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Per Crowdfunding zur Badminton-WM: "Es geht auch anders"

20.08.2017 09:18
Hannah Pohl (l.) und Lisa Kaminski (r.) trainieren hart für die WM
Hannah Pohl (l.) und Lisa Kaminski (r.) trainieren hart für die WM

Völlig überraschend wurde das Damendoppel Lisa Kaminski und Hannah Pohl für die Badminton-Weltmeisterschaft in Glasgow vom 21. bis 27. August nominiert. Die spontane Finanzierung wurde für das Duo zu einer echten Herausforderung. Denn die beiden jungen Spielerinnen des 1. BC Beuel sind nicht Teil des Kadersystems des Deutschen Badminton Verbandes und haben keinen Anspruch auf Fördergelder.

Für den Weg abseits der Badminton-Stützpunkte in Saarbrücken oder Mülheim haben sich Kaminski (27) und Pohl (23) bewusst entschieden - und freuen sich über die Chance des DBV. Im Interview erzählen sie von ihrem ganz eigenen Weg zur WM.

Am 5. August wurdet ihr für die Badminton-WM in Glasgow vom 21. Bis 27. August nachnominiert. Wie kam es dazu?

Hannah Pohl: Die Nachricht haben wir von unserem Trainer bekommen. Weil ein Doppel ausgefallen ist, hat uns der Deutsche Badmintonverband nachnominiert, was aber normalerweise sehr untypisch ist.
Lisa Kaminski: Obwohl wir schon einmal die nächsten in der Weltrangliste waren, wurden wir bisher nicht mitgenommen, weil wir an keinem Stützpunkt trainieren. Mit der Nominierung hat der DBV quasi seine Pforten für uns geöffnet.

Das war für euch wahrscheinlich sehr überraschend.

Pohl: Auf jeden Fall. Das hatten wir gar nicht auf dem Schirm. Ich kam gerade aus dem Urlaub zurück und als mir dann unser Trainer von der Nominierung erzählt hat, habe ich nur gedacht: Ist das jetzt ein Scherz oder meinst du das ernst?

Dann mussten vermutlich direkt die Planungen beginnen. Wie sahen die nach der Nominierung aus?

Kaminski: Wir haben sofort nach Hotels und einem Flug gesucht. Wir hatten zwei Wochen vorher die Turnierplanung für die zweite Jahreshälfte abgeschlossen und dadurch natürlich unser Budget für andere Turniere eingeplant. Dadurch stellte sich für uns erstmal die Frage, wie wir das Geld zusammenkriegen. 

Und dann habt ihr das Crowdfunding gestartet. Warum ist das denn nötig? Oder anders gefragt: Wie kann es sein, dass der Verband euch nicht finanziell unterstützt, wenn er euch doch zu einer Weltmeisterschaft schickt?

Kaminski: Uns war klar, dass wir das selbst finanzieren müssen. Wir sind in keinem Kadersystem und trainieren auf eigene Faust. Wir wussten ja gar nicht, dass wir überhaupt nominiert werden können. Was aber auch in Ordnung ist, denn wir haben uns schließlich selbst für diesen Weg entschieden. 
Pohl: Wir könnten natürlich auch an den Stützpunkt gehen und denselben Weg wie die anderen wählen. Wir haben aber für uns  entschieden, dass das Training, unser Umfeld, unser Team, und unser Verein, der 1. BC Beuel für uns bessere Möglichkeiten bieten. Und nicht zuletzt fühlen wir uns hier auch sehr wohl.

Ist das dann auch ein Protest gegen dieses Kadersystem?

Pohl: Nicht gegen das Kadersystem, sondern eher gegen diese Zentralisierung. Es ist auch kein richtiger Protest dagegen. Wir wollen einfach zeigen, dass es anders geht und unser eigenes Ding machen. 
Kaminski: Ich glaube, in einer Individualsportart ist es wichtig, dass die Sportler sich bestmöglich entwickeln. Deswegen sollten die Sportler entscheiden, wo sie das können.

Wie sieht eure sportliche Planung außerhalb des Kaderystems aus? Wie trainiert ihr und wie finanziert ihr euch?

Pohl: Wir trainieren so viel wie die anderen Nationalspieler auch. Das sind ungefähr 20 Stunden in der Woche. Wir finanzieren viel über unseren Verein. Außerdem haben wir ein Team, das sehr viel ehrenamtlich für uns arbeitet. Dafür sind wir sehr, sehr dankbar. Wir sind weiterhin auf der Suche nach Sponsoren, die uns auch nach der WM unterstützen.

Nochmal zurück zum Crowdfunding für die WM: Habt ihr schon genug Geld gesammelt, um nach Glasgow zu fliegen?

Kaminski: Ja, wir haben sogar jede Menge über. 2000 Euro haben wir benötigt, damit wir zwei auf jeden Fall hinfliegen können. Außerdem sollte unser Coach Martin Lemke mit. Er trainiert uns seit wir sechs Jahre alt sind. Für ihn ist die WM-Fahrt natürlich auch eine Belohnung. Wir hatten 2000 Euro als Ziel und stehen aktuell bei 3665 Euro.

Was habt ihr dann noch mit dem überschüssigen Geld vor?

Pohl: Nach der WM kommen noch weitere Turniere auf uns zu. Dafür können wir das Geld natürlich gut gebrauchen.

Könnt ihr einen kurzen Einblick geben, wie das Crowdfunding konkret aussah?

Pohl: Man konnte für sogenannte Prämien spenden. Zum Beispiel konnte man uns Liegestütze oder Klimmzüge machen lassen. Aber es gab auch Sponsoringmöglichkeiten, zum Beispiel sein Logo auf unserem Trikot zu platzieren.
Kaminski: Was auch sehr cool war: Unsere Vereinskollegen Birgit Overzier und Marc Zwiebler haben Trikots zur Verfügung gestellt, die wir dann versteigern konnten.

Am Sonntag reist ihr nach Glasgow. Dort trefft ihr am Montag direkt auf Lauren Smith und Sarah Walker, das beste englische Doppel. Lauren Smith ist eure Mannschaftskollegin in Beuel. Wie schätzt ihr eure Chancen ein?

Pohl: Sie hat bei Olympia gespielt und ist mit ihrer jetzigen Doppelpartnerin EM-Dritte geworden. Das bedeutet, dass es schon ein schweres Los ist. Trotzdem sind wir froh, dass wir gegen ein europäisches Doppel spielen. Die Asiaten spielen nämlich in der Regel unangenehmer und aggressiver.
Kaminski: Wir sind in der Partie eher die Außenseiter, aber wir werden natürlich alles versuchen, um die beiden zu ärgern.
Pohl: Erstmal wollen wir die Tage dort genießen, die Atmosphäre schnuppern. Und dann schauen wir, wie viel wir aus dem Spiel rausholen können.

Abgesehen von der WM. Wie geht es danach bei euch weiter? Ihr verfolgt das "Projekt Top30", also einen Platz unter den besten 30 in der Weltrangliste.

Kaminski: Es stehen viele Turniere auf dem Plan, um unsere Weltranglistenposition (Aktuell Rang 78 d. Red.) zu verbessern. Die nächsten drei sind in Belgien, Tschechien und den Niederlanden. Das heißt, im September und Oktober kommt eine harte Wettkampfphase auf uns zu, weil zur selben Zeit auch die Bundesligasaison wieder losgeht. Wir hoffen, dass wir viele gute Spiele mitnehmen können, um uns zu verbessern. 

Bis wann habt ihr euch das Ziel Top 30 in der Weltrangliste gesetzt?

Pohl: Vielleicht kann man sagen, dass das in drei Jahren realistisch ist. Bis dahin werden wir fleißig weiter trainieren und mal gucken wie weit es ohne Kaderstatus gehen kann. 

Das Interview führte Florian Pütz

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