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Olympische Spiele, Hochsprung (M)Hochsprung (M)
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    Damals: Ein Flop revolutioniert den Hochsprung

    20.10.2017 07:19
    "Der faulste Springer der Welt": Richard Fosbury gewinnt 1968 in Mexiko Olympia-Gold
    © getty, Tony Duffy
    "Der faulste Springer der Welt": Richard Fosbury gewinnt 1968 in Mexiko Olympia-Gold

    Die Zuschauer im Olympiastadion in Mexiko-Stadt reiben sich verwundert die Augen. Im Hochsprungfinale der Olympischen Spiele von 1968 gewinnt ein US-Amerikaner mit einer völlig neuen Technik sensationell Gold.

    Richard Douglas "Dick" Fosbury nimmt Anlauf für seinen Sprung über 2,24 Meter, läuft dabei einen Bogen und überquert die Latte rückwärts mit dem Kopf voraus. Als das wackelige Hindernis liegenbleibt, steht fest: Der 1,93 Meter große Schlacks aus Portland ist Olympiasieger - und das mit einem im Vorfeld belächelten Stil. Doch beinahe wäre es gar nicht dazu gekommen.

    Lange Zeit dominierte die Scherentechnik den Hochsprung, bei der der Athlet fast aufrecht die Beine nacheinander über die Stange schwingt. Es folgte der Rollsprung und dessen Weiterentwicklung, der Straddle, auch Wälzsprung genannt. Dabei rollt sich der Springer bäuchlings über die Messlatte.

    Eine entscheidende Neuerung ging Fosburys Revolution aber noch voraus. In den Landegruben vieler Hochsprunganlagen wurden Sand, Sägemehl und Hobelspähne vermehrt durch dicke Schaumstoffmatten ersetzt. Die Sportler mussten folglich nicht länger auf den Füßen landen, um schwere Verletzungen zu vermeiden.

    Hochspringer oder Zirkusartist?

    Dick Fosbury selbst galt vor seinem Triumph nur als mittelmäßiger Hochspringer. Er hatte Probleme, die damals gängigen Techniken umzusetzen. Stattdessen experimentierte er mit neuen Varianten, um den für ihn idealen Sprung zu entwickeln. Dabei ließ sich Fosbury auch nicht von seinem Trainer Bernie Wagner entmutigen. "So wird nichts aus dir. Besser wäre es, wenn du zum Zirkus gehen würdest", empfahl ihm der Coach.

    Trainer und Ärzte warnten, Fosbury könne sich mit seiner Sprungmethode das Genick brechen. Doch der junge Amerikaner wusste es besser und konnte über die Prophezeiungen nur lachen. Bei seinem Stil landete man schließlich auf der Schulter und nicht auf dem Genick.

    Fosbury blieb stur genug, um seine Kritiker am 20. Oktober 1968 zum Schweigen zu bringen. Im Hochsprung-Finale der Olympischen Spiele war er der einzige Springer, der bis zur 2,22-Meter-Marke fehlerfrei blieb. Mit seiner Siegerhöhe über 2,24 Meter stellte er sogar einen neuen olympischen Rekord auf. Das Publikum war euphorisiert, die Begeisterung in den Medien fiel allerdings verhalten aus.

    "Der faulste Springer der Welt" schrieb ein Reporter über den Olympiasieger, denn auf den Bildern schien es, als liege Fosbury auf der Latte. Ein anderer verglich die technische Neuerung mit einem zappelnden Fisch. In diesem Zusammenhang entstand auch der Name "Fosbury-Flop". Der Athlet sah aus, als würde er einfach über die Stange plumpsen (englisch: to flop).

    Fast ein Jahrzehnt bis zur Anerkennung

    Bis sich der Fosbury-Flop auch bei der Konkurrenz durchsetzte, dauerte es allerdings eine Weile. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München gewann der Este Jüri Tarmak bei den Männern noch mit der alten Straddle-Methode. Doch bei den Frauen sorgte die damals erst 16-jährige Ulrike Meyfahrt für die große Überraschung. Sie avancierte nicht nur zur jüngsten Goldmedaillengewinnerin in einer Einzeldisziplin, sondern stellte auch den ersten Weltrekord mit der neuen Flop-Technik auf.

    Erst vier Jahre später in Montreal hatte sich der Flop endgültig durchgesetzt. Fosbury sagte einmal: "Ich habe lediglich einen alten Stil weiterentwickelt und aus ihm etwas Effizientes gemacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand anderes auf der Welt so springen könnte und dass es die Sportart so revolutionieren würde."

    Allerdings konnte der Amerikaner sein Können nicht noch einmal auf großer Bühne unter Beweis stellen. Nur ein Jahr nach seinem Gold-Coup beendete der junge Profi seine aktive Laufbahn. Stattdessen konzentrierte er sich auf sein Studium, das er als Ingenieur abschloss. In Ketchum im US-Bundesstaat Idaho arbeitete Fosbury in den folgenden Jahrzehnten als Leiter eines Vermessungsbüro im Straßenbau-Sektor.

    Dem Sport hat sich der Revolutionär dennoch stets verbunden gefühlt. Seit 2017 ist Fosbury unter anderem Vorsitzender des gemeinsamen Amerikanischen Olympischen und Paralympischen Sportverbandes. Eine ganze Leichtathletikdisziplin bleibt ihm ebenfalls treu - bis zur nächsten Technikrevolution.

    Tom Kühner

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    Finale
    17.08.2016 01:30