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Atlético Nacional: Trauerbewältigung Klub-WM

13.12.2016 17:05
Atlético Nacional und Chapecoense sind auf ewig verbunden
© getty, Buda Mendes
Atlético Nacional und Chapecoense sind auf ewig verbunden

Zwei Wochen sind seit dem tragischen LaMia-Flug 2933 nun vergangen, bei dem 71 der 77 Fluginsassen ums Leben kamen und bei dem der brasilianische Verein Chapecoense, Finalist der Copa Sudamericana, die größte Tragödie der Vereinsgeschichte durchlebte. Finalgegner Atlético Nacional aus Kolumbien musste den Schock in den Tagen darauf wohl oder übel schnell verdauen und blickt nun im fernen Japan auf das Halbfinale der Klub-WM gegen die Kashima Antlers (Mittwoch 11:30 Uhr). Eine Frage stellt sich dabei von ganz allein: Wie verarbeitet eine Mannschaft, ja ein ganzer Verein, eine solche Tragödie?

Es hätte alles so schön sein können. Atlético Nacional, Sieger der diesjährigen Copa Libertadores, Pokalsieger Kolumbiens und Halbfinalist in den heimischen Meisterschafts-Playoffs hätte das Jahr 2016 mit dem Sieg der Copa Sudamericana gegen Chapecoense nicht besser ausklingen lassen können. Doch es kam alles anders. Trauer und Bestürzung anstatt grenzenloser Freude. Und grenzenloser Respekt anstatt des nächsten sportlichen Erfolgs.

Denn kaum hatten die Kolumbianer von der Tragödie erfahren, fragten sie in einem offiziellen Statement beim südamerikanischen Verband an, "ob die Copa als Ehrentrophäe für den großen Verlust und als posthume Hommage an die Opfer des fatalen Unfalls an Chapecoense gegeben werden könne." Ein paar Tage später wurde dieses Angebot in die Tat umgesetzt. Darüber hinaus verlieh man Atlético Nacional den Fair-Play-Preis, der mit einer Million Dollar dotiert wird.

Fair-Play, Respekt und Siegeswille

Das Angebot des Vereins aus Medellín war nur der Anfang einer Verbrüderung zweier Vereine, die sich noch ein paar Tage zuvor nicht fremder hätten sein können. Dort ein eher unbekanntes Provinzteam aus Brasilien, hier die erfolgreichste Mannschaft des Kontinents im laufenden Jahr. "Der 30. November wird für immer in unserem Herzen bleiben", heißt es in einem Video, das die Trauerfeier zu Ehren des Gastes im Stadion von Atlético Nacional zeigt. Die "Familie der Verdolaga", wie der Verein auch genannt wird, sei nun noch größer. 45.000 Menschen besangen und feierten ihren Gegner, Spieler legten Blumensträuße nieder. Ein Verein, der trauert. Ein Verein, der Respekt zeigt.

Dennoch ist Atlético Nacional auch ein Verein, der immerzu an den sportlichen Wettkampf denkt und den maximalen Erfolg will. Einen Tag nach der Trauerfeier standen die Profis wieder auf dem Platz und trainierten für das anstehende Viertelfinalrückspiel in den Meisterschafts-Playoffs. Mit 3:0 watschte die junge Mannschaft von Trainer Reinaldo Rueda den Gegner Millonarios vom Platz. Der Schock schien also gut verdaut zu sein - vorerst.

Nach einem Unentschieden im Halbfinal-Hinspiel gegen Santa Fe und einer 0:4-Klatsche vor heimischem Publikum im Rückspiel musste der Rekordmeister allerdings den Traum vom nächsten Titel begraben. Dennoch, die sympathische und talentierte Mannschaft wurde mit stehenden Ovationen aus dem Stadion verabschiedet. "Die Stärke und der Mut, immer bis zum Ende zu kämpfen, wurde heute auf dem Rasen deutlich. Die Magie, mit der die jungen Spieler den Ball beherrschen, schlug auf die Fans der Verdolagas über", heißt es in einem mehr als versöhnlichen Kommentar auf der Vereinsseite.

Das letzte Highlight der Saison: "Der große Traum"

Schließlich ist für die Mannschaft aus Medellín die Saison noch lange nicht vorbei. Bei der Klub-WM will Atlético Nacional nun auch der ganzen Welt zeigen, was die "Magie" dieses Vereins ausmacht. Die Euphorie der Grün-Weißen könnte dabei nicht größer sein. Hunderte Anhänger begleiteten ihre Mannschaft vor der Abreise nach Japan euphorisch zum Flughafen. Abwehrchef Francisco Nájera bestätigte die allgemeine Vorfreude: "Für diesen Moment brauchen wir keine Motivation. Es ist ein großer Traum", so der Verdolaga vor der Abreise.

Gegen die "sehr gut organisierten Asiaten", wie Nebenmann Felipe Aguilar konstatierte, müsse eine Top-Leistung gebracht werden. "Sie spielen sehr intensiv, schalten schnell von der Defensive in die Offensive und sind physisch stark", beschreibt Aguilar den kommenden Gegner weiter. Zu sehr wolle man sich aber nicht auf den Gegner konzentrieren, sondern sich auch auf die eigenen Stärken besinnen. Eines können sich die Kolumbianer aber sicher sein, egal welchen Ausgang das Spiel im fernen Osten nimmt: Der Unterstützung ihrer Fans, die seit dem Unglücksflug LaMia 2933 schier grenzenlos ist. Über 4.500 Kilometer weiter südlich sind es nämlich nun auch die Brasilianer, die Atlético Nacional ins Herz geschlossen haben. Ein Spiel in Japan dient somit auch als Trauerbewältigung für Fußballfans auf der ganzen Welt.

Gerrit Kleiböhmer