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Banges Warten auf Armstrongs Beichte

16.01.13 18:28
Banges Warten auf Armstrongs Beichte
Die US-Behörden wollten keinen Millionen-Deal mit Lance Armstrong eingehen. Foto: Warren Toda, DPA

Das Wohl und Wehe des gesamten Radsports hängt mal wieder an Lance Armstrong. Mit seiner Aussage könnte der des Dopings überführte Texaner, einst Superheld der Branche und mittlerweile im verzweifelten Kampf um sein ramponiertes Image, das ganze System zum Einsturz bringen.

Nach Aussage von IOC-Veteran Richard Pound droht der kontaminierten Sportart das Olympia-Aus, sollte Armstrong dem Weltverband UCI jahrelange Doping-Mitwisserschaft und -Vertuschung nachweisen können. "Die Spitze des Radsports wackelt", meinte die italienische "Gazzetta dello Sport".

Millionen Fans, Fahrer und Funktionäre weltweit warten gespannt auf die Ausstrahlung von Armstrongs Interview mit US-Talk-Ikone Oprah Winfrey am Donnerstag und Freitag. Was der tief gefallene Sportler preisgeben wird, wird im Detail noch geheim gehalten. Vom "Canossagang auf Mutter Oprahs Sofa", schrieb "Der Standard" in Wien.

Auch wenn frühere Weggefährten des Texaners in der Show noch ungeschoren davonkommen - das Insider-Wissen Armstrongs hängt wie ein Damoklesschwert über der Branche. Medienberichten zufolge erwägt der lebenslang gesperrte und anscheinend geständige Ex-Star auszupacken, Namen zu nennen. Nach Kritik von Anti-Doping-Behörden steht die UCI mit dem umstrittenen Präsidenten Pat McQuaid und seinem Vorgänger Hein Verbruggen schon jetzt mit dem Rücken zur Wand.

Am Mittwoch wurde der Verband von der von ihm selbst ins Leben gerufenen Kommission zur Aufarbeitung der Ära Armstrong düpiert. Die fordert, die UCI solle sich nicht gegen Vorschläge internationaler Anti-Doping-Agenturen sträuben. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und die amerikanische Agentur USADA hatten angekündigt, unter den derzeitigen Umständen nicht mit der Kommission zusammenzuarbeiten - ein peinliches Zeugnis für McQuaid, der sich mit Schaffung der Kommission als konsequenter Anti-Doping-Kämpfer präsentieren wollte.

WADA und USADA äußerten große Zweifel an Ernsthaftigkeit und Unabhängigkeit der Kommission und bemängelten, dass Kronzeugen weder Anonymität noch Schutz vor Vergeltung durch die UCI gewährt werden solle. USADA-Chef Travis Tygart, der mit seinen Recherchen Armstrong zu Fall gebracht hatte, äußerte die "erhebliche Sorge, dass die UCI ihrer Unabhängigen Kommission die Augen verbindet und Handschellen anlegt, um ein gewünschtes Untersuchungsergebnis sicherzustellen".

Die Kommission selbst hätte die Änderungsvorschläge der Agenturen an den eigenen Statuten akzeptiert - aber die UCI stellte sich quer. Nun preschte die Kommission selbst nach vorne und verkündete ein öffentliches Treffen, um einen "Wahrheits- und Versöhnungsprozess" voranzutreiben. Mit einem ähnlichen Vorgehen und verkürzten Sperren hatte die USADA Radprofis erst zur Aussage gegen Armstrong überredet.

Die UCI reagierte gereizt und wies die Aufmüpfigen zurecht. "Die Aufgabe dieser Kommission ist es nicht, Doping-Beichtstuhl zu sein", entgegnete der Weltverband. Vielmehr solle das Gremium den in dem umfangreichen USADA-Bericht gegen Armstrong vorgebrachten Hinweisen auf Komplizenschaft innerhalb des Weltverbandes nachgehen.

Eine Ausweitung der Befugnisse an die Kommission oder eine vollständige Amnestie für Kronzeugen lehnte die UCI ab und verwies auf den WADA-Code, der Modifikation nicht zulasse. Zugleich giftete der Verband in Richtung WADA und USADA, dass es auch die Agenturen jahrelange verpasst hätten, Armstrong Doping nachzuweisen.

Die Luft wird dünn für UCI-Boss McQuaid und Vorgänger Verbruggen. Der Niederländer, der Intimus von Armstrong war, dem Weltverband bis 2005 vorstand und immer noch im Hintergrund die Fäden zieht, wähnt sich unantastbar. "Ich stehe weit über diesem Geschwätz, auch wenn das alles sehr negativ für mich ist", sagte er in einem im Dezember geführten und nun erschienenen Interview der Zeitschrift "De Muur".

"Es gab nie Korruption, Armstrong hat nie jemanden innerhalb der UCI bezahlt. Alle Bücher werden das beweisen", betonte das Ehrenmitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) - dabei hatte Armstrong der UCI vor gut zehn Jahren 125.000 Dollar gespendet. Laut USADA-Bericht liegt der Verdacht nahe, er habe sich damit für einen vom Verband vertuschten positiven Dopingtest revanchiert.

Sollten Armstrongs Aussagen die schwerwiegenden Vorwürfe aber untermauern, könnte es für den Profiradsport drakonische Strafen setzen. Richard Pound, früher WADA-Chef und IOC-Vizepräsident, dachte in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters bereits laut über einen Ausschluss des Radsports von den Olympischen Spielen nach.

Derweil kämpft Armstrong, der bei der TV-Aufzeichnung von Oprah Winfrey am Montag angeblich Doping gestanden hat, verbissen um seinen eigentlich bereits in Trümmern liegendem Ruf. Das Helden-Image, das sich der 41-Jährige nach der Krebserkrankung mit den sieben Triumphen bei der Tour de France aufgebaute hatte, ist Armstrong längst los. "Die Erde ist wieder eine Kugel", schrieb die "New York Times".

Nebenbei geht es aber um viel Geld. Wie der TV-Sender CBS berichtete, habe Armstrong den US-Behörden die Rückzahlung von mehr als fünf Millionen Dollar und seine Kooperation als Zeuge angeboten haben. Das Justizministerium habe die Offerten als "unangemessen" ausgeschlagen. In einem laufenden Verfahren, in dem es um Missbrauch von Steuergeldern für Dopingzwecke geht, drohen Armstrong aber noch Rückzahlungsforderungen des ehemaligen Teamsponsors US Postal. "Armstrongs Beichte ist mehr als 100 Millionen Euro wert", meinte die spanische Tageszeitung "El Mundo".

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