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Sportler des Monats: Speer-Weltmeister Vetter

05.09.2017 14:27
Johannes Vetter wurde in London mit 89,89 Metern Weltmeister
Johannes Vetter wurde in London mit 89,89 Metern Weltmeister

Johannes Vetter sicherte sich im August nicht nur den Titel bei der Leichtathletik-WM in London, er trug sich mit seinem 94,44-Meter-Wurf einige Wochen zuvor auch in die Geschichtsbücher ein. Ganz klar: Für sport.de ist der 24-Jährige der Sportler des Monats August. 

Er ist der derzeit Beste der Welt und darüber hinaus der vielleicht bald konstanteste Speerwerfer aller Zeiten. Seit Weltrekordler Jan Železný gab es keinen Athleten mehr, der so weit speerwerfen kann wie Johannes Vetter. sport.de sprach exklusiv mit dem Offenburger über seinen größten Karriereerfolg, unfaire Berichterstattung in den Medien und seinen neuen Status als Sportstar. 

Herr Vetter, Ihre Wahnsinns-Saison ging mit dem Sieg beim ISTAF in Berlin vor einer Woche zu Ende. Was steht nun in der wettkampffreien Zeit an?

Johannes Vetter: Nach dem ISTAF war ich noch ein paar Tage in Berlin und habe das Wetter genossen. In den nächsten Tagen und Wochen stehen noch ziemlich viele Dinge wie zum Beispiel Interviewtermine an, die ich natürlich gerne mache. Trotzdem sind sie auch eine gewisse Belastung, weil ich nicht wirklich zur Ruhe komme. Nebenbei ziehe ich gerade auch noch um und das muss alles koordiniert werden.

Wann geht es dann bei Ihnen wieder zurück ins Training und in die Vorbereitung auf die neue Saison?

Ich habe noch knapp fünf, sechs Wochen Zeit, ein bisschen runterzukommen. Diese freie Zeit muss ich auch nutzen. Im nächsten Jahr geht es dann wieder auf Weitenjagd. Mitte Oktober geht es mit dem geregelten Training los.

Inwiefern sind Sie in dieser Pause noch sportlich aktiv?

Durch meinen Umzug werde ich auf jeden Fall genug schleppen (lacht). Ganz vom Sport wegzukommen ist sowieso schwierig. Ich brauche das an sehr stressigen Tagen auch als Ausgleich. Dann geht es ins Fitnessstudio oder zum Joggen. Der Zeitraum nach der Saison ist eh optimal, ein bisschen an der Ausdauer zu schrauben.

Ihre letzten Wettkämpfe in Zürich, Bad Köstritz und Berlin liefen für Sie größtenteils sehr erfolgreich, in Bad Köstritz stellten Sie zum Beispiel einen neuen Meetingrekord auf. Woher kommt diese enorme Konstanz auf diesem Weltklasse-Niveau?

Der wichtigste Punkt ist mein Training. Ich arbeite seit Winter 2014 mit Boris Obergföll zusammen. Wir haben gleich angefangen, an meiner Technik zu schrauben, weil da die meisten Reserven liegen. Das geht dann sehr ins Detail. Beispielsweise haben wir die Setzzeit vom rechten Bein auf das linke Stemmbein um knapp 100 Millisekunden verkürzt. Das klingt wenig und man sieht es auch kaum, aber für den Wurf ist es existenziell wichtig, weil ich dadurch in eine bessere Wurfposition komme. Hinzu kommt auch eine mittlerweile sehr hohe Anlaufgeschwindigkeit. Diese Faktoren machen den Leistungssprung um 15 Meter seit 2014 aus.

Ihre Leistungsentwicklung ist phänomenal. 2015 lag Ihre Bestleistung bei 85,40 Meter, ein Jahr später bei 89,57 Meter und in diesem Sommer schließlich bei 94,44 Meter. Haben Sie selbst an eine solch rasante Entwicklung geglaubt?

Ich war auf jeden Fall selbst überrascht, dass ich in der Lage bin, so stabil auf diesem Niveau zu werfen. Ich glaube sogar, dass es seit dem Weltrekordler Jan Železný bisher niemanden mehr gab, der so viele aufeinanderfolgende Wettkämpfe konstant auf einem so hohen Niveau bestreiten konnte! Das macht mich schon etwas stolz!

Wie weit geht es denn wohl noch nach oben für Sie? Welche Weiten haben Sie sich zum Ziel gesetzt?

Ja, das ist eine spannende Frage, die ich aber nicht konkret beantworten kann. Wir sind uns bewusst, dass wir im technischen Bereich sowie im Trainingsbereich noch Leistungsreserven haben. Ich bin erst 24 und habe auf jeden Fall noch Potenzial. Irgendwann ist ein Höhepunkt natürlich erreicht. Aber im Moment weiß ich noch nicht, wo er liegt.

Wie hat sich in den letzten ein, zwei Jahren Ihr Standing innerhalb der internationalen Speerwurf-Elite verändert? Wie werden Sie mittlerweile bei den Meetings wahrgenommen?

Es hat sich ziemlich verändert. Die anderen Werfer wissen schon: Wenn sie gewinnen wollen, müssen sie mich schlagen.

Nerven Sie die Fragen nach einem neuen Weltrekord oder der magischen 100-Meter-Marke mittlerweile?

Es kommt, wann es kommt! Die Medien geben sich halt nie mit irgendetwas zufrieden! Beim letzten Wettkampf in Berlin habe ich fast 90 Meter geworfen. In den Medien hieß es dann: Er hat weit an seiner Bestleistung vorbeigeworfen. Ich kann dem dann leider nur entgegnen, dass solche Leute vom Sport keine Ahnung haben. Vom Sport nicht, und von der Leichtathletik erst recht nicht. Es ist viel zu viel verlangt, dass ich immer 92 Meter oder mehr werfe. Kleinste Fehler in der Technik oder eine gewisse Erschöpfung kosten im Speerwerfen gut und gerne zehn Meter.


Wie gehen Sie damit um, nun in diesem besonderen Fokus der Öffentlichkeit zu stehen? Vor allem auch, wenn ein Wettkampf mal nicht optimal lief wie das Diamond League Finale in Zürich mit Platz vier.

Zürich ist ein gutes Beispiel: Auch da hatte ich insgesamt vier Würfe über 85 Meter. Heute werde ich nach einem 86-Meter-Wurf, der eine sehr gute Leistung bedeutet, direkt von einem Medienvertreter gefragt: Was war los, warum war das so ein schlechter Wettkampf? Vor drei, vier Jahren hätte die deutsche Leichtathletik noch davon geträumt, dass jemand diese Weiten so stabil wirft. So etwas nervt mich dann viel mehr, als die Leistung an dem Tag. Ich bin aber eine offene und ehrliche Person und sage auch, dass mir das auf den Keks geht.

Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit wird die nächsten Jahre aber bestimmt nicht geringer werden...

Nein, das definitiv nicht. Das Vertrauen in meine technische Stabilität ist aber mittlerweile so hoch, dass ich schon sehr abgeklärt in die Wettkämpfe gehe. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so resistent gegen den Druck bin. Natürlich war ich bei der WM total aufgeregt, da haben die Knie schon gezittert. Aber ich habe es dennoch auf den Punkt gebracht. 

Durch den Olympiatitel von Ihrem DLV-Kumpel Thomas Röhler und Ihrem WM-Titel ist das deutsche Team dominant wie lange nicht im Speerwerfen. Wird sich das die nächsten Jahre nun so fortsetzen?

Unser Team ist genau das, was uns so stark macht. Das, was Boris Obergföll als Bundestrainer geschaffen hat, ist einfach eine gute Sache. Das sind zum Beispiel auch die Workshops für die Heimtrainer, bei denen sich über Trainingsinhalte und Zielsetzungen ausgetauscht wird. Das stärkt das Training und das Vertrauen untereinander. Wir pflegen alle ein freundschaftliches Verhältnis. Wenn wir alle gesund bleiben, werden wir die deutsche Leichtathletik in den nächsten Jahren noch auf sehr hohem Niveau begeistern können!

Wie gehen Sie damit um, dass Sie spätestens durch Ihren WM-Titel von London zu einem echten Sportstar in Deutschland gereift sind?

Ich genieße das auf alle Fälle. Es kommen dadurch natürlich auch Aufgaben auf einen hinzu, aber das sehe ich als Privileg an. Es ermöglicht mir auch, gewisse Plattformen zu bedienen, um mal andere Umstände anzusprechen, die nicht immer nur direkt etwas mit meinen Wettkämpfen zu tun haben. Mein Ziel ist es in erster Linie, die Jugend für den Sport zu begeistern. Ich finde es sehr wichtig, als gutes Vorbild zu agieren und so vielen wie möglich die Leichtathletik schmackhaft zu machen.

Stichwort Vorbild: Hatten Sie selbst jemand in der Sportwelt, zu dem Sie früher aufgeschaut haben? Sie erinnern uns von Ihrem Auftreten her etwa an den jungen Robert Harting.

Als ich noch ganz jung war, war ich ein ganz großer Michael-Schumacher-Fan. Seine Art hat mir immer sehr gefallen und ich interessiere mich für schnelle Autos. In Bezug auf die Leichtathletik ist es natürlich cool, dass ich früher zu gewissen Leuten aufgeschaut habe, zu denen ich mittlerweile selbst dazugehöre. Ob ich ein Typ wie Robert Harting bin, weiß ich nicht. Ich will weiter meinen Weg gehen, immer so offen und ehrlich wie möglich sein und versuchen, dabei sympathisch rüberzukommen.

Das Gespräch führte Mats-Yannick Roth

Lesen Sie hier:
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