Exklusiv: Stumpf erklärt umstrittenes FCK-Aus

13.11.2017 08:48
Stumpf (li.) bildete zwischen 2000 und 2002 zusammen mit Brehme das Trainer-Duo beim FCK
Stumpf (li.) bildete zwischen 2000 und 2002 zusammen mit Brehme das Trainer-Duo beim FCK

Zwischen Oktober 2000 und Sommer 2002 gab es ein Novum in der 1. Bundesliga: Beim 1. FC Kaiserslautern saß ein (nahezu) gleichberechtigtes Trainergespann auf der Bank. Reinhard Stumpf und Andreas Brehme leiteten in dieser Zeit die Geschicke der Roten Teufel.

Doch was als gute Idee angelegt war und in der Saison 2001/2002 sogar zum damals besten Saisonstart eines Bundesliga-Teams mit sieben Siegen in Serie führte, entpuppte sich hinter den Kulissen mehr und mehr als ein Spiel aus Machtkämpfen und Verleumdungen. Daran auch beteiligt: Andreas Brehme.

In der Saison 2000/2001 übernimmt der langjährige Co-Trainer Reinhard Stumpf nach der Entlassung von Otto Rehhagel nach dem 7. Spieltag das Star-Ensemble rund um Basler, Ratinho und Klose und wird zum Chefcoach befördert. Doch die Uhren ticken damals anders als in heutigen Zeiten. Den FCK-Verantwortlichen fehlt schlichtweg der Mut, einem jungen Mann aus der zweiten Reihe die volle Verantwortung zu übertragen. Der Klub installiert neben dem 38-Jährigen einen namhaften Weltmeister. "Der damalige FCK-Präsident Jürgen Friedrich hat mich zur Seite genommen und gesagt: 'Du, Reinhard, wir trauen Dir die Aufgabe zu, aber wir brauchen ein Aushängeschild. Wir machen Andreas Brehme zum Teammanager'", berichtete der heute 55-jährige Stumpf im exklusiven Gespräch mit sport.de

In der Öffentlichkeit wird fortan Brehme als der entscheidende Mann an der Seitenlinie wahrgenommen. Doch die eigentliche Arbeit verrichtet Stumpf im Hintergrund. "In meinem Vertrag stand Cheftrainer", betont Stumpf: "Die ganze Trainingssystematik und –arbeit lag in meiner Hand. Inhaltlich und sportlich habe alles ich bestimmt." Er habe zwischen den Spieltagen die volle Verantwortung getragen.

"Der Druck von außen"

"Wie die einzelnen Mannschaftsteile zusammengestellt werden, wer in der Verteidigung aufläuft, welches System wir spielen und mit welcher Marschrichtung wir in das Spiel gehen. All das war meine Aufgabe. Genau wie die Analysen", erklärt Stumpf. Teammanager Brehme sei für die Öffentlichkeitsarbeit, Pressekonferenzen und die Ansprachen vor dem Spiel und in der Halbzeit zuständig gewesen. 

Doch Stumpf ahnte schon damals: "Wenn zwei gleichberechtigte Personen am Ruder sind, gibt es zwangsläufig Konflikte." Er kämpfte mit einem Problem: "Meine Gedankengänge deckten sich nicht immer mit denen von Andreas." Der neue Teammanager hatte sich allerdings vertraglich zusichern lassen, das letzte Wort in Aufstellungsentscheidungen zu haben. 

Und so sei es nicht selten vorgekommen, dass das Duo vor dem jeweiligen Spieltag zusammengesessen habe und Brehme den Plan seines Gegenübers umschmiss. Spieler, die die Woche über in der A-Mannschaft standen, flogen mit fadenscheinigen Begründungen aus dem Team. "'Du weißt ja, der Druck von außen'", sei ein Erklärungsversuch seines Teammanagers gewesen, so Stumpf: "Manchmal nur, weil der Spieler, den er wollte, einen größeren Namen hatte. Für mich war das noch nie das Wichtigste. Für mich waren und sind Trainingseindrücke entscheidend und die systematische und personelle Einstellung auf den Gegner."

"Wenn sie etwas wollten, sind sie zum Andreas"

Die Uneinigkeit des Trainer-Duos bleibt auch den Lautern-Profis nicht verborgen. "Die Spieler haben das gemerkt. Und wenn dann einer über die Woche stark trainiert und nicht gespielt hat, ist der Bumerang immer bei mir gelandet", so Stumpf, der seine Glaubwürdigkeit in Gefahr sah.

Auch im Hinblick auf Disziplin hatten die beiden Trainer unterschiedliche Ansichten. "Die Problematik war, dass die Spieler die Situation ausgenutzt haben, um sich einen Vorteil zu verschaffen", blickt Stumpf zurück: "Sie wussten, dass ein Reinhard Stumpf 100 Prozent professionell ist und dass sie einige Dinge bei mir nicht machen können. Wenn sie etwas wollten, sind sie zum Andreas." Diese Suche nach Lücken habe letztlich auch intern zum Bruch geführt. 


Ein Bild aus besseren Zeiten: Brehme und Stumpf nach ihrem ersten Sieg

Der sportliche Erfolg überdeckt die angespannte Lage allerdings für einige Zeit. In der ersten Saison schaffen es die Roten Teufel bis ins Halbfinale des UEFA Cups. Im zweiten Jahr des Gespanns stellt der FCK einen Startrekord auf. "Wir sind damals mit 35 Punkten in der Hinrunde Dritter geworden, die Bayern waren nur Vierter. Es war eine super Runde", erinnert sich Stumpf. Der Verein verlängert mit dem Duo bei "gleicher Rollenverteilung", wie Stumpf betont. Doch die Querelen nehmen zu. "Es waren immer mehr Konflikte vorhanden. Die Mannschaft hat nicht mehr so frei aufgespielt wie in den ersten 17 Spielen. Das haben wir wohl unterschätzt", muss Stumpf zugeben. Die Roten Teufel rutschen am letzten Spieltag nach einer 3:4-Niederlage in Stuttgart noch aus den UEFA-Cup-Rängen.

"Die Stimmung war gegen uns"

"Ich war überzeugt, dass sie uns beide nach diesem Spiel entlassen. Vor allem im Vorstandsbereich war die Stimmung gegen uns", erinnert sich der 55-Jährige: "Sie konnten es jedoch nicht machen. Weil wir gerade neue Verträge unterzeichnet hatten." Das Duo geht also ins dritte Jahr. Taktisch hinkt Lautern der Liga hinterher. Stumpf setzt sich dafür ein, dass der Verein seine Spielweise modernisiert und vom antiquierten 3-5-2 mit Libero auf modernes 4-4-2 umstellt. Brehme stimmt zu. Doch nach einer krachenden Testspielniederlage gegen Eintracht Trier werden beide zu Klub-Boss "Atze" Friedrich zum Rapport bestellt.

"Er hat uns richtig zur Minna gemacht", blickt Stumpf zurück: "Was uns einfallen würde, mit einer Viererkette zu spielen. 'Nein, das will ich nicht mehr sehen'." Darauf habe Brehme nur gesagt: "Atze, du hast Recht." 

"Richtig enttäuscht"

"In dem Moment hätte ich aufstehen und sagen müssen: Das war es. Doch ich wollte nicht allzu früh aufgeben", erklärt Stumpf mit Blick auf die von ihm als Verrat empfundene Aussage seines Teammanagers. Stattdessen muss sich der damals 38-Jährige sogar mit seiner Degradierung abfinden. "Andreas, Du musst mehr Verantwortung übernehmen - auch im Training", habe der FCK-Boss gesagt: "Reinhard, Du gehst einen Schritt zurück."

Die Vorkommnisse im Büro des Präsidenten bleiben haften. "Menschlich war ich richtig enttäuscht. Es war traurig zu erleben, dass mein Teammanager nicht versucht hat, mich zu schützen. Wir hatten ja gemeinsam diese Systemumstellung beschlossen", schaut Stumpf zurück und fügt hinzu: "Dass er so leicht modernen Fußball weg kippt und damit unsere Erfolgschancen mindert, hat mich enttäuscht."

Brehme verleumdet Stumpf

Doch der viel größere Knall soll erst noch folgen. Die Lauterer beziehen ein Trainingslager in der Schweiz in Vorbereitung auf das kommende UI-Cup-Spiel, das an einem Sonntag stattfindet. Es hagelt unter der Woche eine weitere Testspiel-Pleite. "Wir konnten doch aber den Kopf nicht in den Sand stecken", sagt Stumpf: "Also habe ich mich am Donnerstag mit Andreas zusammengesetzt und mit ihm besprochen, dass ich noch am gleichen Abend Richtung Kaiserslautern vorfahre, schaue, dass das Hotel tipptopp ist und dass ich am Samstag das Abschlusstraining unseres Gegners auf dem Betzenberg beobachte." Brehme sollte das Auslaufen am Freitagmorgen leiten und dann mit den Spielern im Laufe des Tages nachkommen, so die klare Absprache.

Doch während sich Stumpf auf dem Weg in die Heimat befindet, macht sich ein Trupp aus Kaiserslautern rund um Vorstandsboss "Atze" Friedrich ins Trainingslager auf. Vermutlich, um das Trainer-Gespann in Gänze zu feuern. Doch Stumpf hat das Trainingslager bereits verlassen. Und Brehme schweigt hinsichtlich der gemeinsamen Vorgehensweise - wissentlich und trotz der klaren Vereinbarung mit seinem Kollegen.

"Die zweite menschliche Enttäuschung"

"Daraufhin habe ich eine Meldung bekommen, dass ich gesucht werde, angeblich wusste keiner, wo ich sei", führt Stumpf aus. Als er schließlich am Samstag auf der Tribüne sitzt und den kommenden UI-Cup-Gegner beobachtet, geht über die Radiokanäle: Stumpf entlassen. "Kein Mensch hat mir etwas gesagt", erklärt er. Die Begründung folgt erst am darauffolgenden Montag. "Ich hätte die Mannschaft ohne Nachricht in ihrer schlimmen Situation im Stich gelassen", so die offizielle Begründung.

"Es war die zweite menschliche Enttäuschung mit Andreas Brehme, dass er nicht gesagt hat, dass wir darüber gesprochen haben. Warum? Weil er selbst gerne Cheftrainer werden wollte?", fragt sich Stumpf bis heute. "Vielleicht war das einfach auch eine Geschichte, die die Verantwortlichen daraus gemacht haben, die ihnen gelegen kam", vermutet er: "'Sag doch einfach, dass er dir nichts gesagt hat, dann wirst du Cheftrainer. Ich weiß es nicht. Die ganze Geschichte lässt viel Raum für Spekulation."


Im UEFA Pokal ist in der Saison 2000/2001 erst im Halbfinale Schluss

Der Fall geht vor das DFB-Schiedsgericht. Gleichzeitig hätten ihn Friedrich und Co. "mit Dreck beschmissen" und Unwahrheiten gestreut. "Somit erhielt ich eine schlechte Reputation, die ich selbst heute noch spüre." Unter anderem soll Stumpf FCK-Profis ungerechtfertigt zu Sonderschichten genötigt haben. "Ich hätte diese Spieler seelisch und moralisch torpediert", ärgert er sich noch heute über die Vorwürfe und fügt an: "Das waren alles Dinge, die nur an den Haaren herbeigezogen waren. Das war absoluter Nonsens, der nicht meinem Typ entspricht und es hat wehgetan. Das muss ich ehrlich sagen."

"Etwas, das immer noch in mir brennt"

Die Sprengung des Gespanns Stumpf/Brehme zeigt nicht den erhofften Effekt. Mit Brehme als Cheftrainer scheidet das Team aus dem UI-Cup aus und verpasst damit das internationale Geschäft. Nach nur einem Punkt aus drei Spielen in der Liga muss der Weltmeister von 1990 ebenfalls seinen Hut nehmen. 

An Stumpf nagen die Ereignisse von damals bis heute. "Es ist etwas, das immer noch in mir brennt. Was nie rausgekommen ist", beschreibt der 55-Jährige seine Gefühlslage. Ob er als alleiniger Chefcoach erfolgreicher gewesen wäre? "Ich denke, dass ich dann genauso gute Arbeit geleistet hätte. Vielleicht auch nicht. Das ist alles spekulativ. Ich weiß nur, dass ich dann einen anderen Weg gegangen wäre."

Vom Verein hätte er sich nach seiner langen Historie jedenfalls mehr Unterstützung gewünscht. "Ich bin als Spieler deutscher Meister und Pokalsieger geworden, als Assistenztrainer nochmals deutscher Meister. Ich habe einiges zu den Erfolgen des Vereins beigetragen", fasst Stumpf zusammen: "Dass man sich auf einmal so gegen mich stellt, muss einen Grund haben, der sich mir bis heute nicht erschließt. So geht man auf jeden Fall nicht mit Menschen um."

Das Gespräch führte Christian Rohdenburg