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Werner: Ein RB-Musterprofi spaltet die Nation

27.01.2017 16:30
Licht und Schatten begleiten Timo Werner
© getty, Boris Streubel
Licht und Schatten begleiten Timo Werner

Timo Werner spaltet die Nation: Auf der einen Seite der hoch veranlagte Stürmer, der in Zukunft in die Fußstapfen von DFB-Granden wie Miroslav Klose und Rudi Völler treten könnte. Auf der anderen Seite der extrem ehrgeizige RB-Profi, der für den Erfolg auch vor Schwalben nicht zurückschreckt. sport.de hat den ambivalenten Youngster unter die Lupe genommen.

"Wir verpflichten im Profibereich ausschließlich junge Spieler zwischen 17 und 24 Jahren. Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen und somit auch organisch wachsen", erklärte RB-Sportdirektor Ralf Rangnick einst das Leipziger Motto "Jugend forscht". Mit brutalem Pressing sollten die "Jungen Wilden" die Bundesliga aufmischen und den Verein so "modern und attraktiv" machen. In der Hinrunde konnte dieses Vorhaben annähernd perfekt umgesetzt.

Niemand verkörpert dabei die Werte des ambitionierten Aufsteigers besser als Timo Werner. Mit gerade einmal 20 Jahren ist der Angreifer aktuell der erfolgreichste deutsche Stürmer und ein wahrer Prototyp Rangnick'scher Ideale. Durch sein enormes Tempo passt der Jungspund bestens in das Umschaltspiel der "Roten Bullen", außerdem stellt sich Werner stets in den Dienst der Mannschaft. Stolze 11,5 Kilometer spult er pro Spiel ab. Ein beeindruckender Wert für einen Torjäger. 

Dazu präsentiert sich Werner in der laufenden Saison vor dem gegnerischen Tor kaltschnäuziger als je zuvor. Zehn Bundesligatore und vier Vorlagen im Leipzig-Dress - auch dank dieser Ausbeute verlief das "organische Wachstum" beim Rasenball-Klub eher in Zeitraffer.

Rekord folgt auf Rekord

Dass Werner auch in solch jungen Jahren schon beeindruckende Zahlen in der Bundesliga bieten kann, war früh absehbar. Bei seinem Ausbildungsverein VfB Stuttgart wurde der gebürtige Schwabe schnell als Riesentalent ausgemacht. Mit 17 feierte der pfeilschnelle Angreifer sein Bundesligadebüt als jüngster Spieler der Vereinsgeschichte. Vier Einsätze später folgte sein erstes Tor im Profifußball - ebenfalls Vereinsrekord.

Ein kometenhafter Aufstieg, der in der zurückliegenden Spielzeit einen ersten Dämpfer erhielt. Im Abstiegsstrudel verlor auch das Eigengewächs seine Form. Kein einziger Treffer wollte dem Stürmer in den letzten neun Spielen für Stuttgart gelingen. Der einst so frech und unbekümmert aufspielende Jungprofi schlich immer öfter mit hängenden Schultern über den Platz. Lediglich sechs Tore standen in seiner Abschiedssaison zu Buche.

"Ich spielte nicht mehr mit dem Mut wie in der Jugend - oder jetzt in Leipzig. Ich hatte zwischenzeitlich wirklich das Vertrauen in mich selbst verloren", blickt der Spieler in der "FAZ" auf die schwierige Zeit zurück.

In Leipzig war man dennoch weiter überzeugt von dem herausragenden Potenzial des U-Nationalspielers. Deshalb überwiesen die RB-Verantwortlichen im Sommer zehn Millionen Euro nach Stuttgart, um den Hochbegabten nach Sachsen zu locken. "Mit seiner Verpflichtung gewinnen wir in unserem Offensivbereich noch einmal an Qualität. Er ist ein sehr ehrgeiziger Spieler, der sich immer weiter verbessern möchte", freute sich Rangnick damals über seinen Transfercoup.

Schwalbe erzeugt Hass

Für den Spieler ein logischer Schritt: Bundesliga statt Zweitklassigkeit, in einem Umfeld, dass voll auf den Youngster baut. Gleichzeitig aber auch eine Entscheidung gegen Tradition und Treue, die einige VfB-Fans auf die Barrikaden trieb. Zum Zweitliga-Auftakt entlud sich der Unmut in einem deftigen Spruchband, auf dem Werner Charakterlosigkeit vorgeworfen wurde. 

Auch bundesweit sorgte der Ex-Stuttgarter für den emotionalen Aufreger der bisherigen Saison. Im Spiel gegen Schalke 04 ließ sich Werner im Zweikampf mit Torhüter Ralf Fährmann zu einer dreisten Flug-Einlage hinreißen, die auf den ersten Blick Erinnerungen an die Mutter aller Schwalben von Andreas Möller weckte. Dass Schiedsrichter Dankert anschließend auf den Elfmeterpunkt zeigte und Werner höchstpersönlich diese Peinlichkeit zum 1:0 vollendete, sorgte nicht nur im königsblauen Lager für heftige Proteste. 

Ein Kandidat für die Nationalelf

Im folgenden Auswärtsspiel wurde jeder Ballkontakt des Leipzig-Profis mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitet. Für viele RB-Gegner ist Werner gar zum verhassten Gesicht eines Vereins geworden, der mit seinen Brause-Millionen sinnbildlich für die oftmals verteufelte Kommerzialisierung des Fußballs steht.

Trotz der offen gehegten Antipathie scheint Werners Debüt in der A-Nationalmannschaft aber nur noch eine Frage der Zeit. "Es gibt sicher einige Leipziger Spieler, die es demnächst schaffen können", äußerte sich Löws Assistent Thomas Schneider kürzlich vielsagend in der "Bild". Spätestens, wenn Werner seinen ersten Treffer mit dem Adler auf der Brust feiert, dürften dem Knipser aber auch über die Grenzen Leipzigs hinaus wieder Sympathien zufliegen - Gelsenkirchen einmal ausgenommen.

Falk Velten

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