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Mavropanos erzielte ein umstrittenes Tor für den VfB Stuttgart

Darum zählte Stuttgarts Tor, das von Köln und Bayer aber nicht

"Collinas Erben" schlüsseln dreifachen Handspiel-Ärger auf

30.08.2021 06:55

Der 1. FC Köln, Bayer 04 Leverkusen und der VfB Stuttgart erzielen jeweils ein Tor nach einem Handspiel. Der Stuttgarter Treffer zählt dennoch, anders als der Kölner und der Leverkusener. In allen Fällen legen die Schiedsrichter die Handspielregel richtig aus.

Wenn im Kölner Stadion das Trömmelchen geht, alle parat stehen, um durch die Stadt zu ziehen, und ein kollektives "Alaaf" anstimmen, dann hat der führende Fußballklub der Stadt soeben ein Tor geschossen. In der Partie gegen den VfL Bochum (2:1) tat der 1. FC Köln das erstmals nach einer Viertelstunde, doch die obligatorische Tormusik versetzte die Fans der Rheinländer nur kurz in Karnevalsstimmung.

Denn der Video-Assistent, der nur wenige Kilometer von der Arena des "Effzeh" entfernt seinen Dienst versieht, betätigte sich als Partybremse: Er informierte Schiedsrichter Benjamin Cortus, dass Torschütze Dejan Ljubicic den Ball kurz vor dem Treffer mit der Hand berührt hatte. Daraufhin annullierte der Unparteiische das Tor.

Dass er damit richtig handelte, war unstrittig. Denn in den Regeln ist klipp und klar festgelegt: Wenn ein Spieler entweder mit der Hand respektive dem Arm ein Tor erzielt oder aber den Ball mit der Hand beziehungsweise dem Arm berührt und unmittelbar danach ins Tor trifft, dann darf dieser Treffer nicht anerkannt werden. Auch dann nicht, wenn das betreffende Handspiel vollkommen unabsichtlich geschehen ist oder sogar unvermeidlich war. So wie bei Ljubicic, dem der Ball im Zweikampf mit Bella Kotchap unkontrolliert an den normal gehaltenen Unterarm gesprungen war, kurz bevor er die Kugel ins Bochumer Tor schoss.

Referee Cortus hatte das Handspiel nicht wahrgenommen, deshalb griff der VAR ein. Da es sich um eine sogenannte faktische Entscheidung handelte, bedurfte es keines On-Field-Reviews: Weil in diesem Fall eine Ballberührung mit dem Arm zweifelsfrei nachzuweisen war und der betreffende Spieler sofort danach ein Tor erzielte, stand die Strafbarkeit des Handspiels automatisch fest. Ohne diesen Zusammenhang wäre das Handspiel nicht zu beanstanden gewesen. Diese Unterscheidung hat einen regelphilosophischen Hintergrund: Die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) argumentieren, dass es im Fußball inakzeptabel ist, wenn bei einer Torerzielung unmittelbar die Hand im Spiel war – und sei es unabsichtlich.

Was die Handspiele von Ljubicic und Mavropanos unterscheidet

Entscheidend ist dabei das Wort "unmittelbar" – und deshalb lagen die Dinge in einer vordergründig ähnlichen Szene im Spiel des VfB Stuttgart gegen den SC Freiburg (2:3) letztlich anders. Kurz vor der Pause erzielte Konstantinos Mavropanos für die Gastgeber das Tor zum 1:3, auch ihm war zuvor im Zweikampf der Ball an den Arm gesprungen. Und wie beim Kölner Ljubicic war seine Armhaltung in diesem Moment einem normalen Bewegungsablauf geschuldet, es lag deshalb keine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche vor. Auch Mavropanos traf danach ins Tor – im Unterschied zu Ljubicic allerdings nicht direkt nach dem Handspiel, sondern erst nach einem Doppelpass mit seinem Teamkollegen Hamadi Al Ghaddioui.

Damit ging der unabsichtliche Ballkontakt mit dem Arm der Torerzielung nicht unmittelbar voraus, und deshalb zählte der Treffer. Hätte Mavropanos dagegen den Ball gleich nach dem Handspiel aufs Freiburger Gehäuse geschossen und getroffen, dann wäre das Tor annulliert worden. Hier hat das Ifab bewusst eine Grenze gesetzt, damit nicht Treffer aberkannt werden müssen, obwohl ein versehentliches, also normalerweise nicht strafbares Handspiel gar nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Torerzielung stand.

Bei Aránguiz‘ Handspiel muss der VAR eingreifen

Ein unter allen Umständen strafbares Handspiel dagegen, das in der Entstehung eines Tores geschieht, muss natürlich in jedem Fall geahndet werden, nötigenfalls mit der Hilfe des Video-Assistenten. So geschehen in der Begegnung zwischen dem FC Augsburg und Bayer 04 Leverkusen (1:4) kurz vor der Pause: Nachdem die Gäste zum dritten Mal in diesem Spiel getroffen hatten, schaltete sich der VAR ein und empfahl dem Unparteiischen Benjamin Brand ein On-Field-Review. Denn bei der Balleroberung, mit der die Angriffsphase der Leverkusener vor diesem Tor begann, hatte Charles Aránguiz unbemerkt vom Referee seinen rechten Arm klar zum Ball geführt und so eindeutig ein ahndungswürdiges Handspiel begangen.

Der Schiedsrichter verbrachte dann auch nur wenige Sekunden am Monitor, bevor er richtigerweise entschied, den Treffer von Moussa Diaby zu annullieren. Hier ging es nicht um die Frage, ob das Handspiel unmittelbar vor der Torerzielung passiert ist – das war zweifellos nicht der Fall. Vielmehr war das Handspiel für sich genommen strafbar, weil es regeltechnisch betrachtet absichtlich geschehen war und am Beginn einer Angriffsphase stattfand, die in einem Tor mündete. Damit war es genauso zu behandeln wie ein Foulspiel des angreifenden Teams im Vorfeld eines Treffers. Und deshalb intervenierte der VAR völlig zu Recht.

Diese regeltechnischen Differenzierungen beim Handspiel in der Praxis auf dem Feld zu erkennen und umzusetzen, ist ohne Frage eine anspruchsvolle Aufgabe für die Unparteiischen. Und dies umso mehr, als es immer noch gewöhnungsbedürftig ist, dass ein gänzlich unabsichtliches Handspiel, das sonst nicht bestraft wird, unter einer bestimmten Voraussetzung eben doch geahndet werden muss. Wie sehr es dabei um Details gehen kann, hat sich an diesem Spieltag wie unter einem Brennglas gezeigt. Dass die Referees in allen Fällen, teilweise im Verbund mit ihren Video-Assistenten, die richtige Entscheidung getroffen haben, ist deshalb aller Ehren wert.

Von Alex Feuerherd