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1972 in München

Damals: Wunderkind Meyfarth schreibt Geschichte

04.09.2020 13:48
Ulrike Meyfarth schreibt 1972 in München mit ihrem Sieg im Hochsprung Geschichte
© unknown
Ulrike Meyfarth schreibt 1972 in München mit ihrem Sieg im Hochsprung Geschichte

Der 4. September 1972: Als Ulrike Meyfarth nach ihrem Sprung auf der grünen Weichbodenmatte landete, brach das Münchner Olympiastadion in frenetischen Jubel aus. Die damals gerade erst 16-Jährige schrieb vor 48 Jahren Sportgeschichte. Doch die Erinnerungen an ihren Erfolg sind für sie nicht nur positiv.

Für die junge Leichtathletin ging früh ein Traum in Erfüllung. Die Teenagerin, die seit ihrer Hochzeit den Doppelnamen Nasse-Meyfarth trägt, hatte sich für die Sommerspiele im eigenen Land qualifiziert. "Das war schon eine einmalige Geschichte damals, bei den Spielen dabei zu sein", schwelgte Meyfarth viele Jahre später im "ARD"-Interview in Erinnerungen.

An Edelmetall hatte die Olympionikin bei ihren ersten Spielen auch deshalb nicht gedacht: "Ich bin vorher 1,85 Meter gesprungen und wollte die bestätigen und ein bisschen Olympialuft schnuppern." Auch bei anderen wird die junge Deutsche wohl kaum auf dem Zettel gestanden haben. Immerhin waren mit Springerinnen wie der damals amtierenden Weltrekordhalterin Ilona Gusenbauer gemachte Spitzensportler unter ihren Konkurrentinnen.

Meyfarth war "wie in Trance"

Nervös sei sie während des Wettkampfes nicht gewesen. Der fehlende Druck und die jugendliche Unbeschwertheit ließen dafür keinen Platz. Allein die Anzeigetafel machte der Ausnahmeathletin bewusst wie gut sie war. "Ich habe mit Verwunderung verfolgt, dass mein Name immer höher stieg. Das war für mich unglaublich." Die Zuschauer waren an diesem Tag der selben Meinung und feierten jeden erfolgreichen Sprung der Newcomerin. Als sie bei 1,90 Meter jedoch den ersten Versuch verriss, schlug die Zustimmung des Publikums plötzlich um. So wurde der fehlgeschlagenen Sprung von der Menge mit "Buh"-Rufen quittiert.

Dem Wunderkind machte das aber wenig aus: Sie sei "wie in Trance" gewesen. Im zweiten Anlauf schaffte sie den Satz über die Stange dann lässig. Das Stadion tobte. Während sie strahlend von der Matte rutschte, war klar: Meyfarth war – und ist heute noch - die jüngste Olympiasiegerin in einer Einzeldisziplin. Zum Erfolg brachte sie auch die erst einige Jahre zuvor erprobte Technik, die der US-amerikanische Hochspringer Dick Fosbury einführte. Als eine der Wenigen im Klassement nutzte Meyfarth den sogenannten Fosbury-Flop zum großen Coup.

Vom Ehrgeiz gepackt und in dem Bewusstsein, dass an jenem Tag keine ihrer Kontrahentinnen mit ihr schritthalten konnte, ließ die 16-Jährige die Latte noch einmal auf 1,92 Meter auflegen. Ein letztes Mal herrschte absolute Stille im Stadion. Nach kurzem Anlauf glitt die Teenagerin gekonnt über den Querbalken. Als dieser liegen blieb, war auch der Weltrekord perfekt.

"Richtig stolz bin ich darauf nicht"

Der Erfolg der ersten Teilnahme weckte natürlich sowohl beim Publikum als auch bei Meyfarth selbst große Erwartungen. Diese konnte die Athletin in den Folgejahren aber zunächst nicht erfüllen.

Ein Grund dafür, dass sie heute eher kritisch auf ihren Erfolg zurückschaut: "So schön das auch ist, doch so richtig stolz bin ich darauf nicht, weil der Erfolg mir in den Schoß fiel, er war nicht erarbeitet."

Ihr zweiter großer Erfolg im Jahr 1984 war es dafür umso mehr. Auf die Olympia-Goldmedaille aus Los Angeles ist die zweifache Mutter deutlich stolzer als auf ihre erste. Einziges Problem: "Leider spricht man mich immer nur auf 1972 an, nicht auf 1984."

Dabei konnte sie in Los Angeles nicht nur eine neue persönliche Bestmarke aufstellen, sondern setzte mit ihren 2,02 Meter den damaligen Olympiarekord. Eine Bestmarke, die immerhin der Hochspringerin noch immer in Erinnerung ist.

Christian Meerschiff

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