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"England-DNA": Young Lions auf dem Vormarsch

27.06.2017 11:40
Aidy Boothroyd (l.) und Stefan Kuntz kämpfen um den Finaleinzug bei der U21-EM
© getty, Alex Grimm
Aidy Boothroyd (l.) und Stefan Kuntz kämpfen um den Finaleinzug bei der U21-EM

Englands Junioren strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Vor zwei Wochen wurde die U20 in Südkorea erstmals Weltmeister, im Mai verlor die U17 das EM-Finale erst im Elfmeterschießen gegen Spanien. Nun winkt der U21 der erste Europameister-Titel seit 1984, falls die "Young Lions" am Dienstag (ab 18 Uhr im sport.de Liveticker) auch die deutsche Auswahl im Halbfinale besiegen. Eine Erfolgsstory mit Vorgeschichte.

Eine Fläche, so groß wie rund 115 Fußballfelder, inmitten der Midlands macht es möglich. Für umgerechnet 120 Millionen Euro hat der englische Verband dort vor fünf Jahren mit dem St. George's Park ein wahres Fußball-Mekka erschaffen. Seither ist die Anlage Heimat der 24 Nationalmannschaften des Landes. Auf insgesamt dreizehn Plätzen tüfteln dort Englands U21-Trainer Aidy Boothroyd und seine Kollegen an den Genen der Zukunft, der so genannten "England-DNA". 

Die neue Philosophie ist simpel: "Das Ziel der England-DNA auf lange Sicht ist es, Senioren-Nationalmannschaften zu erschaffen, die gewinnen", erklären die Ideengeber auf der eigens erstellten Webseite. Ab der U15 werden neue Standards erschaffen. "Konsistenz" heißt eines der Schlagwörter der neuen Genetik. Alle Altersgruppen sind im Prozess miteinander verbunden. Taktische Vorgaben gibt es hingegen keine: Jeder Trainer setzt auf die individuellen Stärken seiner Mannschaft.

Southgate-Nachfolger erntet die Früchte

"Es ist alles Teil eines Langzeit-Plans. Ich denke, dass die Investitionen langsam Früchte tragen", sagte U21-Trainer Boothroyd nach dem Einzug ins Halbfinale und fügte an: "Wir haben gute Spieler in allen Altersstufen. Dass wir Erfahrungen auf diesem Level machen, ist gut für den englischen Fußball."

Noch im vergangenen Sommer schien eben jener englische Fußball dank der Posse um den Trainerposten bei der A-Nationalmannschaft zu zerfallen. 68 Tage nach seiner Berufung wurde Sam Allardyce von der FA nach einem "Abhör-Skandal" wieder vor die Tür gesetzt. Über dessen Nachfolge wurde wochenlang offen diskutiert, bis man dem damaligen U21-Coach Gareth Southgate das Vertrauen schenkte. Seinen Platz bei den Junioren übernahm schließlich Boothroyd.

Dieser impft seiner Mannschaft auch bei der U21-EM in Polen weiter pure Siegermentalität ein: "Wir müssen aufhören, die tapferen Verlierer zu sein. Wir müssen rausgehen, gewinnen und alles Mögliche dafür tun, um ins Finale einzuziehen." Der 46-Jährige geht noch weiter: "Es geht darum, zu gewinnen. Wenn mir jemand am Mittwochmorgen nach einer Niederlage sagt: 'Gut gemacht, ihr habt es bis ins Halbfinale geschafft', dann wäre ich unzufrieden." Der Sieg zählt, nichts weiter.

Hrubesch weiß: "Wird ein Spiel auf Augenhöhe"

Bei der Europameisterschaft verkörperte Deutschlands Gegner diesen Erfolgsdrang bisher eindrucksvoll. Das Auftakt-Remis gegen Schweden (0:0) ließ die neue Stärke zwar nur in Ansätzen erahnen. Hervorzuheben war jedoch die Defensivleistung um Keeper Jordan Pickford, der nicht nur mit seiner Elfmeter-Parade den Punkt festhielt. Der Schlussmann ist seit ein paar Wochen gleichzeitig der teuerste Torwart der Premier-League-Geschichte: 28 Millionen Euro legte der FC Everton für ihn auf den Tisch.

Nach einer Steigerung in den zweiten 45 Minuten gegen die Slowakei (2:1) und einem beeindruckenden Auftritt gegen Polen (3:0) untermauerte die Boothroyd-Auswahl letztlich ihre Titel-Ambitionen. Auch dem Gegner aus Deutschland ist die neue Stärke nicht verborgen geblieben: "Sie haben Tempo, sie haben körperliche Präsenz. Es wird ein Spiel auf Augenhöhe", so DFB-Sportdirektor Horst Hrubesch. 

Der 66-Jährige blickt mit einem etwas wehmütigen Blick auf die Insel. Die DFB-Auswahl konnte sich zwar für das Halbfinale qualifizieren, allerdings benötigte die Elf von Stefan Kuntz als bester Gruppenzweiter auch etwas Glück. Im Interview mit dem "kicker" ließ Hrubesch zuletzt Dampf ab: "Mir fällt auf, dass wir zu wenige geschnitzte Typen haben. Vielleicht liegt es daran, dass mittlerweile fast alle über die Nachwuchszentren kommen, kaum welche, die sich über kleine Vereine hochkämpfen müssen."

Mawson verkörpert die neue DNA

Einer dieser Spieler auf englischer Seite, an denen Hrubesch im DFB-Dress wohl Gefallen hätte, ist Alfie Mawson. Vor zwölf Monaten schuftete der 23-Jährige noch in der dritten Liga bei Barnsley für den Aufstieg in die Zweitklassigkeit. Nach seinem Wechsel zu Swansea in die Premier League qualifizierte sich der Innenverteidiger für höhere Aufgaben. Ausgerechnet gegen Deutschland bestritt Mawson im Testspiel im März sein erstes U-Länderspiel überhaupt. "Ein Jahr wie ein Wirbelwind", beschrieb der West-Londoner die turbulente Zeit.

Doch eben jenes Testspiel in Wiesbaden ist bei allen Vorschusslorbeeren für die "Young Lions" gerade für die DFB-Auswahl ein gutes Omen. Mit 1:0 gewann Deutschland nach einer überzeugenden Vorstellung, bei der Nadiem Amiri das Tor des Tages erzielte. Ganz im Stile seines englischen Gegenübers sagte Kuntz hinterher: "Verlieren macht einfach keinen Sinn."

Übrigens: Deutschlands letzter Titel bei einer U21-EM ist acht Jahre her. Der Gegner im Finale von 2009 war kein geringerer als England. Die Jung-Adler haben also beste Erinnerungen an den Rivalen von der Insel. Doch diese trugen damals noch nicht die "England-DNA".

Gerrit Kleiböhmer

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