Arthur Abraham exklusiv: "Ich kämpfe um mein Leben!"

14.07.2017 07:05
Arthur Abraham boxt in England um den IBO-Titel
Arthur Abraham boxt in England um den IBO-Titel

Boxprofi Arthur Abraham greift noch einmal nach der Krone. Am Samstagabend kämpft der 37-Jährige in London gegen Chris Eubank Jr. um den IBO-Weltmeistertitel. Abraham würde sich mit einem Sieg für das Boxturnier um die Muhammad-Ali-Trophy qualifizieren, könnte außerdem bald um einen WM-Titel der vier großen Weltverbände boxen. Im exklusiven sport.de-Interview spricht der Supermittelgewichts-Boxer über seinen Gegner, seine Motivation und darüber, warum er nach dem Karriereende kein Fernsehstar werden will.

Herr Abraham, was für ein Gegner ist Chris Eubank Jr.?

Arthur Abraham: Ich kann nur eins sagen: Boxer, die um die Weltmeisterschaft kämpfen, sind immer stark. Chris Eubank Jr. ist ein hart schlagender Gegner, ein starker Puncher. Er ist ein richtiger Kämpfer. Aber ich bin ein doppelt so guter Kämpfer. Ich kämpfe um mein Leben, egal was passiert. Ich gehe nach England, um dort zu gewinnen.

Es geht um den Weltmeistertitel des Verbandes IBO. Dieser zählt nicht zu den großen vier Boxverbänden. Welche Bedeutung hat dieser Titel dann überhaupt?

Es stimmt natürlich, dass der Verband IBO nicht zu den bekanntesten zählt. Deren Titel hat nicht die gleiche Bedeutung wie ein WM-Titel des Verbandes WBO, WBA, WBC oder IBF. Ich sehe diesen Kampf als eine Zwischenprüfung. Wenn ich den Titel gewonnen habe, kann ich auch um die großen Titel kämpfen. Ich nehme jeden WM-Gürtel mit – ob groß oder klein.

Sie haben im Boxen alles erreicht, wurden drei Mal Weltmeister und haben Millionen verdient. Was treibt Sie an, mit 37 Jahren trotzdem weiter zu kämpfen und sich nicht einfach zur Ruhe zu setzen?

Es geht nicht nur um mich. Ich vertrete mit Deutschland und Armenien zwei Nationen. Ich habe viele Fans, habe mein Team, meinen Trainer, meine Familie – für alle bin ich zuständig. Ich repräsentiere all diese Menschen und muss alle zufriedenstellen. Würde es nur um mich gehen, würde ich vielleicht anders denken.

Verspüren Sie also eine Verantwortung gegenüber dem deutsche Boxsport, dem Sie ja auch viel zu verdanken haben? Wenn Sie zurücktreten, verliert das Boxen mit Ihnen einen der letzten verbleibenden Stars.

Das stimmt. Früher gab es viele große Boxer wie Henry Maske, Axel Schulz, Tiger oder Rocky. Die großen Namen sind weniger geworden. Es gibt natürlich noch einige wenige wie Klitschko oder mich. Umso mehr hoffe ich, dass bald ein paar große Boxer nachrücken, die nicht nur gut kämpfen können, sondern auch die Massen mitnehmen.

Wem trauen Sie das zu?

Ich möchte keine Namen nennen. Aber es gibt durchaus zwei oder drei Ausnahmetalente im deutschen Boxsport.

Die Vorbereitung auf einen Boxkampf ist sehr intensiv. Jeden Tag stehen mehrere Stunden Training an. Fällt Ihnen das heute mit 37 Jahren schwerer als vielleicht mit 25?

Nein, mir fällt das Training heute sogar leichter. Die Herausforderung besteht eher darin, es immer so lange mit meinem Trainer auszuhalten (lacht). Nein, Spaß beiseite: Ich bin 100-prozentig fit und verspüre keine Schmerzen. Der Sport bereitet mir große Freude. Ich habe mein Leben so ausgerichtet, dass andere Leute alles für mich erledigen - nur boxen muss ich selber.

Der Kampf am Samstag findet in London statt. Zuletzt waren Sie im Ausland nicht sonderlich erfolgreich. Im vergangenen Jahr haben Sie in den USA gegen Giberto Ramírez verloren. Ist es schwieriger, vor gegnerischem Publikum zu boxen?

Natürlich wäre es angenehmer, vor dem eigenen Publikum zu boxen. Ich liebe es, wenn die Fans hinter mir stehen. Aber es stört mich auch nicht, wenn die Fans den Gegner anfeuern. Das Problem im Ausland sind eher die Punktrichter. Die bevorteilen oft den heimischen Boxer. Deshalb muss ich am Samstag doppelt so viel Gas geben.

Das Sicherste wäre also, den Gegner K.o. zu schlagen...

Das wäre das Sicherste, genau. Aber ich boxe nun einmal nicht gegen einen Sandsack. Der Gegner möchte auch gewinnen. Aber ich werde mein Bestes geben, damit ich nicht von den Punktrichtern abhängig bin.

Würden Sie Ihre Karriere beenden, wenn Sie den Kampf verlieren?

Ich werde nicht verlieren.

Früher gewannen Sie Ihre Kämpfe meist vorzeitig. Bei den letzten 13 Siegen waren allerdings nur drei Technische K.o.s dabei. Haben Sie Ihre Taktik verändert? Sind Sie nicht mehr auf den Lucky Punch aus?

Meine Taktik hat sich verändert, weil ich in eine höhere Gewichtsklasse gewechselt bin. Die Gegner sind nun größer und schwerer. Es wäre falsch, voll auf K.o. zu gehen. Man muss taktisch clever boxen und den Gegner austricksen. Wenn es gut läuft, kommt der K.o. dann von ganz alleine.

Mit einem Sieg gegen Eubank würden Sie sich für das 50-Millionen-Dollar Turnier um die Muhammad-Ali-Trophy qualifizieren. Ist das ein Anreiz für Sie?

Natürlich. Der Name von Muhammad Ali ist groß, das Teilnehmerfeld beinhaltet die besten Boxer der Welt - ich gehöre auch dazu. Und eins ist klar: Wenn ich an diesem Turnier teilnehme, möchte ich gewinnen. Ich habe ja auch am Super Six Turnier teilgenommen und bin in das Halbfinale gekommen. Seitdem habe ich weitere Erfahrungen gesammelt und aus meinen Fehlern gelernt. Ich bin stärker als damals.

Ihr Promoter Kalle Sauerland hat stallinerne Duelle angekündigt. Können Sie sich Kämpfe gegen die Deutschen Jürgen Brähmer oder Tyron Zeuge vorstellen?

Ich bin ein Boxer, gehe durch dick und dünn und boxe gegen jeden. Die Leute, die gegen mich boxen, müssen flüchten, nicht ich.

Sie haben in Ihrer Karriere bereits 51 Profikämpfe absolviert. Berühmt wurden Sie im September 2006, als Sie trotz Kieferbruch gegen Edison Miranda gewannen. Hätten Sie damals geahnt, dass dieser Kampf Sie zum Superstar machen würde?

Ich kein kein Superstar, ich bin ein ganz normaler Junge. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich konnte nicht ahnen, wie bekannt mich dieser Kampf machen würde. Für mich persönlich war dieser Kampf sicherlich das größte, aber nicht das einzige Highlight. Es hat auch andere tolle Erlebnisse gegeben. Mein erster Profikampf bleibt für mich unvergesslich. Genauso wie der Kampf, bei dem ich zum ersten Mal Weltmeister wurde.

Sie hatten auch abseits des Boxrings viele Fernsehauftritte. Sie haben zum Beispiel eine kleine Rolle im Tatort übernommen, haben an der Tanzshow "Let's Dance" teilgenommen und einen Showkampf gegen Oliver Pocher bestritten. Können Sie sich vorstellen, dass Sie nach Ihrer Box-Karriere Schauspieler oder Reality-Star zu werden?

Nein, das habe ich alles nur zum Spaß gemacht. Ich habe andere Pläne. Ich möchte dem Boxsport immer verbunden bleiben. Ich könnte mir vorstellen, später als Promoter zu arbeiten. Sportler entdecken, sie weiterentwickeln und zu Weltmeister machen – das würde mir viel Freude bereiten.

Das Gespräch führte Oliver Jensen