Anzeige
powered by weltfussball.de - Das Portal zum weltweiten Fußballgeschehen. Alle Spiele, alle Infos, alles live!

1938: Der Viererpack des Leibchenwechslers

21.06.2018 14:05
Sein bestes Spiel zeigte Ernst Willimowski bei der WM 1938
© imago sportfotodienst
Sein bestes Spiel zeigte Ernst Willimowski bei der WM 1938

Alle vier Jahre wird bei WM-Endrunden Geschichte geschrieben. Während der Weltmeisterschaft in Russland erinnert sport.de an kuriose Ereignisse und unvergessene Momente. Heute: Das Spiel des Vergessenen.

Die bewegte Geschichte des Ernst Willimowski ist heutzutage fast undenkbar. Man stelle sich vor, Lukas Podolski hätte zu Beginn seiner Karriere für Polen gespielt, Deutschland im zarten Alter von 18 Jahren ein Tor eingeschenkt und wäre dann auf die Seite der Adlerträger gewechselt, um für sie zu knipsen. Genau das ist die unfreiwillige Lebensgeschichte von Willimowski.

Doch von Anfang an: In den Wirren des Ersten Weltkriegs wird Willimowski am 23. Juni 1916 im schlesischen Kattowitz, das nach dem Krieg fortan zu Polen gehört, als Sohn deutscher Eltern geboren. Seinen Vater lernt der kleine Junge nie kennen. Seine Mutter ist es, die ihn im Alter von sechs Jahren zum Fußball schickt. Beim 1. FC Kattowitz sammelt der schmächtige Ernst Otto seine ersten Erfahrungen am runden Leder.

Die Karriere kommt ins Rollen

Schnell wird sein außergewöhnliches Talent entdeckt und Ernst wechselt zu Ruch Chorzów, auch unter Ruch Bismarckhütte bekannt, wo das Zuschauerinteresse um einiges größer ist. Bis in die Nationalmannschaft führen ihn seine Torjägerqualitäten. Im Alter von 17 Jahren debütiert er und tut das, was er am besten kann: Tore schießen. Im Freundschaftsspiel gegen Deutschland macht er mit einem Tor bei der 2:5-Niederlage auf sich aufmerksam.

Bei der WM 1938 in Frankreich folgt dann die wohl beste Leistung seiner Karriere. Im Achtelfinale der Polen gegen die favorisierten Brasilianer trifft Willimowski unglaubliche viermal und holt nebenbei noch einen Elfmeter heraus. Trotz der schlussendlichen 5:6-Niederlage in der Verlängerung ist der 21-Jährige rundum glücklich, was eine Anekdote nach dem Spiel beweist.

Die Fans erkennen den auffälligen Rotschopf mit den Segelohren auf der Straße und füllen ihn in den Kneipen Strasbourgs ordentlich ab. Am Ende präsentiert Willimowski seinen Bewunderern den Grund für seinen Torinstinkt. Er zieht die Socken aus und zeigt seinen rechten Fuß. Siehe da: Sechs Zehen! Den sechsten bezeichnete er stets als seinen Glückszeh.

Kaliber eines Weltstars

Heutzutage wäre Willimowski ein Millionenverdiener. Vier Tore gegen Brasilien bei der WM. Nicht auszudenken, welche hundertmillionenschweren Transfergerüchte sich die Boulevardmedien ausdenken würden. Doch damals war alles anders, die Spieler waren Amateure.

"Wir bekamen damals kein Geld für unser Spiel. Sieg- oder Torprämien kannte man noch nicht. Wir erhielten lediglich einen arbeitsfreien Tag und nach dem Spiel ein Essen", erzählte Willimowski später im Rentenalter.

Einer unbeschwerten Fußballerkarriere machen die Nazis einen Strich durch die Rechnung. Nach dem Einmarsch in Polen und der Okkupation Schlesiens sieht sich der eigentlich als politisch desinteressierte Fußballer gezwungen, "Volksdeutscher" zu werden. Dabei will er keine Nationalitätsdiskussion führen, sondern immer nur eines. "Ich bin Oberschlesier, und ich will nur Fußball spielen", erklärt er.

Historische Marke

Und das tut der Kattowitzer dann auch in Sachsen bei PSV Chemnitz während in Europa der Zweite Weltkrieg tobt. Natürlich steht er auch auf dem Zettel von Reichstrainer Sepp Herberger, der ihn 1941 zur deutschen Nationalmannschaft holt. Willimowski trifft bei seinem Debüt gegen Rumänien gleich doppelt und sorgt für die historische Bestmarke. Bis heute gibt es nur einen Spieler, der sowohl für als auch gegen Deutschland ein Tor erzielt hat. Und das ist Ernst Otto Willimowski.

Fulminant auch seine Leistung in der Nationalmannschaft beim 5:3-Sieg gegen die Schweiz im Oktober 1942 ab. Wieder erzielt der Mann mit den sechs Zehen am rechten Fuß vier Treffer. DFB-Ikone Fritz Walter, Weltmeisterkapitän von 1954, lobte den Stürmer in höchsten Tönen.

"Er hatte keine Nerven, war eiskalt. Für mich der größte aller Torjäger, ein Wunder im Ausnutzen von Chancen. Er erzielte mehr Tore, als er Chancen hatte", schrieb Walter später in seiner Autobiografie. Am Ende seiner Nationalmannschaftskarriere hatte Willimowski 13 Tore in acht Spielen auf seinem Konto.

Krieg und Karriereende

Willimowski, der in der Panzerjägereinheit der Nazis seinen Dienst tat, überlebte den Krieg, konnte allerdings nicht in seine polnische Heimat zurückkehren. Dort wurde er fortan geächtet und sogar aus den Fußballstatistiken gestrichen.

In Deutschland hatte der Stürmer zuletzt für 1860 München gespielt, nach dem Krieg zog es ihn von einem Verein zum anderen. Über Hessen Kassel, den BC Augsburg, den RC Strasbourg und den VfR Kaiserslautern führte seine Karriere, die er 1959 beim Kehler SV beendete. Alkoholeskapaden sollen ein Grund gewesen sein.

Am 30.08.1997 starb Ernst Otto Willimowski in Karlsruhe. Bis heute kümmern sich die Fans seines ersten Vereins Ruch Chorzów um sein Grab. Sie haben ihn nicht vergessen.

Florian Pütz

Lesen Sie außerdem: 

WM-Historie 1950: Als in Brasilien der Karneval ausfiel 
WM-Historie 1966: Weltmeister Pelé wird in England gejagt
WM-Historie 1970:
 Das Jahrhundertspiel von Mexiko
WM-Historie 1978: Fußball-Show trifft auf Regime-Folter
WM-Historie 1998: Hooligan-Angriff und Deutschlands Schande

WM-Historie 2002: Saudi-Schreck Klose ebnet den Weg zum Rekord

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige