schrieb am 22. Januar 2006 Geschichte
© getty, Stephen Dunn
Kobe Bryant schrieb am 22. Januar 2006 Geschichte

Am 22. Januar 2006 lieferte Kobe Bryant in Los Angeles die zweitbeste Scoring-Performance der NBA-Geschichte ab. Aus einer eher langweiligen Begegnung machte der Forward einen Eintrag in die Geschichtsbücher.

Ähnlich wie Fußball oder Handball ist auch Basketball ein Teamsport. Doch ausgerechnet einem der ganz Großen des Sports wird die Teamfähigkeit regelmäßig abgesprochen: Kobe Bryant. In den Augen vieler Experten und Weggefährten ein klassischer Einzelgänger und "Egozocker". Ein Spieler, der hauptsächlich selbst Scoren möchte. "Kobe doesn't pass" ("Kobe passt nicht") war und ist in den Staaten ein Running Gag.

Dennoch widersprechen dieser Auffassung viele. US-Trainer-Legende Mike Krzyzewski erklärt: "Kobe macht, was man von ihm verlangt um zu gewinnen. Rebounden, Defense spielen oder Passen. Er will einfach nur gewinnen." Zweifellos aber bleibt Kobe in erster Linie einer der ganz großen Scorer in der Geschichte des orangenen Leders, so Krzyzewski weiter.

Den endgültigen Beweis für die These lieferte er am 22. Januar 2006. Die Partie zwischen seinen Los Angeles Lakers und den Toronto Raptors fand zunächst nicht viel Beachtung. Am selben Tag fanden schließlich die Conference Finals in der NFL statt. Nicht einmal Edelfan und Dauergast Jack Nicholson bemühte sich ins Staples Center. Und doch wurde es ein Abend für die Geschichtsbücher.

"Black Mamba" überfordert die Raptors

Bryant hatte bereits zur Halbzeit 26 Punkte auf dem Konto. Dennoch liefen seine Lakers dem Spiel hinterher und lagen 49:63 zurück. L.A. benötigte (mal wieder) eine Sensationsperformance vom Superstar. Mitspieler Devean George erinnert sich gegenüber "ESPN", dass es wenig brauchte, um Kobe zu befeuern: "Wenn er sauer wurde, dann ging es richtig los. Das hat sein Feuer geschürt. Sobald er an dem Punkt war, war es vorbei."

Und sauer wurde Bryant. Der Finger von Gegenspieler Mo Peterson verirrte sich in sein Auge und kratzte nicht nur die Retina sondern auch den Ehrgeiz des damals 27-Jährigen: "Es gab keinen Call, stattdessen bekam ich ein Technical für meine Beschwerden. Ich hatte das Gefühl, dass Mo mich nicht sauber verteidigen konnte. Also stach er mir ins Auge. Und das pisste mich einfach nur an."

Schlechte Nachrichten für die Raptors, die auf einmal mit einer völlig entfesselten "Black Mamba" zurechtkommen mussten. Bryant erzielte allein im dritten Viertel 27 Punkte und bescherte seiner Mannschaft eine 91:85-Führung. "Sam Mitchell (Raptors Head Coach, Anm. d. Red.) versuchte jeden Spieler gegen Kobe. Und er führte jeden einzelnen vor", erinnerte sich Kommentator Chuck Swirsky an die völlig überforderten Gäste aus Kanada.

Zweitgrößte Scoring-Performance der Geschichte

"Lamar [Odom] sagte mir in einem Timeout: 'Du kannst keine 60 auflegen.' Und im nächsten dann: 'Du kannst keine 70 auflegen.' Und schließlich meinte er: 'Zur Hölle, schnapp dir die 80.'", so Bryant. Richtig wahrgenommen habe er das damals aber nicht: "Ich war in meiner eigenen Blase und völlig fokussiert auf das Spiel."

Ob per Dunk, Dreier, Fadeaway oder ganz einfach per Freiwurf - auf jede erdenkliche Art und Weise beförderte Bryant, der damals noch die Nummer 8 trug, den Ball durch die Reuse. Nach 28 weiteren Punkten im vierten Viertel stand fest: Die Zuschauer hatten gerade die zweitgrößte Scoring-Performance der NBA-Geschichte und die beste der ruhmreichen Laker-Historie miterleben dürfen. Einzig Wilt Chamberlain konnte 1962 mehr Punkte (100) erzielen.

Der 122:104-Sieg half den Lakers zwar im späten Rennen um eine Playoff-Teilnahme. Dort war allerdings schon in der ersten Runde gegen die Phoenix Suns Endstation. Mit fünf gewonnenen Meisterschaften zählt Kobe dennoch zur Garde der Besten aller Zeiten.

Simon Lürwer

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