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Boris Becker und Michael Stich schreiben Geschichte

7. Juli: Der deutsche Tag in Wimbledon

07.07.2020 11:47
Boris Becker und Michael Stich schrieben am 7. Juli Wimbledon-Geschichte
© Matthias Hangst, getty
Boris Becker und Michael Stich schrieben am 7. Juli Wimbledon-Geschichte

Der 7. Juli gilt als "deutscher Tag" in Wimbledon. An diesem Datum jähren sich gleich zwei Titelgewinne von Tennis-Stars aus Deutschland auf dem heiligen Rasen, die unvergessen bleiben.

Mit dem ersten Sieg von Boris Becker bei den Wimbledon Championships fing am 7. Juli 1985 alles an. Der damals erst 17-Jährige sicherte sich nach einem unglaublichen Turnierverlauf den Eintrag in die Geschichtsbücher.

Bei seinem zweiten Start in Londons Südwesten zeigte Becker von Beginn an ein Achterbahnturnier der Extreme. Spätestens das Drittrundenmatch gegen den Schweden Joakim Nyström wurde für den Rotschopf richtungweisend auf dem Weg zum späteren Titelgewinn.

Nach einer Regenunterbrechung hatte er am zweiten Tag des Duells gleich drei Matchbälle gegen sich. Nur seiner mentalen Stärke und seinem unbändigen Willen, der ihn international zum Popstar werden ließ, war es zu verdanken, dass der junge Leimener alle entscheidenden Punkte für sich einfuhr. Nach vier Assen zum Ende gewann er mit 9:7 den fünften Satz.

"Es war das beste Rasenspiel meiner Karriere. Und es hat trotzdem nicht gereicht", sagte Kontrahent Nyström später einmal über dieses legendäre Partie.

Boris Becker wird zum jüngsten Champion aller Zeiten

Für Becker folgten weitere Wahnsinnsspiele gegen Tim Mayotte, Henri Leconte und Anders Järryd. Auch diese Matches gingen mindestens über vier Sätze, Becker stand wegen einer Bänderverletzung zeitweise vor der Aufgabe. Doch er schaffte den Sprung ins Finale – das hatte in diesem Alter noch niemand vor ihm geschafft.

Das Duell mit dem Südafrikaner Kevin Curren schrieb dann seine ganz eigene Geschichte. Der Weltranglistenachte hatte zuvor die Topstars Stefan Edberg, John McEnroe und Jimmy Connors auf dem Turnier geworfen, benötigte dafür jeweils nur drei Sätze.

Gegen den klar favorisierten Curren warf Teenager Becker dann genau die Stärken in die Waagschale, die ihn in den Tagen zuvor schon sechsmal haben gewinnen lassen: kraftvolle Aufschläge, eine unermüdliche Laufleistung, spektakuläre Hechtsprünge und ein Kampfgeist, der in dieser Sportart neue Maßstäbe setzte.

Boris Becker: "Eine Seele, die unerschütterlich ist"

Becker schaffte es, seinen Kontrahenten im Laufe der über vier Stunden Spieldauer mürbe zu spielen. Er raubte Curren seine wichtigste Waffe, das Aufschlagspiel.

Im fünften und entscheidenden Satz hatte Becker seinem Gegner schon das Service abgenommen und schlug beim Stand von 6:3, 6:7, 7:6, 5:4 und 40:15 zum Matchgewinn auf. Der zweite Matchball sollte es dann sein, der den 17-Jährigen Senkrechtstarter zum bis heute jüngsten Grand-Slam-Sieger aller Zeiten werden ließ.

Eine Weltkarriere im Tennis nahm seinen Lauf. Boris selbst sah besondere Kräfte walten: "Ein Instinkt, der mich im entscheidenden Moment das Richtige tun lässt. Ein Herz, das eine Niederlage nicht zulässt, obgleich ich nicht immer gewinnen kann. Und eine Seele, die unerschütterlich ist, auch wenn der Körper manchmal schwach ist."

Stichs größter Sieg, Beckers schlimmste Niederlage

Auf den Tag genau sechs Jahre später waren die Vorzeichen ganz andere. Becker war mittlerweile zum Weltstar gereift, hatte seinem ersten Titel in Wimbledon noch zwei weitere Siege (1986 und 1989) sowie zwei Finalteilnahmen (1988 und 1990) hinzugefügt.

Weitestgehend souverän zog der an zwei gesetzte Becker zum sechsten Mal in seiner Karriere ins Endspiel an der Church Road ein. Gegner war der ein Jahr jüngere Michael Stich, der bis dahin nicht über die dritte Runde in Wimbledon hinaus gekommen war - ein krasser Außenseiter.

Doch welch Überraschung: Das erste deutsch-deutsche Finale der Grand-Slam-Geschichte am 7. Juli 1991 wurde zur größten Demütigung Beckers. In Beckers Wohnzimmer bewies der Elmhorner die Nervenstärke, die zuvor stets dem Gegner zugesprochen worden war.

Stich zeigte von Beginn an große Präzision in seinen Schlägen, ein hochkonzentriertes und ausgeglichenes Auftreten und eine klare Linie in der Spielidee.

Stratege siegt über Kampfmaschine

Mit emotionalen Ausbrüchen oder spektakulären Hechtsprüngen, mit denen Becker zum König von Wimbledon wurde, konnte der Herausforderer zwar nicht dienen. Dafür überzeugte Stich mit erbarmungslosem Grundlinienspiel und einer Schlagsicherheit, die an diesem Tag für den populären Kontrahenten zu gut war.

Noch während des Finals haderte Becker lautstark mit sich selbst: "Ich spiele mir einen Mist zusammen. Mein schlechtestes Match spiele ich im Wimbledon-Finale."

An diesem Tag triumphierte der "Stratege" über die "Kampfmaschine", wie es Becker ausdrückte. 6:4, 7:6 und 6:4 gewann Stich und sicherte sich damit den ersten und einzigen Grand-Slam-Titel seiner Karriere - gleichzeitig der Höhepunkt seiner Laufbahn.

"Ich glaub, ich war einfach an dem Tag der Bessere. Die Bedeutung dieses Sieges habe ich eigentlich erst nach der Karriere begriffen", brachte es der Überraschungschampion einmal nüchtern auf den Punkt.

Stich pflegt bis heute die Tradition und verbringt während der Wimbledon Championships einen Tag an der Church Road. 

Für Becker hingegen ist der 7. Juli seit diesem Finale nicht nur der Tag des größten Triumphes in seinem Tennis-Leben, sondern auch der seiner schmerzlichsten Niederlage.

Über diese sagte er später: "Ich habe zum ersten Mal nach einem Match geweint."

Mats-Yannick Roth

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