VFL-Boss Rebbe exklusiv: "Geht nicht um Gesichter"

14.04.2017 15:45
Olaf Rebbe leitet seit Dezember 2016 die Geschicke des VfL Wolfsburg
Olaf Rebbe leitet seit Dezember 2016 die Geschicke des VfL Wolfsburg

Seit der Entlassung von Klaus Allofs im Dezember 2016 ist Olaf Rebbe für die Profis des VfL Wolfsburg verantwortlich. Der 38-Jährige hat im Winter neue Spieler wie Yunus Mallı verpflichtet, außerdem Valérien Ismaël als Trainer entlassen und Andries Jonker als Nachfolger engagiert.

Im Abstiegskampf stecken die "Wölfe" allerdings noch immer fest. Samstag (15:30 Uhr) steht das Heimspiel gegen den direkten Konkurrenten FC Ingolstadt an. Im exklusiven Interview mit sport.de spricht der Sportdirektor über den Saisonendspurt, die Kaderplanung und junge Fußball-Manager.

Herr Rebbe, steht der VfL Wolfsburg am Samstag besonders unter Druck, wenn man das schwierige Restprogramm mit Gegnern wie Hertha BSC, Bayern München und Gladbach berücksichtigt?

Olaf Rebbe: Ein Spiel gegen einen direkten Konkurrenten möchten wir, wie jedes andere auch, natürlich gewinnen. Wir schauen gar nicht so sehr auf das Restprogramm. Leider haben wir zu Hause bereits gegen Mannschaften wie Augsburg, Freiburg und Bremen Punkte liegen gelassen. Die brauchen wir nun dringend.

Der VfL Wolfsburg ist die zweitschwächste Heimmannschaft. Warum lief es in der Volkswagen Arena bislang so schlecht?

Das ist teilweise kurios. Gegen Bremen und Freiburg hatten wir ein klares Chancen-Plus. Auch gegen Augsburg hätten wir gewinnen müssen. Wir belohnen uns für den Aufwand nicht, sind manchmal in der Defensive zu unachtsam.

Die Verpflichtung von Yunus Mallı im Winter war mit hohen Erwartungen verbunden. War die Erwartungshaltung vielleicht zu hoch?

Nein. Aber man muss ihm eine gewisse Eineingewöhnungszeit zugestehen. Er hat in einigen Spielen bereits gezeigt, was er kann. Wir sind überzeugt, dass Yunus in den verbleibenden Spielen noch wichtig für uns wird.

Ein häufiger Kritikpunkt lautet, der VfL habe viele Spieler für die Zentrale, dafür aber zu wenig Qualität auf den Außenseiten. Wie ist Ihre Meinung?

Damit täte man unter anderem Paul-Georges Ntep, Jakub Błaszczykowski und Vieirinha unrecht. Richtig ist, dass wir in der Zentrale gut besetzt sind. Wir spielen teilweise ohnehin nicht mit den typischen Außenspielern, sondern eher mit einer Doppel-Zehn. Wir haben einen ausgewogenen Kader, aber leider auch viel Verletzungspech. Die Ausfälle von Jeffrey Bruma, Ricardo Rodríguez und Paul-Georges Ntep fallen schwer ins Gewicht.

Sie haben die fünftjüngste Mannschaft der Bundesliga, haben im Winter nicht nur Mallı, sondern zum Beispiel auch den 20-jährigen Riechedly Bazoer verpflichtet. Wäre nicht ein erfahrener Spieler mit Erfahrung im Abstiegskampf aktuell hilfreicher gewesen?

Riechedly Bazoer ist ein guter Spieler, der bei uns in der Startelf steht und einen absoluten Aufwärtstrend zeigt. Ob wir mit einem erfahrenen Spieler besser dastehen würden, ist sehr hypothetisch.

Fällt es Ihrer Mannschaft vielleicht schwer, sich auf den Abstiegskampf einzustellen? Viele dieser Spieler haben vor einem Jahr noch in der Champions League gespielt und hätten fast Real Madrid aus dem Wettbewerb befördert.

Nein, das denke ich nicht. Aber in diesem einen Jahr ist einiges passiert. Viele Spieler sind mit ihrer eigenen Entwicklung nicht zufrieden. Aber wir stehen zusammen. Die Spieler arbeiten sehr hart daran, aus dieser Situation herauszukommen. Trainer Andries Jonker betont es immer wieder: Manchmal muss man die Spieler sogar bremsen.

Mario Gomez hat bei seiner Verpflichtung gesagt, dass das Ziel Europa sei und man anderenfalls über die Zukunft noch einmal sprechen müsste. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass er dem Verein über den Sommer hinaus erhalten bleibt?

Damit beschäftigen wir uns aktuell nicht. Wir haben vereinbart, dass wir nach der Saison sprechen. Ich nehme positive Signale von ihm wahr, er fühlt sich in Wolfsburg sehr wohl, bekennt sich zum VfL und marschiert in der jetzigen Situation mit großer Leidenschaft voran.

Demzufolge gibt es vielleicht gar nicht viel zu besprechen?

Möglicherweise nicht. Sein Verbleib ist eher ein öffentliches Thema. Wir und auch Mario beschäftigen uns momentan damit gar nicht.

Sie haben den Trainerwechsel vorgenommen, nachdem der VfL Wolfsburg gegen den SV Werder Bremen zwar verloren hat, allerdings die klar bessere Mannschaft war. Man konnte Ex-Trainer Valérien Ismaël also nicht vorwerfen, die Mannschaft nicht gut vorbereitet zu haben. Warum war das dennoch der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel?

Valérien Ismaël hat gute Arbeit geleistet und die Mannschaft in Schuss gebracht. Letztendlich haben ihm die Punkte gefehlt. Wir mussten einen neuen Impuls setzen. Sieben Punkte aus den ersten drei Spielen unter Andries Jonker haben gezeigt, dass es die richtige Entscheidung war.

Ist es denkbar, dass Ismaël trotzdem wieder in den Verein eingebunden wird? Zumindest bei der zweiten Mannschaft hat er gute Arbeit geleistet, hätte das Team fast sogar in die 3. Liga geführt.

Das ist richtig. Aber aktuell ist es so, dass er sich entschieden hat, beim VfL keine Trainerfunktion mehr zu übernehmen.

Für die kommende Saison steht bislang nur der Zugang von Marvin Stefaniak fest. Wie schwierig ist die Kaderplanung für die nächste Spielzeit, wenn die Ligazugehörigkeit noch nicht sicher ist?

Es wäre sicher einfacher, wenn wir auf Tabellenplatz acht oder neun stehen würden. Sie können versichert sein, dass wir klare Vorstellungen haben, was zu tun ist und wohin wir mit dem VfL wollen. Momentan hat allerdings der Klassenerhalt absolute Priorität. Tatsache ist, dass das eine sehr turbulente Saison ist. Die kommende Saison sollte in ruhigeren Fahrwassern verlaufen.

In der Öffentlichkeit wird es häufig so dargestellt, als würde der VfL Wolfsburg zukünftig keine großen Stars mehr verpflichten und stattdessen auf junge Talente und Eigengewächse setzen. Findet nun wirklich so ein Kurswechsel statt?

Fakt ist, dass wir auch zukünftig erfolgreich sein wollen und dafür unsere Bordmittel nutzen möchten – dazu zählt unsere Nachwuchsabteilung, die VFL-FUSSBALL.AKADEMIE. Unsere U 19 ist jetzt Nord/Ostdeutscher Meister geworden, steht im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Eigene Talente spielen in unserer Planung eine große Rolle. Aber letztendlich braucht eine Mannschaft einen guten Mix. Dazu gehören auch erfahrene Spieler.

Spieler wie Mario Gomez und zuletzt Julian Draxler oder Andre Schürrle sind bekannte Gesichter. Braucht der VfL vielleicht solche Farbtupfer, um bundesweit wahrgenommen zu werden?

Es geht nicht um Gesichter, sondern um die Identifikation und die Art und Weise, wie wir Fußball spielen. Wenn das mit jemandem wie Mario Gomez gut funktioniert, ist das wunderbar. Seine Bekanntheit wirkt sich natürlich positiv aus. Aber der Fußball steht im Mittelpunkt. Wir werden auf junge Spieler setzen, aber sicherlich auch immer wieder einmal Spieler verpflichten, die international bekannt sind.

Sie stehen nun seit der Entlassung von Klaus Allofs in der Verantwortung. Sie hatten ein enges Verhältnis zu ihm, er hat Sie damals aus Bremen geholt. Wie war es für Sie, plötzlich seine Rolle einzunehmen?

Das kam natürlich alles sehr kurzfristig. Ich konnte viel von Klaus Allofs lernen und wir haben auch nach wie vor Kontakt. Inhaltlich ist es so, dass ich als Leiter Sport auch vorher schon in der Verantwortung stand. Ich war für die Akademie zuständig und in Teilen für die Kaderplanung unserer Bundesligamannschaft. Das Kerngeschäft kannte ich also. Natürlich sind neue Aufgaben wie zum Beispiel die Medienarbeit hinzugekommen.

Sie sind nach Leverkusens Jonas Boldt und Hoffenheims Alexander Rosen der drittjüngste Manager in der Bundesliga. Gibt es nicht nur bei den Spielern und Trainern, sondern jetzt auch bei den Managern einen Trend zu jungen Menschen?

Es mag immer mehr junge Menschen geben, die das Potential für so eine Position haben, weil sie früh in das Fußballgeschäft eingestiegen sind. Am Ende entscheidet das Können. Alexander Rosen und Jonas Boldt sind wie ich schon lange im Fußball unterwegs, haben zehn bis 15 Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet. Letztendlich geht es auch hier nicht darum, ob jemand jung oder alt ist, sondern wie gut jemand in seinem Job ist.

Das Gespräch führte Oliver Jensen