Im Schatten von Disney: Ullrichs Lust - Riis' Frust

22.07.2017 13:28
Jan Ullrich machte beim Zeitfahren auf der 20. Etappe 1997 seinen Toursieg perfekt
Jan Ullrich machte beim Zeitfahren auf der 20. Etappe 1997 seinen Toursieg perfekt

Am Samstag steht auf der 20. und vorletzten Etappe der Tour de France mal wieder ein Einzelzeitfahren auf dem Programm. Auf den 22,5 Kilometern quer durch Marseille könnte die endgültige Entscheidung um den Toursieg fallen. Vor 20 Jahren stand Jan Ullrich zum gleichen Zeitpunkt der Rundfahrt von 1997 kurz vor seinem größten Triumph. Team-Kollege und Vorjahressieger Bjarne Riis stand unterdessen kurz vor dem Zusammenbruch.

Am 26. Juli 1997 fuhr Jan Ullrich bereits seit elf Tagen im Gelben Trikot. Schon vor dem anstehenden Zeitfahren rund ums Disneyland von Paris war "Ulle" der Tour-Sieg kaum noch zu nehmen. Zu stark war der Rostocker in den Bergen, zu dominant im ersten Zeitfahren.

Die Konkurrenz schon abgehängt 

Auf der 12. Etappe in Saint-Étienne hatte Ullrich im ersten Zeitfahren eine Wahnsinnsfahrt hingelegt. Der zweifache Zeitfahr-Weltmeister war als Letzter genau drei Minuten hinter Richard Virenque auf den 55,5 Kilometer langen Kurs gegangen. Kurz vor dem Ziel kassierte Ullrich seinen ärgsten Widersacher im Gesamtklassement und feierte seinen zweiten Etappensieg mit einem Paukenschlag.

Den ersten hatte er bereits drei Tage zuvor geholt. Mit einem legendären Höllenritt durch die Pyrenäen mauserte sich Ullrich endgültig zur Nummer eins im Team Telekom und zum Topfavoriten auf den Toursieg.

Über eine Minute nahm der deutsche Radprofi den Bergexperten Virenque und Pantani im Anstieg nach Andorra-Aracalis ab und schlüpfte ins Gelbe Trikot. Er sollte es bis zur Zieleinfahrt auf der Champs-Élysées anbehalten.

Demonstration der Zeitfahrstärke

Obwohl der Deutsche schon vor dem abschließenden Zeitfahren am 26. Juli beste Aussichten auf den Gesamtsieg hatte, trat der damals 23-Jährige nochmal ordentlich in die Pedalen und bewies seine Stärke im Kampf gegen die Uhr.

Dem Zweitplatzierten Virenque knüpfte Ullrich erneut fast drei Minuten ab, dem Dritten Pantani gar fast vier Minuten. Lediglich dem Spanier Abraham Olano musste der Rostocker sich diesmal geschlagen geben.

Vor der abschließenden Spazierfahrt nach Paris hatte Ullrich damit einen satten Vorsprung von 9:09 Minuten auf seinen ersten Verfolger – der größte finale Vorsprung seit 1984. In den französischen Medien war Ullrich fortan mal der "neue Kaiser" und mal der "Chef". Auch wenn die Karriere ganz so ruhmreich dann doch nicht wurde, so war er in diesem Sommer tatsächlich der König der Radfahrer.

Die Leiden des Bjarne Riis

Während Jan Ullrich seinem größten Triumph entgegen rollte, hielt das Zeitfahren in Paris für Telekom-Kapitän Bjarne Riis eine weitere böse Überraschung bereit. Beim Dänen gipfelte eine Tour voller Pleiten, Pech und Pannen am Vorschlusstag in einem bis heute legendären Wutanfall.

Den Kontakt zur Spitze hatte Riis schon in den Alpen verloren. Der Vorjahressieger war körperlich nicht auf der Höhe und musste mehrfach abreißen lassen. Als das abschließende Zeitfahren anstand, hatte der Kapitän des Teams Telekom bereits über 18 Minuten Rückstand auf Ullrich und die Führungsrolle längst an seinen Teamkollegen verloren.

Legendärer Ausraster

Beim Zeitfahren wollte Riis aber nochmal zeigen, dass dies nur eine Ausnahme und er weiter der starke Mann im Team war. Und der Däne sollte einen denkwürdigen Auftritt haben, allerdings nicht im positiven Sinne.

Schon nach einigen Kilometern musste Riis sein defektes Hinterrad tauschen und verlor dadurch kräftig Zeit. Als er gerade wenige Meter mit dem neuen Hinterrad unterwegs war und Schwung holen wollte, wurde es noch schlimmer.

Die Kette sprang von seinem eben erst reparierten Rad ab, Riis verlor völlig die Fassung. Der Telekom-Kapitän stieg ab, packte sein Gefährt mit beiden Händen und schleuderte es vor laufenden Kameras im hohen Bogen auf die Grünfläche neben der Straße.

Der Frust über die schwache eigene Leistung, über den Jungspund Ullrich, der von seinem Wasserträger zu seinem Vorgesetzten geworden war und die technischen Probleme an diesem Tag – das war einfach zu viel für den sonst so besonnenen Dänen.

Zumindest stieg Riis einige Zeit nach diesem legendären Wurf nochmal in den Sattel und trudelte mit über neun Minuten Rückstand doch noch über die Ziellinie. An seinem Gesamtresultat änderte diese Katastrophenetappe nicht mehr viel. So konnte er dann aber zumindest am nächsten Tag den großen Triumph des Jan Ullrich auf der Champs-Élysées aus nächster Nähe miterleben.

Lennart Wegner