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Dominanz der "Menschenfresser"? Löw mahnt

04.07.2017 11:47
Joachim Löw weiß die deutschen Erfolge richtig einzuordnen
© getty, Alexander Hassenstein
Joachim Löw weiß die deutschen Erfolge richtig einzuordnen

Maschinen, "Menschenfresser", die "verflixten Germanen": Die Welt des Fußballs diskutiert über eine womöglich bevorstehende Phase deutscher Dominanz.

Gary Lineker hat längst aufgegeben. Als der englische Fußball-Held erfuhr, dass nun auch noch der höchst britische Gentleman-Sport Cricket in Deutschland boomt, twitterte er in leichter Abwandlung seines legendären Spruchs: "Cricket ist ein Spiel, bei dem 22 Männer fünf Tage lang mit einem Holzbrett auf den Ball einprügeln - und irgendwann werden die Deutschen auch da immer gewinnen." Immerhin, good news for Gary: Beim Cricket gibt es kein Elfmeterschießen.

Die Welt des Fußballs, sie diskutiert nach dem goldenen Sommer über eine womöglich heraufziehende Phase deutscher Dominanz. Weltmeister, Olympiazweiter, Confed-Cup-Sieger, U21-Europameister, dazu Olympiasieger, Europameister und U17-Europameister bei den Frauen: Es ließe sich denken, sie wäre längst auf dem Höhepunkt. "Deutschland verschlingt die Rivalen wie ein Menschenfresser", schrieb der italienische "Corriere dello Sport". Der englische "Guardian" stellte fest: "Es kann keinen Zweifel geben, dass Deutschland die beste Fußball-Nation der Welt ist."

Löw: "Gute Basis. Mehr nicht!"

Joachim Löw steht deswegen als einsamer Mahner da. Immer wieder weist der Bundestrainer intensiv darauf hin, wie unfassbar schwierig es ist, einen Weltmeister nach dem Gipfelsturm auch dort zu halten. "Es gibt wahrscheinlich Formkrisen, es wird Verletzungen geben. Da ist so vieles ungewiss", sagt Löw. "Wir haben eine gute Basis. Mehr nicht! Es gibt keine Garantien."

Nicht von ungefähr war die letzte von zwei erfolgreichen Titelverteidigungen eines Weltmeisters 1962 (!) - damals siegten die Brasilianer noch mit Didi, Vavá und Pelé. "Es geht darum, alle Abergläubigen zu widerlegen", fordert DFB-Präsident Reinhard Grindel. Denn Deutschland oder Spanien, Frankreich, Argentinien oder England haben das trotz ihrer Weltklasse-Mannschaften nie geschafft. Nur noch Italien: 1938, mit Legenden wie Giuseppe Meazza und Silvio Piola, an die heute noch Stadionnamen in Mailand oder Novara erinnern. Der damalige Trainer Vitorio Pozzo ist der einzige mit zwei Weltmeistertiteln - Löw kann 2018 wahrlich Geschichte schreiben.

Die Chancen stehen nicht so übel. Im Internet läuft eine Liste mit jenen Spielern, die dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei der U21-EM bzw. dem Confed Cup fehlten, rauf und runter. Beim Lesen stellt sich ein Gefühl dafür ein, was 2018 möglich sein wird - trotz Fragezeichen wie Marco Reus (verletzt), Mario Götze (Stoffwechselstörung) oder Thomas Müller (schwache letzte Saison). Die spanische Zeitung El País nennt Deutschland "das Real Madrid der Nationalmannschaften", und Lineker kommentierte, zunächst unwissend: "Zumindest im Cricket sind sie sauschlecht." Von wegen! Bad news for Gary: Bald will Deutschland zur WM fahren.

U19 holt den DFB auf den Boden zurück

Etwas Erleichterung dürfte ihm der Blick auf die englischen Junioren verschaffen. Es scheint eine goldene Generation heranzureifen, die jetzt schon U20-Weltmeister ist. Auch Portugal ist in der Jugend traditionell bärenstark, und fast schon beängstigend ist der U19-Europameister Frankreich - bei Weitem nicht nur wegen Ousmane Dembéle, dem Überflieger von Borussia Dortmund, und Kylian Mbappé (AS Monaco), hinter dem ganz Europa her ist. Von Griezmann bis Lacazette: Die heißesten Eisen auf dem Sommer-Transfermarkt sind oder waren fast allesamt Franzosen.

Hoffnung für alle mit sportlicher Angst vor den "verflixten Germanen" ("Gazzetta dello Sport") machten allerdings auch 90 Minuten Juniorenfußball am Montagabend in Tiflis. Da verlor die deutsche U19 das Auftaktspiel der EM mit 1:4 - gegen die Niederlande.