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Zwischen Doping-Gerüchten und Sport-Historie

Tour-Sieg von Jan Ullrich: Gänsehaut mit Beigeschmack

15.07.2019 15:08
Jan Ullrich gewann im Jahr 1997 die Tour de France
Jan Ullrich gewann im Jahr 1997 die Tour de France

Der 15. Juli 1997 zählt zu den größten Tagen der deutschen Radsporthistorie. In den grünen Bergen von Andorra holt sich Jan Ullrich das Gelbe Trikot der Tour de France – und gibt es bis zum Ende der Großen Schleife nicht mehr her. Der große Triumph des gebürtigen Rostockers hat aber einen bitteren Beigeschmack.

Jan Ullrich dreht sich leichtfüßig tretend um zu seinem schwer atmenden Kapitän Bjarne Riis. Der alte Mann kann nicht mehr.

Der Schweiß tropft ihm von der Halbglatze, nur mit Mühe bleibt er am Hinterrad seines Vordermannes. Kurz zuvor hat er seinem jungen Helfer Ullrich mythische Worte mit auf den Weg gegeben: "Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los!"

Eine Erlaubnis für die Ewigkeit. Denn eigentlich ist Riis der starke Mann des Team Telekom. 1996 hat er die Tour gewonnen, auch in diesem Jahr soll er der deutschen Mannschaft das Maillot Jaune holen. Allerdings ist schon nach den ersten Etappen klar, dass der Däne nicht an die alte Form anknüpfen wird. Ullrich liegt bei dieser zehnten Etappe bereits einige Sekunden vor Riis.

"Geben Sie alles"

Dennoch scheint Ullrich Riis' Aufforderung zur Attacke nicht ganz geheuer zu sein. Er ist doch nur der 23-jährige Helfer des amtierenden Tour-Siegers.

Immer wieder schaut er zum Dänen zurück, als hätte er ein schlechtes Gewissen, seinen Kapitän im Stich zu lassen – ihn sogar zu attackieren. Zu dem Zeitpunkt hat die Favoritengruppe bereits 240 Kilometer und fünf Berge hinter sich.

Diashow: Ullrich - vom Volkshelden zum Buhmann
Diashow: Ullrich - vom Volkshelden zum Buhmann

Dann fasst sich der junge Ullrich ein Herz. Fast schon lässig tritt er in der nächsten steilen Linkskurve an, geht kurz aus dem Sattel und lässt Größen wie Richard Virenque oder Marco Pantani hinter sich.

Der Gigant hat keine Chance mehr. Riis ist sowieso verloren. "Der König ist tot", ruft Telekom-Teamchef Walter Godefroot Ullrich zu. "Schauen Sie sich nicht um und geben Sie alles."

Startschuss zum Tour-Sieg

Und er gibt alles. Ullrich drückt sich mit einer wahnsinnigen Leistung in den Pyrenäen ins andorranische Arcalis hoch. Während seine Konkurrenten sich allesamt angestrengt oben an ihren Lenkern festhalten, greift Ullrich an den Unterlenker als sei er im Sprint. Nach fast acht Stunden im harten Sattel rollt der neue deutsche Radsportheld schließlich auf die Zielline zu und reißt die Arme hoch.

Er hat es geschafft. Ullrich erfüllt sich den Traum eines jeden Radsportlers. Durch seinen teuflischen Ritt hat er genug Zeit herausgefahren, um sich das Gelbe Trikot zu sichern. Pantani und Virenque kommen erst eine Minute nach ihm ins Ziel, Riis benötigt sogar mehr als drei Minuten länger.

Auf der Siegerehrung streift Ullrich das Maillot Jaune überglücklich über – und zieht es bis Paris nicht mehr aus.

Doch Ullrich glänzt bei "seiner" Tour nicht nur, auch harte Arbeit gehört dazu. Unvergessen bleibt ein Tag in den Vogesen, als Teamkollege Udo Bölts Ullrich anstacheln muss. "Quäl dich, du Sau", ruft der Routinier seinem jungen Teamkollegen zu.

Sich quälen – damit hatte Ullrich in den Jahren danach häufig Probleme. Doch 1997 funktioniert es und er gewinnt die Tour de France.

War Ullrich auch 1997 gedopt?

Es ist bis heute der einzige Triumph eines deutschen Fahrers beim wichtigsten Radrennen der Welt. Und umstritten ist der Sieg dazu. Schließlich wird Ullrich später des Dopings überführt. Für das Jahr 1997 werden ihm aber keine Verfehlungen nachgewiesen, deswegen hält er den Titel nach wie vor.

Immer wieder wies Ullrich über die Jahre die Vorwürfe der Öffentlichkeit zurück. Er habe "nie jemanden betrogen", sagte er. "Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen."

Dass er Millionen von Fans betrog, die an seinen ehrlichen Sieg glaubten, war ihm offensichtlich egal. Die mangelhafte Aufklärung über seine Dopingvergangenheit hat dazu beigetragen, dass Ullrichs Image in der Öffentlichkeit immer noch schlecht ist und sich vielleicht auch nicht mehr bessern wird.

Die Bilder von 1997 lösen immer noch Gänsehaut aus, doch der wahre Wert von Ullrichs Ritt nach Arcalis ist mehr als zweifelhaft.

Florian Pütz

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