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Ein Derby trotzt dem Schatten des Diktators

02.10.2016 11:45
Die Fans von Colo Colo stimmen sich auf das Derby ein
© imago sportfotodienst
Die Fans von Colo Colo stimmen sich auf das Derby ein

Es ist wieder so weit. In Chile steht am Sonntag der 227. Superclásico wieder auf dem Programm. Fans im ganzen Land fiebern diesem Spiel seit Monaten entgegen – denn die Rivalität zwischen den beiden Haupstadtklubs aus Santiago de Chile könnte nicht größer sein.

Hier der Verein Universidad de Chile, der von Studenten der renommiertesten Hochschule des Landes gegründet wurde. Dort der Klub Colo Colo, auf dem noch immer der große Schatten von Augusto Pinochet liegt.

"Andere wurden auch zum Ehrenpräsidenten ernannt, warum nicht auch Sie, Don Augusto?" Die Worte des ehemaligen Geschäftsführers von Colo Colo, Patricio Vildósola, aus dem Jahr 1976 wiegen immer noch schwer. Denn mit Don Augusto war eben jener Chef der Militärjunta gemeint, der den demokratisch gewählten Sozialisten Salvador Allende 1973 aus dem Amt geputscht hatte und eine der repressivsten Diktaturen der Geschichte einläutete: Augusto Pinochet.

Der Oberste Befehlshaber nahm selbstverständlich dankend an, zu vorteilhaft klang die Vorstellung, sich als Ehrenpräsident des größten Klubs des Landes mit sportlichen Federn schmücken zu können. Wie hoch der Preis für die Colocolinos, wie die Weißen auch genannt werden, letztlich werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht abzusehen. Denn als wäre der Ruf als "Diktator-Klub" nicht schon belastend genug, auch der wirtschaftliche Niedergang des Vereins ging mit dieser Entscheidung einher.

Die große Lüge

Zunächst klang alles nach heiler Welt in der Hauptstadt Santiago de Chile. Der spendable Diktator sicherte dem Klub bei seiner Ernennung zum Ehrenpräsidenten 1982 eine Finanzspritze in Höhe von 300 Millionen Pesos (heute rund 400.000 Euro) für den Ausbau der größten Sportstätte des Landes, dem Estadio Monumental, zu. Es sollte über 120.000 Plätze verfügen – ein wahres Monument eben – und Verein, Land und Menschen über die Grenzen hinaus repräsentieren.

Erst seit einigen Jahren wurde aus alten Akten jedoch ersichtlich, dass das versprochene Geld nie bei dem Verein ankam. Zu groß war dort allerdings die Ehrfurcht vor dem General, die Subventionen einzufordern. Colo Colo musste also selbst die Kosten für den Bau übernehmen und ging letztlich daran beinahe zu Grunde.

2002 stand der Verein zuletzt vor dem Abgrund, weil die Schulden bei der damals wirkenden Betreibergesellschaft des Stadions nicht mehr bezahlbar waren. Durch Spendenaktionen sowie Ausgliederung und Umstrukturierung des Vereins gelang der ersehnte Umbruch letztlich doch noch. Bis heute wurde das Monumental übrigens nicht nach den ursprünglichen Plänen fertiggestellt, als schwebe noch immer der Geist des Diktators über den Stadionmauern.

Zwei Stadien – zwei Geschichten

Dass die Verwicklungen des chilenischen Rekordmeisters mit dem Presidente für andere Fanlager des Landes ein gefundenes Fressen darstellen, liegt wohl auf der Hand. Vor allem sind es die Fans des größten Erzrivalen, der Universidad de Chile, die gerne den Finger in die Wunde legen. Doch jedes Mal, wenn die Fans der "U" in ihr Stadion gehen, dürften auch sie schmerzliche Erinnerungen an die Diktatur haben.

Schließlich wurde das Estadio Nacional über Jahre hinweg als Folterkammer und Konzentrationslager für politische Gegner missbraucht. Eine Fanpage der Colocolinos resümiert daher treffend: "Das Nacional ist das Symbol des Grauens. Das Monumental das der Schande, da Pinochets Lüge von einem Großteil der Gesellschaft für wahr empfunden wurde."

Das heißeste Derby des Landes

Wäre die politisch-gesellschaftliche Tragweite des Superclásicos nicht schon groß genug, so bleibt da immer noch die sportliche Brisanz beim Aufeinandertreffen der beiden erfolgreichsten und beliebtesten Vereine des Landes: Die "U" konnte bereits 17 Meistertitel einfahren, Colo Colo bringt es auf satte 31! Dabei erstaunt das auffällige Ungleichgewicht der beiden nationalen Größen. Von 179 in der Liga ausgetragenen Partien gewannen die Weißen fast die Hälfte – nicht umsonst spricht man auch vom "unausgeglichensten Derby der Welt", wie das Tagesblatt "La Tercera" titelte.

In dieser Saison wird der Rekordmeister allerdings nicht um den nächsten Titel mitspielen. Während Universidad nur drei Punkte Rückstand auf den Tabellenführer aus Iquique hat, rangiert Colo Colo als Vorletzter der Tabelle. Zu schlecht waren die ersten Auftritte in der Saison. Zum eigenen Unvermögen kam am letzten Spieltag gegen Santiago Wanderers auch noch das Pech hinzu: ein Tor wurde dank des Schiedsrichtergespanns verwehrt, zwei Mal landete der Ball am Querbalken.

"Ich bin gelassen", kommentierte Pablo Gueda, Trainer der Colocolinos, nach dem Spiel in Anlehnung an das kommende Spiel des Jahres. "Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand. Die Spieler haben alles gegeben." Als würden diese Worte nach sechs Punkten aus sieben Partien nicht schon genug Ratlosigkeit versprühen, wiederholte Gueda seine Worte einfach wie ein Mantra: "Ich bin gelassen." Oder ist es der Schatten des Diktators, der auf dem Treiben des Vereins noch immer lastet?

Gerrit Kleiböhmer

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