Franke: Dopingsystem West wie "Pontius Pilatus"

30.03.2017 15:22
Werner Franke ist seit Jahren im Anti-Doping-Kampf aktiv
Werner Franke ist seit Jahren im Anti-Doping-Kampf aktiv

Die Veröffentlichung mehrerer Studien hat das Thema Doping in Westdeutschland wieder in den Mittelpunkt gerückt. Der Heidelberger Molekularbiologe und Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke hat diese Epoche von Beginn an hautnah begleitet.

Im Interview spricht der 78-Jährige über Heuchelei, Scheinheiligkeit, über das "Dopingsystem West", das er "Pontius Pilatus" nennt - und über seine Verwunderung angesichts der jüngsten Diskussionen.

Die neuen Studien von Andreas Singler über die Freiburger Sportmediziner Klümper und Keul sowie Simon Krivec über 31 mit Anabolika gedopten BRD-Leichtathleten haben wieder ein Licht auf Doping in der BRD geworfen. Sie sind seit Anfang der 70er Jahre im Anti-Doping-Kampf an vorderster Front dabei, wie fassen Sie die aktuellen Diskussionen und Veröffentlichungen auf?

Prof. Werner Franke: Ich wundere mich höchstens. Bis auf Kleinigkeiten ist alles, was jetzt veröffentlicht wurde, seit langem bekannt. Mich erstaunt der Widerhall, den diese Studien jetzt verursacht haben. Da müssen sich auch die Medien, der deutsche Sportjournalismus hinterfragen. Nehmen Sie das Buch meiner Frau Brigitte Berendonk, "Von der Forschung zum Betrug", erschienen 1991 - da steht schon alles drin, auch die Namen. Dass jetzt wieder alles aufs Neue diskutiert wird, ist für mich auch eine Form von Scheinheiligkeit und Ignoranz.

In den jetzt veröffentlichten Studien geht es vor allem um Anabolikadoping, das breitflächig durchgeführt und vor allem auch verharmlost wurde. Ihre Frau hat die Diskussion darüber 1969 in Deutschland überhaupt erst angestoßen und sich in den 90ern - nach Aufdeckung des DDR-Staatsdopings, unzähligen Prozessen und Anfeindungen - angewidert aus dem Anti-Doping-Kampf zurückgezogen. Wie emotional verfolgt sie die Diskussionen derzeit?

Meine Frau ist wahnsinnig emotional - und noch immer und immer wieder aufs Neue angewidert. Nicht nur von der Sachlage selbst, sondern auch darüber, wie das Thema behandelt wird. Sie hat es einfach satt.

Was denken Sie konkret über die Studie von Herrn Krivec?

Auffällig ist, dass sich die Studie nur um Athleten dreht, nicht aber um Athletinnen.

Warum ist das so?

Weil das Doping, das damals an Frauen vollführt wurde, so dermaßen pervers war, dass es zu weh tut, darüber zu sprechen, bis heute: Die Verabreichung androgener Steroide führte zur Verilisierung, zur Vermännlichung junger Mädchen und Frauen. Das ist mehr als Doping, es ist die Veränderung der Person, physisch wie psychisch. Und in Deutschland sind die Fälle nach fünf Jahren verjährt - gestorben, zum Teil qualvoll, wird meist später. Ein Beispiel: 400-m-Läuferin Helga Arendt, im Hammer System beim EC Eintracht Hamm mit Stromba durchgedopt, war nicht mal 50, als sie nach jahrelangem Brustkrebsleiden qualvoll starb.

Sie haben das Thema Anabolika im westdeutschen Sport schon 1977 behandelt in einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Medical Tribune". Der Titel: "Anabolika im Sport - der Arzt als Erfüllungsgehilfe des Sportfunktionärs". Was hat ein solches Stück damals bewirkt?

Heftigen Widerstand. Die Ärzte Keul und Kindermann haben sich gewehrt und so getan, als würde es dies alles in Freiburg nicht geben. In demselben Jahr gab es dann die legendäre Sportstudio-Sendung mit Harry Valerien, in der meine Frau Herrn Keul gegenüber saß, der schließlich zugeben musste, wie sehr er und Freiburg in die Anabolika-Praktiken verstrickt sind.

Was ist daraufhin passiert?

Natürlich nichts. Es gab im Gegenteil ostentative Abweisungen aus der Politik, aus dem Sport. Im September 1977 gab es dann eine große Bundestagsausschusssitzung, geleitet vom heutigen Finanzminister Wolfgang Schäuble. Herr Keul war eingeladen oder Kugelstoß- und Diskus-Bundestrainer Christian Gehrmann, einer der Schlimmsten von allen, nicht aber meine Frau oder ein anderer Anti-Doping-Kämpfer. Nach der Mittagspause empfahl Schäuble den Einsatz von Dopingmitteln, wenn sie denn im Leistungssport unverzichtbar seien. Das ist ihm heute peinlich, aber er hat's gesagt. Der westdeutsche Staat stand voll hinter allem. Das ist verbrieft und nicht neu.

Viele Studien belegen, dass die Politik und die obersten Sportinstitutionen bis hin zu DSB-Präsident Willi Daume sich der Mitwisserschaft, der Vertuschung und der Tatenlosigkeit schuldig gemacht haben. Wie bewerten Sie die Aufklärungsarbeit und Aufarbeitung von deren Nachfolgern in Bundesinnenministerium und Deutschem Olympischem Sportbund?

Da ist nichts! Im Gegenteil, da ist immer noch Verhinderung. Bis heute will niemand was wissen, niemand will es wahrhaben.

DOSB und BMI führen gerade eine Reform der Spitzensportförderung durch, die sich künftig noch mehr an Leistung orientieren soll. Stehen damit künftig Sportler vor demselben Dilemma wie vor 30 Jahren, dopen zu müssen, um liefern zu können?

Natürlich. Insofern hat sich zu damals nichts verändert. Verändert hat sich nur die Dosierung der Dopingmittel. Das erkennt man daran, dass die absolute Leistung zurückgegangen ist. Heute kann eine Kugelstoßerin mit 20 Metern Weltmeisterin werden. Claudia Losch, bundesdeutsche Olympiasiegerin 1984, Bestweite 22,19 m, trainiert von dem eben schon erwähnten, höchst belasteten Christian Gehrmann - das alles ist bis heute nicht angezweifelt. Absurd!

Ihre Frau hat einmal Strafanzeige gegen Gehrmann gestellt ...

... die abgewiesen wurde. Das Landgericht München wollte damals nicht ermitteln. Oberstaatsanwalt Dr. Dieter Hummel zweifelte an, dass das Strafrecht das geeignete Mittel wäre, um in Dopingfällen tätig zu werden. Der Hammer ist: Dieser Dr. Hummel war zeitgleich Rechtswart beim bayerischen Leichtathletik-Verband, bei dem Gehrmann angestellt war - so lief das damals. Das Dopingsystem West nenne ich Pontius Pilatus. Man tat so, als ob man dagegen wäre, verhindern wollte man es aber auch nicht. In der Bibel steht da bei Pontius Pilatus: "Und er ging hinaus und wusch seine Hände in Unschuld". Das ist auch ein Kernunterschied zwischen Doping West und Doping Ost: Wegschauen von höchster Stelle auf der einen, durchorganisieren von höchster Stelle auf der anderen Seite.

Hansjörg Kofink, der 1972 als Kugelstoß-Bundestrainer zurücktrat, weil seine Athletinnen trotz Normerfüllung wegen Chancenlosigkeit gegen hochgezüchtete Konkurrentinnen nicht zu den Olympischen Spielen durften, malt ein trübes Bild. Er spricht in der "SZ" von einem moralisch entwerteten Spitzensport, der gesellschaftlich komplett abgekoppelt werden sollte, Pharma-Freigabe inklusive - ist das für Sie ein Ansatz?

Das haben schon andere vor ihm gesagt, etwa 800-m-Olympiasieger Nils Schumann. Aber das ist Schwachsinn. Die Gabe von Pharmaka ohne ärztlichen Grund, diagnostisch oder therapeutisch, ist illegal. Das muss so bleiben. Jeder, der weiß, wie fürchterlich die Folgen sind, die diese Mittel anrichten, kann keiner anderen Meinung sein. Das System heute kann nur funktionieren, wenn das komplette Anti-Doping-Management unabhängig von sportlichen und politischen Einflüssen agieren würde. Aber das ist unrealistisch."

Wie ernst steht es heute um den Weltsport?

Es ist grotesk, alles Satire. Wenn ich mir allein die lustige Zusammenstreichung der olympischen Ergebnislisten anschaue, kann ich nur sagen: Game's over!