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Brasilien und seine Pleite-Stadien

12.07.2016 11:37
Der Betreiber des Maracanã will aussteigen
© imago sportfotodienst
Der Betreiber des Maracanã will aussteigen

Brasilien hatte sich viel von der WM 2014 versprochen. Die zwölf Stadien und Städte bezahlen noch heute für den Gigantismus. Für Olympia-Gastgeber Rio verheißt das nichts Gutes.

Die ersten Arenen verrotten bereits, die Korruption verschlingt Millionen und die Finanzkrise macht alles nur noch schlimmer: Zwei Jahre nach der Fußball-WM in Brasilien haben die zwölf Ausrichterstädte noch an den Folgen der Copa 2014 zu knabbern. Es fehlt Geld, die Kredite zurückzuzahlen. Es fehlen Fans, um die Stadien zu füllen. Es fehlen Touristen in den Hotels. Und Verkehrsprojekte stecken bis heute im Planungsstau. Kein gutes Omen für Rio und die Nach-Olympia-Zeit.

Die Rechnung sah in fast allen WM-Städten grob wie folgt aus: Stadt und Land finanzieren Bau und Renovierung der Arenen durch staatliche Kredite, private Betreibergesellschaften sorgen mit der Stadionnutzung für Gewinne. Die Realität heute ist jedoch eine vernichtende Wirtschaftskrise.

Interims-Präsident Michel Temer hat vor wenigen Tagen signalisiert, die WM-Kreditlinien mit den involvierten Bundesländern neu zu verhandeln, weil diese ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, womit auch neue Finanzhilfen tabu sind. Das Land Rio de Janeiro ringt derzeit um jeden Centavo, erklärte den "Öffentlichen Notstand auf dem Gebiet der Finanzverwaltung". Nachahmer befinden sich im Wartestand.

Die Zuschauer fehlen in allen Stadien

Auch den privaten Investoren geht die Luft aus. Im Fußballtempel Maracanã will der Betreiber aus dem Vertrag raus, auch weil die Stadt sich gegen vorgesehene Geschäftskomplexe stellt. In Belo Horizonte streiten sich Kommune, Erstligist Cruzeiro und das Konsortium Minas Arena, wer für die Defizite des Mineirão-Stadions, Stätte des 1:7-Debakels Brasiliens im Halbfinale gegen Deutschland, geradezustehen hat. Die Justiz ist bereits eingeschaltet.

Selbst das Stadion mit bestem Zuschauerschnitt ist ein schlechtes Geschäft. Eigner SC Corinthians bekommt lukrative Logen und Namensrecht nicht verkauft, statt Mehreinnahmen häufen sich wegen teuren Unterhalts und Kreditrückzahlung die Schulden. Das Stadion Mané Garrincha in der Haupstadt Brasília, ohne oberklassigen Profiklub meist "spielfrei", wird als Parkplatz und an die Stadtverwaltung, die Büros dort unterbringt, untervermietet.

Schwarzes Schaf der sogenannten "weißen Elefanten" ist jedoch die Arena Pantanal. Das Stadion in Cuiabá fasst 41.000 Zuschauer, kommt nach der WM aber nur auf einen Schnitt von 5194 Fans. Show-Events finden ohne Marketing nicht statt. Wegen mangelnder Instandhaltung ist der Komplex sogar als Ausweichstätte für Spiele unter Schirmherrschaft des nationalen Verbandes CBF gesperrt.

Auch Olympia-Bauten im Visier der Korruptionsermittler

Doch die monatlichen Kosten laufen weiter. Und die Probleme außerhalb des Spielfeldes auch. Die für die WM geplante Stadtbahn ist noch nicht in Betrieb, die vor mehr als zwei Jahren angeschafften Züge und Waggons vergammeln ohne Halle in der Witterung. Der damalige Gouverneur, Silval Barbosa, sitzt seit vergangenen September wegen vermeintlichen Betrugs bei WM-Projekten in Haft.

Ob die einschienige Monorail in São Paulo, der Flughafenausbau in Fortaleza, die Busschnelllinie in Recife - was WM-Gäste zu den Stadien bringen sollte, funktioniert heute noch nicht. Die Liste der geplatzen oder unfertigen Verkehrsvorhaben ist lang.

Ebenfalls die der WM-Projekte unter Korruptions- und Schmiergeldverdacht. Der Landesrechnungshof in Rio hat am 5. Juli wegen Anzeichen für Betrug umgerechnet rund 55 Millionen Euro an Krediten für die Maracanã-Bau-Unternehmen Odebrecht, Andrade Gutierrez und Delta gesperrt. Auch Olympia-Bauten sind im Visier. Denn die drei Firmen legten für Rio 2016 Hand an und tauchen im "Lava Jato" (Auto-Waschstraße), Brasiliens größtem Korruptionsskandal, auf.

Ein weiteres Versprechen, das nie aufging: die WM als Tourismus-Motor. Allein in Salvador wurden in den letzten zwei Jahren zwölf Hotels geschlossen, rund 16.000 Angestellte entlassen. Auch andernorts sind rentable 60 Prozent Auslastung seit der vom Weltverband FIFA geforderten Kapazitäts-Erhöhung nur Wunschdenken. Belo Horizonte hätte mit zuvor 8.700 Betten heute eine Auslastung von 77 Prozent, verfügt aber nun über 14.000 Schlafstätten und einer Inanspruchnahme von nur 48 Prozent.

Auch Rio hat für die Sommerspiele aufgerüstet - beziehungsweise musste es auf Geheiß des Internationalen Olympischen Komitees tun: von 19.800 Betten im Jahr 2010 auf 33.400, verteilt in 267 Hotels. Zählt man Herbergen, Motels und Apartment-Hotels hinzu, sind es gar 58.000. Der Überlebenskampf nach den Spielen hat bereits begonnen.

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