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Rio-Check: Unbequem und unbesiegbar?

04.08.2016 20:31
Hartings Markenzeichen: Nach großen Siegen das Trikot zerreißen
Hartings Markenzeichen: Nach großen Siegen das Trikot zerreißen

Mit insgesamt 423 nominierten Athletinnen und Athleten tritt das Team des Deutschen Olympischen Sportbundes das Abenteuer Rio de Janeiro an. In 36 Sportarten kämpft Deutschlands Elite um Erfolg, Ehre und vor allem Edelmetall bei den XXXI. Olympischen Sommerspielen. 

sport.de stellt in der heißen Phase vor der Eröffnungsfeier zwei Wochen lang ambitionierte heimische "Rio-Reiser" vor. Teil 26 des sport.de-Athletenchecks mit Diskuswerfer Robert Harting.

  • Name: Robert Harting
  • Geburtstag: 18.10.1984 (31 Jahre)
  • Wohnort: Berlin
  • Olympische Disziplin: Diskuswurf
  • Olympischer Wettkampf in Rio: 12. August (Qualifikation ab 14:30 Uhr); 13. August (Finale ab 15:50 Uhr)
  • bisherige Olympia-Bilanz: Vierter 2008, Olympiasieger 2012
  • Weitere Karriereerfolge: Weltmeister 2009, 2011, 2013; Europameister 2010, 2014; Deutscher Meister 2007-2014, 2016
  • persönliche Bestleistung: 70,66 Meter (22. Mai 2012)
  • Log

Die Vorzeichen: "Ich freue mich darauf, wenn es vorbei ist"

Über Jahre hinweg war Diskuswerfer Robert Harting Deutschlands Medaillengarant Nummer Eins. Bei den letzten Olympischen Spielen holte er in einem hochspannenden Wettkampf als einziger Leichtathlet Gold für die Bundesrepublik. Nachdem das Berliner Kraftpaket auch 2013 bei der WM in Moskau und 2014 bei der EM in Zürich souverän den ersten Platz ergatterte, schien der Sieg bei den kommenden Olympischen Spielen 2016 schon fest eingeplant zu sein.

Im September 2014 erreichte die deutschen Fans die bittere Hiobsbotschaft: Kreuzbandriss beim Lauftraining. Der 2,01 Meter große Hüne gab sich direkt kämpferisch: "Ich wusste sofort, dass das Kreuzband durch sein wird. Doch ich habe mir auch sofort gesagt: Junge, das war noch nicht das Ende für dich", erklärte Harting der "Bild". Mit seinem Siegeswurf auf 64,81 Meter bei einem Indoor-Meeting in Berlin im Februar diesen Jahres gab er sein lang ersehntes Comeback.

Aus der Leidenszeit ist der gebürtige Cottbuser aber nicht ungezeichnet hervorgegangen: "Ich freue mich darauf, wenn es vorbei ist. Mit jeder Verletzung hat man mentale Prozesse, die Energie kosten. Man ist am Ende mit so vielen Dingen beschäftigt, dass man am Ende glücklich ist, wenn der Tag kommt, an dem man alles zeigen kann."

Allen Problemen zum Trotz gewann Harting im Juni die Deutsche Meisterschaft in Kassel, wo er seinen Bruder Christoph mit seinem finalen Wurf auf 68,04 Meter abfing und damit seine beste Weite nach der Verletzungspause aufstellte. Damit hatte der dreifache Sportler des Jahres nicht gerechnet: "Das war echt geil! Vor dem letzten Durchgang habe ich immer Hummeln im Hintern, vor allem, wenn ich nicht vorne liege." Nach dem Wettkampf verkündete er seinen Verzicht auf die EM in Amsterdam. Bei der Olympia-Generalprobe in Schönebeck kam er auf bescheidene 66,95 Meter.

Parallel zur Vorbereitung äußerte sich Harting in gewohnt offener Manier zur Arbeit von IOC-Präsident Thomas Bach im Rahmen der Dopingvorwürfe gegen Russland: "Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für Thomas Bach."

Im Diskus-Finale am 13. August sieht sich Harting nicht als klarer Favorit, jedoch als Anwärter auf das Treppchen: "Ich habe nicht dafür trainiert, dass ich da Sechster oder Siebter werde. Ich will schon vorne mitkämpfen. Und da muss man ehrlich sagen: Diese sportliche Macht, die man mal besessen hat, die ist weg. Ich muss mich jetzt mit komischen Problemen beschäftigen, die meine Leistung ein bisschen schmälern. Deswegen wird es hart, aber ich traue mir durchaus zu, um die Medaillen mitkämpfen zu können."

Dabei wird es für den 31-Jährigen nach eigener Aussage am besten sein, die lange Verletzung so gut es geht auszublenden: "Gute Würfe spürt man nicht, man kann wenig eingreifen. Aber je weniger man nachdenkt, desto besser ist das für den Diskus", sagte der Berliner gegenüber "leichtathletik.de".

Die Konkurrenz: Drei Mitanwärter auf die Medaillen

Hartings Bestleistung von 70,66 Meter aus dem Jahr 2012 würde höchstwahrscheinlich den Sieg in Rio bedeuten. Davon ist der Deutsche allerdings zurzeit ein gutes Stück entfernt – seine Konkurrenz aber auch. Routinier Piotr Małachowski tritt mit der Jahresbestleistung von 68,15 Meter an, die er Ende Mai in Warschau aufstellte. Hartings Bruder und zweite deutsche Medaillenhoffnung Christoph schleuderte den Diskus beim Meeting in Dessau, ebenfalls Ende Mai, auf beachtliche 68,06 Meter.

Im Kampf um das Treppchen muss "Der Harting" aber auch auf einen Youngster Acht geben: Der 22-jährige Jamaikaner Fedrick Dacres, Junioren-Weltmeister von 2012, steigerte seine persönliche Bestleistung in diesem Jahr auf 68,02 Meter und sitzt Harting bei der Olympia-Entscheidung definitiv im Nacken.

Die sport.de-Prognose: Platz auf dem Treppchen

Nach seinem letzten Wettkampf twitterte Harting: "66,95 mit vielen Reserven. Die hole ich mir die nächsten zwei Wochen :) Läuft!". Wenn ein Athlet mit so einem Selbstbewusstsein in die heiße Phase vor Olympia gehen darf, dann ist es Robert Harting. Dem gebürtige Cottbuser, der das Herz auf der Zunge trägt und durch seine Erfolge in den letzten Jahren zweifelsohne schon als deutsche Diskus-Legende bezeichnet werden kann, ist bei dem wichtigsten Wettkampf des Jahres alles zuzutrauen. Da die Konkurrenz in diesem Jahr jedoch eng beisammen liegt, wird eine Medaille kein Selbstläufer.

Auch wenn Robert Harting nach seiner Verletzung noch nicht in Topform ist und zwei andere Athleten in diesem Jahr schon weiter geworfen haben, wird sich der Berliner am 13. August auf das Treppchen kämpfen. Der Doping-Gegner hat schon oft gezeigt, dass er unter Druck eine Spitzenleistung abrufen kann. Die zusätzliche Trainingszeit durch den Verzicht auf die EM in Amsterdam wird dem Diskusriesen gut tun und eine Medaille trotz der holprigen Olympia-Vorbereitung möglich machen. 

Medaillenwahrscheinlichkeit: 80 Prozent

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