DT(B)-Mannschaft setzt auf Mythos Becker

13.09.2017 17:30
Boris Becker beim Davis Cup 1998
Boris Becker beim Davis Cup 1998

Im Überschwang der Gefühle leistete sich Michael Kohlmann sogar einen Scherz auf Kosten des größten deutschen Tennis-Idols. "Wenn Boris die Krücken nicht dabei hat", könne man über seinen Einsatz in der Relegation reden, witzelte der Davis-Cup-Teamchef vor dem Abstiegskampf in Portugal über seinen am Sprunggelenk operierten Chef: "Wir müssen sehen, wie er aus dem Flieger springt."

Es ist zwar nicht so, dass Kohlmann und seine vier Spieler die Ankunft des großen Boris Becker wie die eines Heilsbringers herbeisehnen, und doch verknüpft die deutsche Delegation in Lissabon Hoffnungen mit dem dreimaligen Wimbledonsieger. "Es sind Kleinigkeiten, die er uns hier beibringen kann", sagte Jan-Lennard Struff: "Boris weiß, was man in den wichtigen Momenten machen muss."

Struff ist nach den Absagen der Zverev-Brüder Alexander und Mischa sowie von Philipp Kohlschreiber die Nummer eins der Mannschaft, die ab Freitag (12:00 Uhr) den Absturz in die Zweitklassigkeit verhindern soll. Als "B-Mannschaft" würde er die Auswahl mit Cedrik-Marcel Stebe, Yannick Hanfmann und Tim Pütz dennoch nicht bezeichnen, auch Kapitän Kohlmann findet, dieser Titel werde seinen Spielern nicht gerecht.

Kohlmann: "Katastrophe ist so ein großes Wort"

Den Glanz in den Vorort Oeiras bringt jedoch erst Becker, der zweimalige Davis-Cup-Champion, seit wenigen Wochen als Kopf des deutschen Männertennis zurück im Schoße des Verbandes. Kein Spieler der aktuellen Mannschaft kann sich persönlich an Beckers Großtaten im Nationalteam erinnern, doch jeder hat einmal davon gehört: von Hartford '87, von Göteborg '88 oder Stuttgart '89. Der Mythos Davis Cup begründet sich in Deutschland vor allem über Beckers legendäre Tennis-Schlachten.

Doch dieser Mythos ist in Gefahr. "Katastrophe ist so ein großes Wort", sagte Michael Kohlmann, "aber ein Abstieg wäre für uns mit Sicherheit nicht gut." In der zweiten Liga des Welttennis, ohne die Aussicht auf große Bühnen oder gar einen Titel wäre ein kommender Weltstar wie Alexander Zverev wohl kaum noch zu einem Einsatz für Deutschland zu bewegen.

Kohlmann hat die Qual der Wahl

Umso größer erscheint die Herausforderung für die unerfahrenen Gäste im Clube de Ténis do Jamor von Oeiras. Doch unter der portugiesischen Spätsommer-Sonne reift der Glaube an die eigene Stärke. Struff und Stebe haben Deutschland bereits vor dem Abstieg gerettet - Struff gewann im Vorjahr beim Stand von 2:2 gegen Polen sein Match, Stebe bezwang vor fünf Jahren den ehemaligen Weltranglistenersten Lleyton Hewitt aus Australien im entscheidenden Einzel.

An diesen "coolen Moment" kann sich auch Yannick Hanfmann noch bestens erinnern, er verstärkte seinen Traum, irgendwann einmal für Deutschland zu spielen. Starke Auftritte auf Sand, darunter der Finaleinzug im Schweizer Gstaad mit einem Erfolg über Joao Sousa, dem einzigen portugiesischen Top-100-Spieler, haben Hanfmann Selbstvertrauen verliehen. So hat Kohlmann in Absprache die Qual der Wahl für die Einzel, Tim Pütz ist für das Doppel vorgesehen. Becker nimmt in der Box Platz. Dort ist er für die Mannschaft am wertvollsten.