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Sportler des Monats! Kittel über seine "Wahnsinns-Tour"

02.08.2017 07:37
Marcel Kittel ist der erfolgreichste deutsche Tour-Sprinter aller Zeiten
Marcel Kittel ist der erfolgreichste deutsche Tour-Sprinter aller Zeiten

Marcel Kittel hat im Juli 2017 Einmaliges geleistet. Mit seinen fünf Etappensiegen bei der Tour de France 2017 und nunmehr 14 Tagessiegen insgesamt beim wichtigsten Radrennen der Welt stellte er einen neuen deutschen Rekord auf und sicherte sich so den Eintrag in den Geschichtsbüchern.

Der 29-Jährige wurde bei der Frankreich-Rundfahrt aber nicht nur zum gefeierten, sondern auch zum tragischen Helden, als er nach einem Sturz auf der 17. Etappe mit Prellungen und Schürfwunden das Rennen vorzeitig aufgeben musste.

Aufgrund seiner großartigen Erfolge, seines aufgestellten Rekordes und auch der bittereren Momente, die Millionen von deutschen Radsportfans in ihren Bann zog, ist Marcel Kittel unser Sportler des Monats Juli

sport.de hat mit dem deutschen Sprinterkönig exklusiv über die vergangene Tour de France mit all seinen Höhen und Tiefen gesprochen. 

Herr Kittel, einige Wochen nach Ihrem sturzbedingten Ausscheiden bei der 17. Etappe der Tour de France: Wie geht es Ihnen?

Marcel Kittel: Ich habe noch einige Schürfwunden, die noch abheilen müssen sowie ein, zwei Prellungen. Aber insgesamt geht es mir wieder gut und ich bin auf einem guten Weg.

Wie ist denn die Frankreich-Rundfahrt für Sie persönlich zu Ende gegangen? Sie sind zum Abschluss nochmal zurück nach Paris gefahren...

Genau. Mir war es nochmal wichtig, mit dem Team einen guten Abschluss zu finden. Ich könnte natürlich sagen, dass es für mich ein total dramatisches und bescheidenes Ende war und ich mega enttäuscht sein muss. Das ist aber definitiv nicht so! Ich bin schon sehr, sehr stolz auf die fünf Etappensiege. Das Abschlussdinner in Paris mit dem Team war für mich ein sehr schöner Moment. 

Wie war an diesem Abend die Stimmung innerhalb ihres Quick-Step-Teams?

Wir hatten eine richtig tolle Feier. Wie gesagt: Mit dem Grünen Trikot auszuscheiden, ist sehr enttäuschend für mich und die ganze Mannschaft gewesen. Das hat aber die Freude über das, was wir erreicht haben, am Ende nicht mehr getrübt. Wir hatten in den drei Wochen eine wirklich tolle Atmosphäre im Team. Und die fünf Etappensiege sowie den sechsten Platz in der Gesamtwertung von Daniel Martin haben wir auch entsprechend gefeiert.

Ist denn Ihr bitterer Sturz im Grünen Trikot schon komplett abgehakt oder fällt es noch sehr schwer, über den Moment des Ausscheidens zu sprechen?

Das ist für mich komplett abgehakt! Die Situation ist eben so, daran kann ich nichts mehr ändern. Die Tour hatte für mich in diesem Jahr alle Höhen und Tiefen, die man sich vorstellen kann. Da kann ich schon fast ein Buch drüber schreiben. Am Ende gehe ich aber nach Hause und blicke mit Stolz zurück.

Wie fühlt es sich denn an, nach der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt der erfolgreichste deutsche Etappensieger der Tour-Geschichte zu sein?

Wie gesagt, ich bin sehr stolz darauf, das gebe ich auch ehrlich zu. Ich bin ja vorher nicht mit neun Etappensiegen in die Tour gestartet mit der Erwartungshaltung, den alten Rekord von Erik Zabel zu brechen. Die fünf Etappensiege insgesamt waren für mich einfach der Wahnsinn! Dass ich jetzt der erfolgreichste deutsche Etappensieger bin, ist ein unglaublich tolles Ergebnis für mich. Auch wenn ich es vorher nicht darauf angelegt habe.

Die gesamte Radsportwelt, vor allem auch aktuelle Konkurrenten wie André Greipel oder der ehemalige Sprinterkönig Erik Zabel haben in den höchsten Tönen über Sie gesprochen und Ihnen zu den großen Erfolgen gratuliert. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung gerade von den direkten Rivalen oder Vorgängern?

Ich freue mich sehr über diese Wertschätzung. Ich glaube das zeigt auch, welchen Sportsgeist Rennfahrer wie André Greipel auch abseits des Rades mitbringen. Ich persönlich finde das wichtig, weil ich solche Werte auch für mich selbst sehr hoch halte. Es freut mich, dass wir in dieser Form miteinander umgehen. Ob nach Siegen oder Niederlagen: Man sollte den Respekt für den anderen niemals verlieren.

Wenn es zu Sprintankünften kam, waren Sie in diesem Jahr eigentlich nicht zu bezwingen, wie die fünf Tageserfolge belegen. Haben Sie so etwas wie ein Gefühl der Unbesiegbarkeit empfunden?

Ich glaube, wenn man so ein Gefühl bekommt, ist es der erste Schritt zur Niederlage. Es ist enorm wichtig, sein Ding weiter zu machen. Selbst nach der vierten gewonnenen Etappe habe ich mir gesagt: Ok, bleib einfach cool und konzentriere dich voll auf die nächste Chance! Man darf es nicht zu dieser Überheblichkeit kommen lassen. Dann wird man fahrlässig und unkonzentriert. 

In taktischer Hinsicht sah es manchmal sogar so aus, als ob auf den letzten Kilometern eigentlich nicht immer alles so lief, wie Sie und Ihr Team es sich vorgenommen hatten...

Wir machen uns vor dem Rennen natürlich einen Plan, wie wir das Rennen fahren wollen und wie wir wo in Position sein möchten. Und wenn man ehrlich ist, hat das eigentlich nie geklappt (lacht)! Eine gute Mannschaft macht aber eben auch aus, gut improvisieren zu können. Das haben wir immer gut hinbekommen. Das wichtigste war, dass ich auf dem letzten Kilometer gut sitze, was letztlich dann auch immer super funktioniert hat. Die gute Position vor dem letzten Kilometer war in diesem Jahr sehr wichtig, weil die Sprints insgesamt ziemlich durcheinander waren. 

Geben Sie uns mal eine Vorstellung: Wie viele Kilometer vor Schluss sollten Sie denn Ihre Position und das richtige Hinterrad finden, um bestmöglich in den Massensprint zu kommen?

Bis zum letzten Kilometer muss ich auf jeden Fall schon in einer guten Position sitzen, ansonsten wird es richtig schwierig. Das wirkliche Finale, in dem die Teams um Positionen kämpfen, geht aber schon 20, 25 Kilometer vor dem Zielstrich los. 

Welchen der fünf Etappensiege in diesem Jahr wollen Sie ganz besonders hervorheben und hatte die größte Bedeutung für Sie?

Das war der erste Etappensieg in Lüttich am zweiten Tag. Der Start in Düsseldorf und die unwahrscheinlich vielen Leute auf den Straßen war wirklich einmalig. Das war eine tolle Radsportparty! Dann nach Lüttich hineinzusprinten und dort den Sieg zu holen, hat mir schon sehr viel bedeutet.

Welchen Eindruck hatten Sie denn speziell an den ersten beiden Tagen von den Zuschauern bekommen, als die Tour durch Deutschland ging? Es gibt hierzulande ja immer noch gewisse Ressentiments gegenüber dem Radsport nach den vielen Dopingskandalen bei der Tour.

Das war der absolute Wahnsinn! Ich hätte es mir besser nicht erträumen können. Es waren so viele Leute an der Strecke, einfach unglaublich. Da war mehr los, als jeder von uns auch nur im Ansatz erwartet hätte. Was die Akzeptanz angeht, sind wir denke ich auf einem sehr guten Weg zurück. Das macht uns Rennfahrer natürlich sehr glücklich, gerade wenn wir dann mal durch die Heimat fahren.

Wie geht es denn mit Ihrer eigenen Zukunft aus? Zuletzt stand noch nicht fest, in welchem Team Sie 2018 unterwegs sein werden. Was gibt es Neues?

Ich weiß selbst im Moment noch nicht genau, wie und wo es nächstes Jahr weitergeht. Es ist noch alles beim Alten, was die Vertragssituation von mir bei Quick Step Floors angeht. Mein Manager und ich sind da in weiteren Gesprächen mit dem Team. Im Moment ist aber noch keine Entscheidung gefallen.

Was sind für die laufende Saison noch die sportlichen Ziele, die Sie sich gesetzt haben?

Für mich sind auf jeden Fall noch die Cyclassics Hamburg am 20. August sehr wichtig, weil sie das größte Rennen in Deutschland sind. Da habe ich auch noch eine Rechnung offen und ich hoffe, dass ich in guter Form dahinfahren kann. Mit ein bisschen weniger Pech - im letzten Jahr hatte ich da einen Kilometer vor dem Ziel einen Platten - ist da vielleicht etwas möglich. Danach muss ich mal schauen. Die WM ist in diesem Jahr kein großes Ziel. Zumindest nicht, was das Straßenrennen angeht.

Die WM in Norwegen kommt Ihnen vom Profil leider nicht entgegen...

Das ist ein sehr schwerer Kurs, der für Rennfahrer wie für Alexander Kristoff gemacht ist. Also für die Klassikertypen. Aus deutscher Sicht hat John Degenkolb sicher sehr gute Chancen. Ich werde mich da auf das Mannschaftszeitfahren mit den anderen Jungs konzentrieren.

Das Gespräch führte Mats-Yannick Roth

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