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"Total Happy": Sportler des Monats Ovtcharov im Plan

05.12.2017 14:35
Dimitrij Ovtcharov ist in diesem Jahr der beste Tischtennisspieler der Welt
Dimitrij Ovtcharov ist in diesem Jahr der beste Tischtennisspieler der Welt

Dimitrij Ovtcharov spielt in diesem Jahr das vielleicht beste Tischtennis seines Lebens. Der 29-jährige triumphierte bei großen Turnieren wie den Indian Open, den China Open und dem World Cup, setzte sich Mitte November außerdem im deutsch-deutschen Traumfinale gegen Timo Boll bei den German Open in Magdeburg durch.

Ganz klar: Für sport.de ist der momentan beste Tischtennisspieler der Welt, der ab dem kommenden Monat mit großer Sicherheit die Weltrangliste anführen wird, der Sportler des Monats November. Wir haben exklusiv mit Dimitrij "Dima" Ovtcharov über das beste Jahr seiner Karriere, den ersten großen Sieg über das chinesische Schwergewicht Fan Zhendong und die Beziehung zu Altmeister Timo Boll gesprochen. 

Herr Ovtcharov, wie geht es Ihnen aktuell nach den kräftezehrenden letzten Wochen und Monaten?

Dimitrij Ovtcharov: Mir geht es nach den letzten Erfolgen extrem gut, ich bin total happy. Ich hatte nur leider bisher wenig Zeit, das alles zu verarbeiten. Es standen und stehen noch so viele Meisterschaften und Turniere an, da geht es von Woche zu Woche immer weiter. Das Jahr ist komplett gefüllt, sogar nach Weihnachten geht es vom 26. bis 30. Dezember noch in Russland mit Ligaspielen weiter. Ich freue mich dann, dass es im Januar und Februar etwas ruhiger wird. Ich glaube, ich habe erst dann richtig Zeit, die letzten Erfolge alle zu realisieren.

Nach den herausragenden Erfolgen in den Einzel-Turnieren: Welchen Stellenwert haben da noch die Mannschaftsspiele mit ihrem Verein Fakel Orenburg in der russischen Liga und in der Champions League?

Mein Verein ist mein Hauptarbeitgeber, da verdiene ich ja auch mein Hauptgeld. Auch wenn wir Einzelsportler sind, spielen wir immer auch voll für unsere Mannschaften. Wir sind in Orenburg immer sehr ambitioniert und haben ein starkes Team, in dem wir uns als Spieler auch mal gegenseitig entlasten können. Die Champions League ist ein fortlaufender Prozess, da wollen wir in jedem Jahr sehr weit kommen.

Mit Ihrem Sieg bei den German Open am 12. November in Magdeburg haben Sie neue Maßstäbe gesetzt. Zum ersten Mal haben Sie mit Fan Zhendong einen absoluten chinesischen Topspieler geschlagen, außerdem noch im Finale gegen Timo Boll gewonnen. Sind Sie aktuell der stärkste Spieler der Welt?

Ich sag's mal so: Zwei Wochen vor den German Open habe ich in Lüttich den World Cup gewonnen, was bis dahin mein größter Einzelerfolg war. Dieser Sieg ist aber von außen immer wieder relativiert worden, weil ich dort eben auf keinen Chinesen traf. In Magdeburg habe ich dann erst gegen Yan An klar gewonnen und im Halbfinale den aktuell vielleicht besten Chinesen Fan Zhendong mit 4:3 geschlagen. Damit konnte ich auch die letzten Kritiker überzeugen. So ein Erfolg verleiht natürlich großen Mut, auch mal bei Olympia oder einer WM ganz oben auf dem Treppchen zu stehen.

Sie haben außerdem realistische Chancen, ab Januar die Weltrangliste als neue Nummer 1 anzuführen. Erklären Sie uns bitte einmal, unter welchen Umständen das eintreten wird.

Die Chancen stehen gar nicht schlecht. Ich brauche bei den Grand Finals nicht einmal eine Finalteilnahme, damit es klappen könnte. Aber auch die Spiele bis dahin müssen erst einmal gespielt werden. Ich gehe auf jeden Fall als Führender in die Grand Finals, wenn man sich die Turnierbilanzen des letzten Jahres betrachtet. Ab Januar wird die Weltrangliste im Tischtennis dann neuerdings ähnlich der im Tennis ermittelt, sodass es Stand heute sehr gut aussieht. Nummer 1 der Welt zu werden, wäre natürlich ein weiteres absolutes Highlight für mich.

Gerade das Halbfinale in Magdeburg gegen Fan Zhendong war in Sachen Dramaturgie und Stimmung ein Riesenspiel von Ihnen, wurde erst im entscheidenden siebten Satz mit 15:13 entschieden. Wie haben Sie diese Partie selbst erlebt?

Es war sicher eines der emotionalsten Spiele überhaupt in meiner Karriere. In Magdeburg ist es sowieso immer total cool zu spielen, die Zuschauer sind da sehr tischtennisaffin und gehen super mit. Das hat mir sehr geholfen. Ich hatte einen super Start ins Match und habe Fan etwas überrascht. Dann hat er allerdings seine Taktik geändert und mich wiederum überrascht. Es war also ein Spiel mit dauernden Höhen und Tiefen. Im letzten Satz hatten wir beide Matchbälle, knapper ging es eigentlich gar nicht mehr.

Bei meinen eigenen Matchbällen hatte ich sogar damit zu kämpfen, mein eigenes Adrenalin unter Kontrolle zu halten. Am Ende bin ich dann nochmal volles Risiko gegangen, was sich zum Glück ausgezahlt hat. Es war einfach der Wahnsinn!

Das Finale gegen Timo Boll wird schon jetzt als eine der großen Sternstunden des deutschen Tischtennis der letzten Jahre bezeichnet. Wie haben Sie diese Momente in Erinnerung?

Ich habe gegen Timo in diesem Jahr auch schon in China und beim World Cup im Finale gestanden, was jedes Mal für sich genommen eigentlich schon unglaublich war. Die Spiele sind immer saueng, Timo hätte sicherlich auch den einen oder anderen Sieg verdient gehabt. Vielleicht habe ich das Momentum, das richtige Selbstvertrauen und das Quäntchen Glück gerade auf meiner Seite.

Hat sich Ihr Verhältnis zueinander eigentlich verändert in den letzten Jahren? Immerhin war es jahrelang nicht so, dass Sie der sportlich erfolgreichere Spieler von beiden waren.

Nein. Ich hatte ja 2012 bei Olympia in London auch schon eine Einzelmedaille geholt und stehe seit ein paar Jahren höher als er in der Rangliste. Irgendwo ist es auch der normale Lauf der Zeit, dass mal jemand nachkommt. Aktuell pushen wir uns gegenseitig nach oben – im Training und in den Wettkämpfen. Wir sprechen vor und besonders nach den Spielen viel miteinander. Das macht uns gegenseitig stärker und das ist doch die Hauptsache. Wir haben auch wieder neue Hoffnungen für die Mannschafts-WM im nächsten Jahr, dort gemeinsam stark und erfolgreich zu sein. Uns verbindet eine lange Freundschaft und wir gönnen uns die Erfolge gegenseitig. Die Spiele zwischen uns sind immer sehr fair, beide geben da einfach ihr Bestes.

>>> Hier geht's zum zweiten Teil des großen sport.de-Interviews: Dimitrij Ovtcharov über die Neuerungen im Tischtennis, die Grand Finals in Astana und die bevorstehende Mannschafts-WM im Frühjahr 2018

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