Troy Tomlin exklusiv: "NFL nicht vergleichbar"

13.04.2017 16:06
Troy Tomlin (r.) geht zuversichtlich in die neue Saison
Troy Tomlin (r.) geht zuversichtlich in die neue Saison

Troy Tomlin geht in seine neunte Saison als Head Coach des deutschen Rekordmeisters der German Football League (GFL), den New Yorker Lions Braunschweig.

Im ersten Teil des großen sport.de-Interviews spricht der US-Amerikaner über die Stellschrauben der Braunschweiger, die Saisonziele 2017 und den heißen Titelkampf in der GFL.

Herr Tomlin, am 22. April starten Sie in die neue Football-Saison. Sie befinden sich derzeit mit Ihrem Team noch in der Vorbereitung. Im Fußball wird in einer Vorbereitung der Schwerpunkt zunächst auf die Fitness der Spieler gelegt, dann erst auf die Spieltaktik. Wie funktioniert das im Football?

Ein Fußballspiel ist fortlaufend. Beim Football muss man immer 100 Prozent bei jedem Spielzug geben, aber es gibt immer kurze Pausen zwischen den Aktionen. Natürlich arbeiten die Jungs auch an ihrer Fitness. Aber es werden andere Muskelgruppen beansprucht und die Belastung ist anders. Bis jetzt bin ich eigentlich zufrieden. Ich glaube die Jungs sind auf dem richtigen Weg.

Gibt es einen Coach, der Ihre Arbeit beeinflusst?

Da gibt es einige. Wir schauen immer auf verschiedenen Websites. Es gibt Coaches, die einen Artikel über eine Taktik oder einen Spielzug geschrieben haben. Das gucken wir uns natürlich an. Ich selbst bin ein Fan von Offensive Line Coach Jim McNally, der jahrelang in der NFL tätig war. Es gibt viele Dinge, die wir uns gerne von ihm abgucken.

Auch Bill Belichick beobachten wir genau, da er großen Erfolg in der NFL hat. Man versucht dann zu analysieren, wie sein Team spielt, um für sich selbst etwas zu übernehmen. Wir sind aber immer offen, mit anderen Trainern zu reden, um vielleicht auch etwas Neues zu lernen oder unser Wissen weiterzugeben.

Hatten Sie in der spielfreien Zeit mit vielen Wechseln zu kämpfen?

Das ist eigentlich immer abhängig von der Situation. In manchen Jahren gibt es keine großen Änderungen. Manchmal haben die Jungs durch ihr Studium oder ihren Job anderes zu tun, oder sie haben eine schwerwiegende Verletzung. Dieses Jahr war es ein bisschen mehr als in der Vergangenheit. Wir haben ungefähr 15 neue Spieler im Kader. Aber das ist eigentlich normal und wir bauen jetzt mit den neuen Jungs etwas Neues auf.

Wie funktioniert die Kaderzusammenstellung in einem solchen Fall? Liegt der Fokus auf dem Scouting anderer Ligen oder setzen Sie eher auf Ihre Jugendarbeit, die Reserve oder die Tryouts?

Das ist bei uns ziemlich ausgeglichen. Wir nutzen viele Möglichkeiten, neue Jungs zu finden. Einige Spieler sind aus den anderen europäischen Ligen zu uns gewechselt, ein Teil kam aus unserer Jugend oder der Reserve. Fünf oder sechs Spieler haben es über die Tryouts geschafft.

Wer sind die Schlüsselspieler für die kommende Saison?

Für die Offense ist es immer wichtig, dass der Quarterback einen guten Rhythmus bekommt. Casey [Therriault, Anm. d. Red.] hat da zum Glück genug Erfahrung. Aber ich glaube, es ist auch wichtig, wie die Offense Line zusammenspielt. Das gilt natürlich auch für die Defensive. Unser Defense Back Christian Petersen ist bei uns quasi der Quarterback der Verteidigung. Und ich freue mich sehr, dass Kerim Homri [Linebacker] wieder zurück ist. Er ist ein wichtiger Schlüssel und eigentlich das Herz unserer Verteidigung. Hoffentlich bleibt er verletzungsfrei. Aber am wichtigsten ist, dass wir als Mannschaft gut zusammenspielen und alle ihren Job machen.

Wer könnte die größte Überraschung werden? Wen sollte man im Auge behalten?

Es ist noch früh in der Saison, deshalb ist das schwer zu sagen. Vielleicht unser Neuzugang Georg Burmeister, der macht einen guten Job. Auch Justus Holtz, der aus unserer Jugendmannschaft kommt, spielt gut. Aber die zwei sind nur Beispiele. Ich bin insgesamt mit der Leistung meiner Jungs zufrieden.

Wie wichtig ist der Verbleib von Casey Therriault, der Ihr Team bereits zu einigen Titeln getragen hat?

Ich freue mich darüber. Wir verstehen uns gut und es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten. Er macht seine Sache ziemlich gut und kennt unser System. Das ist ein wichtiger Faktor für die Saison.

Sind Sie überhaupt zu stoppen, nachdem er jetzt zum ersten Mal auch die Vorbereitung mit dem Team absolviert hat?

Das ist unmöglich vorherzusagen. Die Saison ist so lang, da kann viel passieren. Aber wir müssen vor allem als Team gut zusammenarbeiten. Da hatten wir letztes Jahr ein paar Probleme. Manchmal hat die Offensive gut gespielt, aber die Defensive hatte Schwierigkeiten oder umgekehrt. Aber wenn jeder für jeden kämpft, haben wir immer unsere Möglichkeiten. Und am Ende können wir hoffentlich einen Titel holen.

Welche Saisonziele haben Sie sich gesetzt? Hat sich die Erwartungshaltung nach vier Meisterschaften und zwei Eurobowls in Folge verändert?

Wir können nicht in die NFL aufsteigen, also können sich unsere Erwartungen auch nicht verändern... (lacht) Unser Ziel ist es, uns jede Woche ein wenig zu verbessern und unser bestes Football zu zeigen, um dann die Spiele zu gewinnen. Natürlich wollen wir wie jedes Jahr die Meisterschaft gewinnen. Und auch im Eurobowl wollen wir ein Wörtchen mitreden. Dafür müssen wir zunächst unsere Spiele gegen Amsterdam und Badalona gewinnen.

Wie schätzen Sie Ihre Konkurrenz ein? Wer ist noch ein Titelkandidat?

Bei uns in der Nordgruppe ist es ziemlich eng. Kiel, Dresden und die Berlin Rebels sind alle sehr stark. Letztes Jahr war es zwischen den Mannschaften bis zum letzten Spieltag spannend. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass die Berlin Adler und Hildesheim eine Rolle spielen werden. Sie haben sich gut verstärkt und viele erfahrene Spieler geholt.

Der Süden sieht ebenfalls sehr sehr stark aus. Mit Frankfurt und Schwäbisch Hall haben sie dort zwei Topmannschaften mit viel Tradition. Auch Allgäu hat ein gutes Team. Ich erwarte mir dort einige starke Konkurrenten. Den Titel zu holen wird ein harter Kampf. Wir müssen uns gut vorbereiten.

Was erwarten Sie vom ersten Saisonspiel gegen die Amsterdam Crusaders?

Amsterdam hat viel Tempo. Sie haben einige schnelle Defense Backs und Wide Receiver. Und ihr Quarterback ist sehr beweglich und hat ein gutes Passspiel. Außerdem haben sie bereits einige Spiele gespielt und sind dabei noch ungeschlagen. Wir dagegen haben noch gar kein Spiel gehabt. Das kann natürlich ein Nachteil sein. Hoffentlich bleiben wir von Verletzungen verschont und können unsere Leistung abrufen.

Hier geht's zu Teil II: Lions-Erfolgstrainer Troy Tomlin über das steigende Interesse am Football, den Vergleich mit der NFL und seine persönliche Erfolgsgeschichte in Braunschweig.