Frenzel-Kolumne: "Unendliches Glück"

20.03.2017 14:20
Eric Frenzel freute sich ausgiebig über den Gewinn der großen Kristallkugel
Eric Frenzel freute sich ausgiebig über den Gewinn der großen Kristallkugel

Eric Frenzel ist als Sieger des Gesamtweltcups 2013 bis 2017 der erfolgreichste Nordische Kombinierer aller Zeiten. In seiner sport.de-Kolumne schreibt Frenzel dieses Mal exklusiv über das dramatische Traum-Finale in seiner Heimat.

Es war in Ansehung des gesamten Saisonverlaufs der schwersterrungene Sieg hinsichtlich der großen Kugel und es gab in den letzten zwei Wochen schon einige Momente, in denen ich zweifeln konnte, ob ich am Saisonende tatsächlich meinen großen Traum umsetzen könnte.

Drei Wettkämpfe vor Saisonschluss lag ich hinter Johannes Rydzek, der den Winter seines Lebens erleben konnte und der ein ebenbürtiger Gegner beim Kampf um die große Kugel war. Drei Rennen verblieben nur noch, um das Ruder wieder an mich zu reißen. Dass im Ergebnis drei Siege heraussprangen, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Das letzte Rennen in Schonach vor heimischen Publikum war dann in der Tat das erträumte Finale, das dramatischer nicht hätte verlaufen können, nachdem ich einen schlechten Sprung von der Schanze hatte und Johannes vor mir in die Loipe ging.

Showdown bei Frühlingsanfang​​

Laufen mit Rechenschieber? Nein, das ist nicht meine Art, ich wollte kämpfen und so viele Plätze im Rennen wie möglich gut machen, damit ich meinen hauchdünnen Vorsprung im Gesamtweltcup halten konnte. Die weiße Loipe inmitten grüner Wiesen war äußerst schwierig zu laufen, da die hohen Temperaturen die Strecke natürlich weich und tief machten.

Johannes lief vorne weg und die Meute mit mir hinterher. Ich hatte einen guten Ski erwischt und auch mein Körper insgesamt war auf Angriff gepolt. Platz für Platz konnte ich abarbeiten und mich schlussendlich sogar von der Verfolgergruppe lösen, was Platz zwei im Rennen bedeutete, was ja für den Gesamtweltcup ausreichend war; doch ich wollte mich darauf nicht ausruhen, denn ich merkte, dass ich den Abstand auf Johannes auch weiterhin verringern konnte.

Konnte es sein, dass die Kraft noch für den Tagessieg da war?

Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, auch die vier knappen Sprint– und Fotofinish-Entscheidungen, die ich gegen Johannes verloren hatte und die mich trotz Hundertstelentscheidungen ganze 80 Punkte in der Weltcupwertung gekostet hatten. Jetzt konnte ich Johannes vor mir sehen und ich erkannte auch, dass er schwer lief. Eine bekannte Rennsituation, die den Verfolger grundsätzlich nochmal mehr beflügelt – und dies war auch bei mir der Fall!

Ich holte Johannes ein und hielt zugleich die Grundgeschwindigkeit hoch. Ich merkte, dass ich derjenige war, der heute mehr Körner hatte. Meter für Meter entstand zwischen uns, bis die Gewissheit des Tagessiegs da war. Im Ziele hätte ich gerne die ganze Welt umarmt: die große Kugel war wieder bei mir!

Herzlichst
Eric Frenzel

Die Kolumne wird präsentiert von "eins energie in sachsen"